Im Eishockey-Fieber

Im Eishockey-Fieber

Bei der WM im eigenen Land zählt für die Tschechen nur der Titelgewinn. Die Teams aus den deutschsprachigen Ländern verfolgen bescheidenere Ziele

30. 4. 2015 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: s.yume

 

Egal ob im Supermarkt, im Café, im Park oder auf dem Fernsehbildschirm: Überall lauern die weißen Hasen Bob und Bobek, manchmal auch mit dem Konterfei von Jaromír Jágr. Während die bekannten Zeichentrickfiguren in die Rolle der Maskottchen für die Eishockey-Weltmeisterschaft in Tschechien geschlüpft sind, verkörpert der 43-jährige NHL-Profi wie kein anderer den hiesigen Nationalsport.

Wie wohl nirgendwo sonst ist die Vorfreude so groß auf ein Ereignis, das alljährlich im Kalender auftaucht und zu dem nur einige Teams mit dem besten Kader anreisen. Vor fünf Jahren konnte die tschechische Eishockey-Nationalmannschaft den WM-Pokal zum letzten Mal in die Höhe stemmen. Eine lange Durststrecke für das erfolgsverwöhnte tschechische Eishockey – angesichts der außergewöhnlichen Ära zwischen 1996 und 2010, in der die Tschechen sechs Titel holten.

Am Freitag fällt nun der Startschuss zur lange herbeigesehnten WM, die bereits zum zehnten Mal in Prag zu Gast ist. Was die sportlichen Ziele anbelangt, sind sich Aktive, Betreuerstab und Fans einig: Nichts anderes als der 13. Titel soll her. Spannend ist die Ausgangslage vor allem für die Eishockeyfans aus den deutschsprachigen Ländern. Deutschland, Österreich und die Schweiz finden sich mit dem Gastgeber in der Gruppe A wieder und treten in der Prager O2-Arena an.

Für den Höhepunkt des Jahres nehmen zahlreiche tschechische Stars aus der nordamerikanischen Profiliga NHL eine Verlängerung der Saison mit Freude in Kauf. Der prominenteste unter ihnen ist Jaromír Jágr (Florida Panthers), der abermals seinen Rücktritt vom Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekanntgab, um ein (vielleicht) letztes Mal vor heimischem Publikum anzutreten.

Zwischen Pilsen und Ostrava reißt man schon seit Jahren wohlwollende Witze, wenn es um den vermeintlichen Abschied Jágrs aus dem Nationalteam geht. An seiner Seite spielen NHL-Jungstars wie Tomáš Hertl (San Jose Sharks) oder Jakub Voráček (Philadelphia Flyers), die sich mit ihren Klubs nicht mehr im Kampf um den Stanley Cup befinden. Auch Jágrs alter Weggefährte und Olympiasieger von Nagano Martin Ručínský vom tschechischen Meister Verva Litvínov ist mit von der Partie.

Breite Unterstützung
Trainer Vladimír Růžička stand vor 17 Jahren mit den beiden auf dem Eis von Nagano. Nun coacht er sie von der Bande aus und weiß um den Wert, aber auch um die Probleme, die ältere Profisportler haben können. „Jarda ist ein Weltklassespieler. Aber natürlich müssen wir behutsam mit ihm umgehen und nicht erwarten, dass er alles für uns reißt“, so Růžička mit Blick auf die körperliche Verfassung. Ručínský wiederum kämpft mit den Folgen einer anstrengenden Play-off-Saison. „Martin schlägt sich mit Halswirbelproblemen herum. Ich denke aber, dass wir mit ihm rechnen können“, erklärte der Trainer, der zuletzt wegen einer Bestechungsaffäre in die Schlagzeilen geriet. Vom Verband, dem Team und den Anhängern erfährt er jedoch breite Unterstützung. Zu wichtig ist den Tschechen dieser Anlass, um missliebigen Zwischentönen allzu viel Beachtung zu schenken.

Vorläufig nicht im Aufgebot stehen Leistungsträger wie Michael Frolík (Winnipeg Jets) oder Patrik Eliáš (New Jersey Devils). Zumindest Frolík könnte im Verlauf des Turniers noch nachrücken, doch der 27-jährige Stürmer handelt mit seinem Klub derzeit einen neuen Vertrag aus. Angeblich soll er für sieben weitere Jahre verpflichtet werden, dafür aber auf den Start bei der WM verzichten. Das letzte Wort sei hier aber noch nicht gesprochen, gab Tschechiens Verbandsmanager Slavomír Lener vergangenen Freitag bekannt.

Doch auch ohne den einen oder anderen Crack mit dem Prädikat „offensive Weltklasse“ wie Frolík ist dem Team Růžičkas einiges zuzutrauen. Nach zwei eher enttäuschenden sechsten Rängen bei der Weltmeisterschaft 2013 und den Olympischen Spielen in Sotschi gelang vor Jahresfrist die Rehabilitation. Bei der WM in Minsk schafften es die Tschechen bis ins Halbfinale, in dem sie den Finnen mit 0:3 unterlagen.

Ein Testspiel am vergangenen Freitag konnten die Tschechen gegen den gleichen Gegner mit einem Erfolgserlebnis abschließen. Vor ausverkauften Rängen in Brünn gewannen sie mit 3:2. „Wir können insgesamt ganz zufrieden sein. Trotzdem verfügen wir noch über Potenzial. Ich denke, wir liegen zur Zeit bei rund 70 bis 80 Prozent“, analysierte Flügelspieler Voráček die Partie. Der 25-jährige Stürmer – in dieser Saison effektivster NHL-Scorer aus Tschechien – gibt sich stellvertretend für die nationale Auswahl vorsichtig optimistisch: „Natürlich wollen wir den Titel. Aber das wollen sieben bis acht andere Teams auch, die dazu in der Lage sind. In erster Linie wollen wir unseren Fans schönes Eishockey zeigen und die fantastische Atmosphäre im Stadion genießen.“

Ganz anders sieht die Situation der Teams aus den deutschsprachigen Ländern aus. Vor allem Deutschland kämpft vor der WM mit großem Verletzungspech, während Aufsteiger Österreich traditionell eher gegen den Abstieg als um die Qualifikation für das Viertelfinale spielt. Auch die Schweiz konnte in der Vorbereitung selten überzeugen, besitzt aber dennoch das Potenzial, um zu den besten acht Mannschaften der Welt zu gehören. Deutlich wird das an der Tatsache, dass die Eidgenossen diese Woche zwei NHL-Spieler nachnominierten. Jungstar Kevin Fiala und Roman Josi sind mit den Nashville Predators im Play-off-Achtelfinale gescheitert. Vor allem Josi dürfte den Schweizern helfen. Noch vor zwei Jahren wurde der Verteidiger bei der WM in Schweden zum „wertvollsten Spieler“ gewählt.

Über ähnlich viel Klasse verfügt das deutsche Team von Headcoach Pat Cortina nicht. Bis zum ersten WM-Spiel der DEB-Auswahl am Samstag gegen Frankreich steht dem Kanadier noch viel Arbeit bevor, muss er sein Team doch aufgrund von 14 verletzungsbedingten Absagen massiv umstellen. Ob immerhin NHL-Crack Dennis Seidenberg (Boston Bruins) noch zum Kader stößt, war bis Dienstagabend nicht klar. Unter diesen Bedingungen gibt es für das deutsche Eishockey-Team nur ein Motto: So früh wie möglich dem Abstieg entrinnen.

Eishockey-WM in Prag und Ostrava (1. bis 17. Mai 2015)

Gruppe A (Prag, O2 Arena)

Freitag, 1. Mai
Kanada – Lettland (16.15 Uhr)
Tschechien – Schweden (20.15 Uhr)

Samstag, 2. Mai
Schweiz – Österreich (12.15 Uhr)
Frankreich – Deutschland (16.15 Uhr)
Lettland – Tschechien (20.15 Uhr)

Sonntag, 3. Mai
Österreich – Schweden (12.15 Uhr)
Kanada – Deutschland (16.15 Uhr)
Frankreich – Schweiz (20.15 Uhr)

Montag, 4. Mai
Lettland – Schweden (16:15 Uhr)
Kanada – Tschechien (20:15 Uhr)

Dienstag, 5. Mai
Schweiz – Deutschland (16.15 Uhr)
Österreich – Frankreich (20.15 Uhr)

Mittwoch, 6. Mai
Schweiz – Lettland (16.15 Uhr)
Schweden – Kanada (20.15 Uhr)

Donnerstag, 7. Mai
Tschechien – Frankreich (16.15 Uhr)
Schweden – Deutschland (20.15 Uhr)

Freitag, 8. Mai
Tschechien – Österreich (16.15 Uhr)
Deutschland – Lettland (20.15 Uhr)

Samstag, 9. Mai
Frankreich – Kanada (12.15 Uhr)
Österreich – Lettland (16.15 Uhr)
Schweden – Schweiz (20.15 Uhr)

Sonntag, 10. Mai
Deutschland – Tschechien (16.15 Uhr)
Schweiz – Kanada (20.15 Uhr)

Montag, 11. Mai
Deutschland – Österreich (16.15 Uhr)
Schweden – Frankreich (20.15 Uhr)

Dienstag, 12. Mai
Kanada – Österreich (12.15 Uhr)
Lettland – Frankreich (16.15 Uhr)
Tschechien – Schweiz (20.15 Uhr)