„Ich übersetze Deutschland“

„Ich übersetze Deutschland“

Pavel Polák ist seit August Korrespondent in Berlin. Deutschland hat er sich erst einmal vom Fahrradsattel aus angesehen

20. 8. 2014 - Text: Martin Nejezchleba

Der Tschechische Rundfunk hat einen neuen Mann in Berlin: Pavel Polák. Dass er seinen Job nicht im Korrespondentenbüro aussitzen möchte, bewies der 33-Jährige gleich bei seinem Antritt. Polák fuhr mit dem Fahrrad an seinen neuen Arbeitsplatz, 400 Kilometer in sechs Tagen. Entstanden sind dabei fünf Reportagen und acht Liveübertragungen. In Berlin angekommen sprach Polák mit PZ-Redakteur Martin Nejezchle­ba über Fußballnationalismus, Sonntagsradler und die tschechische Berichterstattung aus der deutschen Hauptstadt.

Herr Polák, Sie sind seit Anfang August Korrespondent des Tschechischen Rundfunks in Berlin. Ihren neuen Posten haben Sie auf ungewöhnlichem Wege angetreten, mit einer Fahrradfahrt von der Grenze in die Bundeshauptstadt. Warum sind Sie nicht mit dem Auto gefahren?

Pavel Polák: Es sind Ferien und in den Medien passiert in dieser Zeit nicht besonders viel. Für Korrespondenten und Reporter ist das eine eher lockere Zeit. Das wollte ich nutzen. Ich wollte das Land, über das ich in den nächsten Jahren berichten werde, von einer anderen Perspektive kennenlernen und es langsam durchqueren. Auch weil die Deutschen, obwohl sie das dichteste Autobahnnetz haben, sich als Fahrradnation bezeichnen. Dem wollte ich ein wenig auf den Zahn fühlen.

Und ist Deutschland nun eine Fahrradnation?

Polák: Ja. Entlang des Elbradwegs war ich wirklich überrascht, wie viele Radfahrer auch werktags unterwegs sind. In Tschechien sieht man auch nicht so viele Senioren auf dem Rad, vielleicht auch weil die Bedingungen in Tschechien nicht so gut sind. Der größte Unterschied ist für mich aber, dass die Deutschen das Rad als Verkehrsmittel ansehen, während es in Tschechien vor allem Sportgerät ist. Am Wochenende streift man da das Fahrradtrikot über, fährt 50 Kilometer und verstaut das Rad wieder im Keller.

Sie haben während Ihrer Fahrt mehrere Reportagen produziert. Was haben Sie Interessantes erlebt?

Polák: Das waren kleine Begegnungen, Geschichtchen, die sich spontan ergeben haben. So habe ich einen Hobby-Geologen getroffen. Der hat mir an der Elbe erklärt hat, dass kurz vor Dresden Gestein aus dem Riesengebirge zu finden ist. Im Endeffekt bedeutet das, dass das Riesengebirge bis nach Deutschland reicht. Später habe ich mit einem Beerensammler geredet, der mir ein ehemaliges Armee-Gelände gezeigt hat, wo bis 1990 sowjetisches Militär stationiert war.

Haben Sie jetzt eine andere Sicht auf die Bundesrepublik?

Polák: Manche Dinge sehe ich jetzt etwas differenzierter. Sehr interessant war für mich Brandenburg. Aus Statistiken weiß ich, dass es eines der ärmsten Bundesländer ist und dass die Arbeitslosigkeit hoch ist. Dank der Reise kann ich diese Zahlen jetzt mit etwas Erlebtem verbinden: Etwa wenn man durstig durch die Landschaft fährt und feststellt, dass Lebensmittelläden und Gasthäuser nur ein paar Stunden täglich öffnen. Die Menschenleere in Brandenburg ist schon erschreckend. Interessant für mich war auch, wie viele Deutschlandfahnen noch in den Gärten wehen, von den Balkonen hängen oder an Autos angebracht sind. Ich weiß, dass WM war, aber das ist schon einen Monat her. Ich hätte gedacht, dass der Fußballnationalismus nach der WM wieder verschwindet, noch vor fünf Jahren wären die Fahnen sicher binnen Tagen verschwunden.

Deutschland wird also selbstbewusster?

Polák: Augenscheinlich ja, aber man tut sich immer noch schwer damit. Für einen Korrespondenten ist Deutschland ja auch deshalb so interessant, weil es – ob es manchen nun gefällt oder nicht – eine wirtschaftliche Großmacht in Europa ist, die der EU das Tempo vorgibt, wo Weltpolitik gemacht wird. Die Deutschen wissen zwar, dass sie so eine starke Rolle innehaben, aber gleichzeitig verbleibt ein bisschen diese Nachkriegsfurcht, sich eine so wichtige Rolle in Europa einzugestehen. Das ist auch in der Berliner Politik zu spüren.

Welche Geschichten wollen Sie als Korrespondent in Deutschland in Angriff nehmen?

Polák: Mich werden natürlich immer vermehrt die Bundesländer interessieren, die an Tschechien grenzen. Dort gibt es Themen, die lange präsent sind und über die ich schon von Prag aus berichtet habe: zum Beispiel die Drogenproblematik in der Grenzregion. Mich interessiert auch der Wandel in Ostdeutschland, das schon lange nicht mehr so östlich ist wie früher. Aber dennoch: Die Vereinigung von zwei Welten, von Ost und West, kann auch nach 25 Jahren nicht einfach so abgehakt werden. Das ist eine langfristige Entwicklung und für mich ist es sehr spannend, sie zu verfolgen.

Möchten Sie vielleicht etwas anders machen als andere tschechische Journalisten, die über Deutschland berichten?

Polák: Das ist eine heimtückische Frage. Jeder Korrespondent hat seine eigenen Augen und betrachtet das Land durch sie. Jedem kommen andere Sachen interessant vor. Als Korrespondent übersetze ich mein Gastland für die Menschen in Tschechien und jeder macht das ein wenig anders. Auch ich werde bestimmt meinen persönlichen Blick auf die Geschehnisse in Deutschland haben – dabei aber hoffentlich auch objektiv bleiben.

Sie sehen also keine Probleme bei der tschechischen Berichterstattung über Deutschland?

Polák: Klar, wenn es um Themen wie die Sudetendeutschen geht, kommen immer noch Vorurteile zum Tragen. Aber auch die Diskussion über dieses Thema hat sich in den letzten Jahren stark geöffnet. Generell wird aber zu wenig über die deutsche Politik berichtet. Wenn Bundestagswahlen sind, ist das in Tschechien zwar ein großes Thema, aber es gibt zum Beispiel keinen politischen Berichterstatter im Bundestag. Auch wurden die Landtagswahlen in Sachsen weitestgehend ignoriert.

Zurück zur Fahrradfahrt: Wie war Ihre Ankunft in Berlin?

Polák: Wechselhaft. Ich bin entlang der Brandenburger und Berliner Seen in die Stadt gefahren. Die Sonne schien, die Strecke ist wirklich wunderschön. Kurz vor Berlin begannen Wolken aufzuziehen. Vier Kilometer vor meinem Ziel ging Stark­regen nieder. Zum Glück nur eine halbe Stunde. Am Brandenburger Tor hat dann schon wieder die Sonne geschienen. Berlin hat mir also erst einen Schrecken eingejagt, mich dann aber doch freundlich empfangen.

Zur Person
Pavel Polák ist nicht zum ersten Mal in Berlin. Der 33-Jährige hat Germanistik und Komparatistik studiert und das nicht nur an der Prager Karls-Universität, sondern auch in der Bundeshauptstadt, in Heidelberg und Wien. Polák hat eine Tochter und ist seit 2001 beim Rundfunk – zunächst in der deutschen Redaktion von Radio Prag, dann in der Auslandsredaktion des meistgehörten Senders „Radiožurnál“. In Berlin tritt er als Deutschlandkorrespondent die Nachfolge von Klára Stejskalová an.

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