Hommage an das Leben

Hommage an das Leben

Kurz vor seinem Tod zeichnete der jüdische Künstler Bedřich Fritta für seinen Sohn ein Bilderbuch – im Konzentrationslager Theresienstadt. Über 70 Jahre später wird das anrührende Zeitzeugnis neu herausgegeben

16. 7. 2015 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Bild: Pustet-Verlag

Eigentlich sollte es das erste von vielen Büchern sein, das Bedřich Fritta für seinen Sohn Tommy malte. Doch es blieb das einzige. Der gelernte Grafiker schenkte es ihm am 22. Januar 1944 zum dritten Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt waren Fritta und seine Familie seit über zwei Jahren im Konzentrationslager Theresienstadt inhaftiert. Mit dem Buch wollte er seinem Kind eine bessere Welt jenseits des Ghettos zeigen, ihm Hoffnung für eine menschenwürdige Zukunft in Freiheit geben. Die kindlichen Zeichnungen und Texte schuf er meistens in der Nacht, aus Angst entdeckt zu werden. Entstanden ist ein berührendes Zeitzeugnis – ergreifend schön und zugleich unheimlich traurig.

„Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt“ ist nun vom Regensburger Pustet-Verlag neu herausgegeben worden. „Auf meinen Wunsch“, wie Tommys Sohn David Haas sagt. Sein Vater verstarb Anfang März im Alter von 74 Jahren. „Das Buch gehört in die Öffentlichkeit“, meint Haas. „Denn es ist ja kein goldenes Erinnerungsstück, das man sich in die Vitrine stellt.“

David Haas war etwa sechs Jahre alt, als ihm sein Vater das Buch zum ersten Mal zeigte. Je älter er wurde, umso mehr setzte er sich mit diesem Teil der Familiengeschichte auseinander, fragte seinen Vater, ob er sich erinnern könne, „aber eigentlich gab es da nichts zu erklären, das war alles klar“, sagt Haas, der heute in Mannheim lebt. Das Buch sei wie ein Familienmitglied gewesen, erinnert er sich. „Wir wussten, dass Papa eine besondere Geschichte hat. Er hatte fast schon einen Heiligenstatus, war das gerettete Kind. Jeder im Lager liebte ihn.“

Versteckte Kunst
Tommy, eigentlich Tomáš, wurde im November 1941 mit seinen Eltern nach Theresienstadt deportiert. Er war eines von insgesamt 15.000 internierten Kindern, von denen wahrscheinlich nur knapp hundert überlebten. In der NS-Propaganda spielte das Ghetto eine besondere Rolle: Um es als Vorzeigelager zu präsentieren, mussten inhaftierte Künstler Auftragsarbeiten schaffen, die einen normalen Arbeitsalltag vorgaukeln sollten. Zu ihnen gehörte auch Bedřich Fritta, der die Zeichenstube der Technischen Abteilung leitete – ein Posten, der ihm gewisse Privilegien verschaffte. So durfte er zeitweise mit seiner Frau Johanna und seinem Sohn Tommy in einem Raum leben. Gemeinsam mit anderen Malern wie Leo Haas, Karel Fleischmann oder Otto Ungar fertigte er nicht nur Tagesberichte und Baupläne an, sondern zeichnete auch Bilder über die tatsächlichen Zustände im Lager. Ihre Darstellungen, die das Grauen im Lager dokumentierten, vergruben sie oder mauerten sie ein, darunter auch das in Sackleinen gebundene Bilderbuch für Tommy. Im Juli 1944 erfuhren die Nazis von der geheimen Tätigkeit der Maler. Fritta wurde verhaftet und gefoltert, am 26. Oktober nach Auschwitz deportiert. Acht Tage nach seiner Ankunft starb er an Entkräftung. Leo Haas, der Auschwitz überlebte, legte die Werke nach Kriegsende frei. Er adoptierte den verwaisten Tommy – Johanna Fritta verstarb im Februar 1945 – und nahm die Werke seines Künstlerfreundes an sich.

Das Buch gab er Tommy erst, als dieser heiratete und „eine vernünftige Person an seiner Seite hatte, die es bewacht“, wie David Haas heute erklärt. „Leo hatte Angst, dass Tommy die Bilder verscherbeln würde.“ Sein Vater hätte sich damals selbst als Künstler über Wasser zu halten versucht und dafür wohl auch die Bilder Frittas verkauft, mutmaßt Haas.

Kein Märchen
Im Gegensatz zum ansonsten düsteren Werk Frittas ist das Buch eine farbenfrohe Hommage an das Leben. „Opa war ja so klar im Kopf und hat alles schon vor dem Krieg kommen sehen, wie seine Karikaturen zeigen“, sagt Haas. „Mit dem Buch verabschiedet er sich vom Leben, und von seinem Sohn. Es ist sein Testament.“
Das Buch beginnt nahezu naiv. Es zeigt Tommy, wie er schläft, Pipi macht, mit dem Löffel auf den Tisch klopft und nach Essen ruft. Zur Bilderwelt gehören hupende Autos, eine rauschende Eisenbahn, die schimpfenden Eltern und ein schlummernder Mond. Zeichnerisch schickt Fritta seinen Sohn auf Reisen um den Globus, verspricht ihm alle Berufe, nur ein Geschäftsmann oder General möge er nicht werden. Hin und wieder schimmert die grausame Realität durch, etwa wenn Mama und Papa Tränen vergießen oder es heißt „Das ist kein Märchen – das ist die Wahrheit“. Über dem Schriftzug hüpft ein ausgelassener Tommy über die blühende Sommerwiese.

Für Tommy war das Buch das einzige, was ihm von seinem Vater blieb. Und zugleich eine Last. „Wenn er darin blätterte, musste er es nach ein paar Minuten wieder zumachen“, wie Haas sagt. Für ihn und seine drei Geschwister stünde hinter dem Umgang mit dem Original ein großes Fragezeichen. Interessenten gäbe es viele. Zum Beispiel Yad Vashem. Aber der israelischen Gedenkstätte will Haas das Buch nicht vermachen. Am liebsten sähe er es in Theresienstadt, am Ort seiner Entstehung.

Bedřich Fritta: Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt. Pustet-Verlag, Regensburg 2015, 120 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-7917-2685-4

 

 

 

 

 

 

 



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