Hoffen am Teufelsberg
Harrachov

Hoffen am Teufelsberg

Marode Anlagen, klamme Kassen: Dem Skispringen im Riesengebirge droht das endgültige Aus. Eine Bürgerinitiative setzt nun ein Zeichen

11. 7. 2019 - Text: Marcus Hundt, Titelbild: Keana, CC BY-SA 3.0 (Skiflugschanze in Harrachov)

Richard Freitag reißt die Arme nach oben. Seine Teamkollegen Andreas Wank und Severin Freund kommen zu ihm, umarmen ihn. Der 20-jährige Skispringer hat es geschafft: Beim Weltcup in Harrachov holt er den allerersten Sieg in seiner Karriere. Und das ausgerechnet auf der Schanze, auf der auch sein Vater Holger im Januar 1983 sein einziges Weltcup-Springen gewann.

Der Erfolg von Richard Freitag liegt mittlerweile über sieben Jahre zurück. Aber noch heute sagt der Sachse, der im Erzgebirge nahe der tschechischen Grenze aufgewachsen ist: „Der Sprung in Harrachov war der schönste Moment meiner Laufbahn.

Jubelnde Sieger haben Skisprung-Fans in Harrachov, dem alten Harrachsdorf, schon lange nicht mehr gesehen. Seit über einem Jahr ist die aus fünf Schanzen bestehende Čerťák-Anlage außer Betrieb. Laut statischer Gutachten befindet sie sich in einem „katastrophalen Zustand“. Bestimmte Konstruktionen drohten demnach sogar einzustürzen. Ob Anläufe, Jury-Türme oder Liftanlagen: „Die Tage sind gezählt. Und auch der Erhalt einiger Objekte ergibt aus wirtschaftlicher Sicht keinen Sinn mehr“, erklärt der Generalsekretär des Tschechischen Olympischen Komitees (ČOV) und ehemalige Biathlet Petr Graclík.

Die Skiflugschanze, die Weiten von über 210 Metern zulässt, ist seit dem WM-Gold von Severin Freund im März 2014 gesperrt. Ebenso die benachbarte Großschanze, auf der die Freitags ihre Weltcup-Siege errangen. Im Frühjahr 2018 kam auch das Aus für die drei kleineren Sprunganlagen (K90, K70, K40), die wichtigsten Trainingsstätten für Tschechiens Nachwuchsspringer.

„Immer wenn ich aus dem Fenster schaue und die Mammutschanze sehe, bin ich traurig, dass es so weit kommen musste“, sagt Eva Zbrojová, seit 2010 Bürgermeisterin von Harrachov. Auch viele Anwohner beklagen die Situation. „Sie haben es an die Wand gefahren. Ich habe in all den Jahren nicht einmal erlebt, dass die Anlage gewartet wurde“, ärgert sich ein älterer Mann über den Verfall der 1979 erbauten Schanzen im Gespräch mit der „Gablonzer Tageszeitung“ („Jablonecký deník“).

Čerťák-Anlage im Jahr 2008 | © Bartłomiej Derski, CC BY-SA 4.0

Auch Jakub Janda schrieb sich in die Siegerliste am Teufelsberg (Čertová hora) ein. Das war in der Saison 2005/2006. Damals konnte er insgesamt fünf Einzelspringen gewinnen, zudem die Vierschanzentournee und schließlich – als einziger Tscheche überhaupt – den Gesamtweltcup. Ende 2017 hängte Janda die Skier an den Nagel und tauschte den Sprunganzug gegen feineren Zwirn ein. Seitdem sitzt der frühere Weltklassespringer für die konservativen Bürgerdemokraten (ODS) im Abgeordnetenhaus, wo er sich unter anderem für die Belange der Sportler einsetzt. Kurze Zeit später wurde Janda zum Vorsitzenden der Skisprung-Abteilung beim Tschechischen Skiverband (Svaz lyžařů ČR) gewählt.

In beiden Ämtern kämpft er nun auch um die Rettung der Schanzen. Kurz nach seinem Antritt als Skisprung-Chef bezeichnete Janda die Situation am Teufelsberg als „eine furchtbare Schande“ und fragte sich, wie es die Sportverbände nur so weit kommen lassen konnten. Doch die Organisationen allein können die Skisprung-Anlagen nicht sanieren. Dafür fehlen ihnen schlicht die finanziellen Mittel.

Politiker und Sportfunktionär Janda | © Obsf Heinrich, CC BY-SA 4.0

Für Janda trägt die Regierung die Hauptschuld an der „erbärmlichen Lage“. Sie hätte viel früher handeln müssen, der marode Zustand der Schanzen sei schließlich schon lange bekannt gewesen. Als die Parlamentarier Ende Juni in einer 17-stündigen Sitzung über den Misstrauensantrag der Opposition diskutierten, prangerte der 41-Jährige das vermeintliche Versagen an. „Vor sechs Jahren war der Sport die Mülltonne für den Haushaltsplan der Regierung – und leider ist er es auch heute noch“, machte der Jungpolitiker seinem Ärger Luft.

Ständig werde von „schönen Träumen“ gesprochen, von einem neuen Fußballstadion in Brünn, einem Turnzentrum in Prag, einem Speedway-Stadion in Marienbad, vom „Lieblingsthema des Regierungschefs“ – einer Eisschnelllaufhalle für Martina Sáblíková in Nové Město na Moravě, und zu guter Letzt auch über eine Sanierung der Mammutschanze in Harrachov. „Wann werden wir das alles endlich vorfinden? Wie lange werden wir noch planen, verschleiern, vollmundige Erklärungen für die Abendnachrichten abgeben und den Sportlern falsche Hoffnungen machen?“, wandte sich Janda an die anwesenden Politiker.

Weltcup in Harrachov, 2011 | © Koma Modular, CC BY-NC 2.0

Im westlichen Teil des Riesengebirges will man nicht mehr auf irgendwelche Beschlüsse aus Prag warten. Stanislav Slavík, der in Harrachov das regionale Skimuseum betreibt, hat mit anderen Ortsansässigen im Sommer 2018 einen Verein ins Leben gerufen. Der „Ski- und Tourismusklub Harrachov“ startete vor wenigen Tagen eine Spendenaktion für die Erneuerung der Schanzen. „Wir glauben, dass wir die Sanierung damit einleiten können. Das alles wird aber sicher lange dauern“, sagte Museumsdirektor Slavík gegenüber dem „Jablonecký deník“. Auch er hat einen Traum: die Ausrichtung der Skiflug-Weltmeisterschaft im Jahr 2024.

Zunächst aber müssten die kleineren Schanzen wieder auf Vordermann gebracht werden. Seit deren Schließung könnten Tschechiens Skispringer und Kombinierer kaum noch im eigenen Land trainieren, meint Stanislav Slavík. Seine bittere Erkenntnis: „Die Bedingungen für das hiesige Skispringen und auch für die Nordische Kombination sind auf dem Stand eines Entwicklungslandes angelangt.“ Für den 53-Jährigen geht es um nichts Geringeres als um die Existenz des tschechischen Skispringens. „Wenn die Kinder nicht bald wieder springen können, wird es gar keine Sprünge mehr geben. Wir müssen die Sportart am Leben halten.“

Harrachov-Sieger Richard Freitag (Mitte) und Severin Freund (rechts) | © Tadeusz Mieczyński, CC BY-SA 3.0

Auch Jakub Janda weiß um den Ernst der Lage. Mitglieder der Nationalmannschaft könnten für das Training auf Schanzen in Deutschland oder Polen ausweichen. „Aber die Jugend auf Reisen schicken? Dafür ist kein Geld da.“

Etwa 1,5 Millionen Kronen (rund 60.000 Euro) werden benötigt, um die drei kleineren Schanzen für Trainingszwecke instand zu setzen. Auf dem Spendenkonto des Vereins befinden sich derzeit nur knapp 100.000 Kronen. Stanislav Slavík hofft dennoch darauf, dass der Nachwuchs im Winter wieder in Harrachov trainieren kann. Unterstützung kommt von ehemaligen Skispringern, der prominenteste unter ihnen ist der viermalige Weltmeister und Gesamtweltcup-Sieger Adam Małysz. In Harrachov werben die Betreiber mehrerer Gaststätten und Geschäfte für die Aktion. Und auch die Partnerstadt Szklarska Poręba (Schreiberhau) auf der polnischen Seite des Riesengebirges ruft ihre Bürger zu Spenden auf.

In Harrachov fanden insgesamt 39 Weltcup-Springen statt. | © enonim – panoramio, CC BY-SA 3.0

Selbstredend begrüßt auch die Bürgermeisterin von Harrachov die Initiative. Demnächst wolle die Stadt gemeinsam mit dem Kreis Liberec, dem Tschechischen Olympischen Komitee, dem Skiverband und dem Betreiber der Anlagen ein „Memorandum zur Erneuerung des Areals“ unterzeichnen. Für Eva Zbrojová bildet diese Absichtserklärung die Grundlage für staatliche Zuschüsse.

„Der Kreis hat zugesagt, die Kosten für die Studien und die Projektdokumentation zu übernehmen“, erklärte die Bürgermeisterin gegenüber der Nachrichtenagentur ČTK. Angeblich belaufen sich diese auf 5,5 Millionen Kronen (rund 215.000 Euro). Für die Sanierungsarbeiten muss aber vor allem der Staat aufkommen. „Wenn das nicht passiert, ist das Thema erledigt“, meint Eva Zbrojová. „Die Stadt Harrachov verfügt über einen Etat von 40 Millionen Kronen. Da kann man kaum erwarten, dass wir einen Kredit für die ganze Sanierung aufnehmen.“

Die Gesamtkosten lassen sich schwer beziffern. Experten sprechen von mehreren Millionen Kronen. Nicht nur hinter der Höhe der Ausgaben steht ein Fragezeichen. Zwei Monate nach dem (vorerst) letzten Sprung in Harrachov stellte Regierungschef Andrej Babiš bis zu einer halben Milliarde Kronen in Aussicht. Doch wann genau wird das Geld fließen? Sammelt der Verein in Harrachov genügend Spenden für den Nachwuchs? Und wann findet im Riesengebirge wieder ein Skispringen statt? Fest steht wohl nur: Der Sieg von Richard Freitag in Harrachov war wirklich einmalig.

Die kleineren Schanzen wurden 2018 gesperrt. | © enonim – panoramio, CC BY-SA 3.0

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