Heger: Medizin macht Heilbäder überflüssig

Heger: Medizin macht Heilbäder überflüssig

Gewerkschaftler warnen vor dem Ende des tschechischen Kurwesens

22. 5. 2013 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: Michal Louč

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Tschechiens Kurbädern geht es schlecht, besonders den kleineren. Gesundheitsminister Leoš Heger (TOP 09) gräbt ihnen angeblich das Wasser ab. Das zumindest behauptete der Gewerkschaftsbund Böhmen und Mähren (ČMKOS) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Verband der Kurorte in der vergangenen Woche. Die Zahlen: 2.500 Leute haben bereits ihre Arbeit verloren. Weitere 10.000 Arbeitsplätze im Kurwesen seien in Gefahr. Grund sei die Herabsetzung der gesetzlichen Krankenkassenleistungen im vergangenen Herbst, so die Arbeitnehmervertreter.

Der Gewerkschaftsbundvorsitzende Jaroslav Zavadil forderte den Minister zu entschlossenem Handeln auf. Laut der Vorsitzenden der Gesundheitsverbände Dagmar Žitníková befindet sich das Kurwesen „am Rande des Kollaps“. Heger hielt dagegen. Die Kürzung der Leistungen sei finanzpolitisch nötig und in Absprache mit Medizinern und Balneologen entstanden. Die Liste der in Kurbädern zu behandelnden Krankheiten habe die Ärztekammer mit verabschiedet. Sollten fachlich begründete Änderungsvorschläge vorliegen, sei er bereit, die Kassenleistungen anzupassen.

Besonders gefährdet sind Heilbäder für Kinder. Laut Martin Vacek, Leiter des Fachbereichs Kurwesen der Gesundheitsverbände, stehe etwa die Heilanstalt Vesna im nordböhmischen Johannisbad (Janské Lázně) kurz vor dem Aus. Von insgesamt 400 Angestellten sollen dort an die hundert entlassen und das Kinderkurbad in die Abteilung für Erwachsene eingegliedert werden. 19.000 Menschen haben bereits eine Petition für den Erhalt der renommierten Einrichtung unterschrieben, für den 1. Juni, den Internationalen Kindertag, sind zudem Proteste angekündigt.

Private Bäder leben gut vom Staat
Heger indes ist bemüht, die Wogen zu glätten. „Vesna wird nicht geschlossen“, sagte der Gesundheitsminister gegenüber der Tageszeitung „Mladá fronta Dnes“. Johannisbad sei als Einrichtung dauerhaft erhaltenswert, da dort vor allem Reha-Behandlungen stattfänden. Sein Ressort werde sich dafür einsetzen, dass das traditionsreiche Kurbad im Riesengebirge eine Zukunft hat.

Allerdings, so Heger weiter, könne er als Gesundheitsminister nun einmal „keine kranken Kinder produzieren“. Der Rückgang der Kurgastzahlen spiegele die allgemeine Entwicklung in der Medizin wieder. Krankheiten, die früher langfristig in Heilbädern behandelt wurden, werden heute medikamentös oder in Reha-Einrichtungen therapiert.

Bei den meisten Bädern handelt es sich um privatwirtschaftliche Einrichtungen und glaubt man dem Gesundheitsminister, so haben sie dank großzügiger Kassenleistungen lange im Überfluss gelebt. Rückläufige Tendenzen habe man bereits vor der Änderung der Kassenbeiträge im vergangenen Oktober registriert. „Wir können nun wirklich nicht die Kassenbeiträge erweitern, nur, um private Unternehmen zu unterstützen“, so der Minister.

Einmaliges Pflegewesen
Tatsächlich ging die Zahl der Kurgäste bereits im Vorjahr zurück. 2012 um 35 Prozent, in diesem Jahr rechnet das Gesundheitsministerium mit 50 Prozent. In Tschechien gibt es insgesamt 37 Kurbäder und 86 Kureinrichtungen. Das Dienstleistungsgewerbe beschäftigt rund 11.000 Menschen, weitere 40.000 sind in angrenzenden Berufsgruppen tätig. Weniger Sorgen um ihre Zukunft müssen sich die bekanntesten Kurbäder machen. Die Gesellschaft „Imperial Karlovy Vary“ in Karlsbad etwa bezieht längst den Großteil ihrer Einnahmen von ausländischen Kurgästen. Ein Trend, dem man nun auch in kleineren Bädern folgen möchte.

Im mittelböhmischen Podě­brady, wo traditionell Patienten mit Herzbeschwerden behandelt werden, ist man hingegen auf der Suche nach neuer Kundschaft aus dem Inland: „Mit der Änderung der Kassenleistungen haben wir beschlossen, uns auf Rehabilitation nach Gelenkoperationen zu spezialisieren“, sagte der Direktor der Heilbadanstalt Martin Kubelka gegenüber der Nachrichtenagentur čtk. In diesem Jahr rechnet er dennoch mit einem Patientenrückgang von bis zu 15 Prozent.

Gestrichen hatte der Gesundheitsminister beispielsweise Kuraufenthalte wegen angeborener Herzfehler oder Diabetes. Zudem wurde die generelle Therapiedauer gekürzt. Gewerkschaftler warnen, dass diese Maßnahmen nun „ein weltweit einmaliges System der Krankenpflege, dass sich lokaler Ressourcen bediene, unwiederbringlich zu zerstören drohen. Dabei hätten nicht nur die Patienten Schäden zu tragen. Arbeitslosigkeit in den Regionen und Umsatzrückgänge für Dienstleister in den Kurorten seien weitere Folgen.