Gier nach Macht

Gier nach Macht

Das Nationaltheater präsentiert mit Verdis „Macbeth“ die letzte Premiere dieser Saison

17. 6. 2015 - Text: PZText: PZ; Foto: Patrik Borecký/Národní divadlo

 

Die Bühne ist verdunkelt. Langsam steigen Frauen aus der Finsternis hervor. Sie sind ganz in Schwarz gekleidet. Auf ihren Köpfen winden sich lange Hörner. Es ist der Chor der Hexen, der die Feldherren Macbeth und Banquo willkommen heißt und ihnen den steilen Aufstieg Macbeths zum König voraussagt. Nach ihm werden Banquos Erben den Thron besteigen, orakeln die Hexen. Nachdem sich der erste Teil der Prophezeiung erfüllt hat, will Macbeth mehr. Angestachelt von seiner machtbesessenen Frau, lässt er Banquo töten. Es ist der Beginn einer Geschichte um Macht, Mord und Gier, an deren Ende auch Macbeth seinem Wahnsinn erliegt. Sie beschreibt den Weg des Heerführers Macbeth zum König von Schottland, seine Wandlung zum Tyrannen und seinen Niedergang.

An diesem Abend spielt sich die Geschichte vor den Augen der Prager Opernbesucher ab. Mit der Premiere von Giuseppe Verdis „Macbeth“ beschließt das Nationaltheater die Spielzeit. Verdi vertonte den gleichnamigen Klassiker von William Shakespeare im Jahre 1847. Der slowakische Regisseur Martin Čičvák bringt den im Schottland des elften Jahrhunderts angesiedelten Stoff nun auf die Bühne.

Etwa 30 Hexen bilden den verheißungsvollen Chor, der die Inszenierung maßgeblich trägt. Es sind die kraftvollen Momente des Abends, wenn er auftritt – trotz mancher Patzer in der Choreographie. So dreht sich die eine Hexe in die falsche Richtung, eine andere wendet sich zu früh, eine weitere erhebt sich, noch bevor alle gemeinsam aufstehen sollen. Man verzeiht die kleinen Fehler gern, gerade wenn die Solisten ins Spiel kommen.

Starke Solisten
Martin Bárta überzeugt in der Rolle des vom Wahnsinn getriebenen Macbeth. Nicht weniger beeindruckend ist Jolana Fogašová, die als Lady Macbeth eine außerordentlich starke Bühnenpräsenz zeigt. Bereits in ihrer ersten Arie verrät die Gattin ihren Hunger nach Macht, später täuscht sie die gebrochene Herrscherin vor. Als mächtige Drahtzieherin wird Lady Macbeth von Čičvák in Szene gesetzt. So lässt er sie beim königlichen Empfang Autogrammkarten unterschreiben und setzt sie als Choreographin des gesamten Hofstabs ein. Die Duette mit ihrem Mann zeugen von ihrer Überlegenheit.
Erstklassig ist der Auftritt von Jaroslav Březina im vierten Akt. In der Rolle des Macduff, dessen Familie Macbeth ermorden ließ, berührt er die Zuschauer mit einer bewegenden Arie. Das Publikum belohnt ihn mit begeisterten Rufen und einem langen Szenenapplaus.

Die Bühne ist schlicht gestaltet. Der österreichische Bühnenbildner Hans Hoffer verzichtete auf jegliche Dekoration. Allein ein Fels erhebt sich im Vordergrund. Mit dem Untergang Macbeths sinkt er im Laufe des Abends immer weiter nach unten.

Als sich das unter dem Tyrannen leidende Volk unter der Führung von Macduff gegen den Herrscher wendet, werden drohend Steine in die Luft gehoben. Am Ende landen sie krachend im Graben in der Mitte der Bühne. Die Verbindung zwischen dem übermächtigen Fels und den Steinen der Revolutionäre wird ein wenig zu platt verdeutlicht. Die Kostüme sind gewöhnlich; sie reihen sich damit in die überwiegend farblose Bühnengestaltung ein. Ein lustiges Detail: Die Souffleuse bekommt beim Auftritt der Hexen ebenfalls Hörner verpasst, die aus dem Graben an der Bühnenrampe herausragen.

So wenig spektakulär Bühne und Kostüme ausfallen, so wenig riskiert Regisseur Čičvák mit seiner Inszenierung. Dennoch gelingt es ihm, eine düstere Atmosphäre und ein harmonisches Ganzes zu erschaffen. In einzelnen Szenen beschwört Čičvák eindrückliche Bilder herauf. Fazit: Eine grundsätzlich gelungene Inszenierung für Liebhaber von Verdi-Klassikern, die auf jegliche Art von Provokation verzichtet.

Macbeth. Staatsoper Prag (Wilsonova 4), 170 Minuten, Italienisch mit tschechischen und englischen Übertiteln, Termine: 23. und 26. Juni, 3. und 24. September, jeweils 19 Uhr



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