Germanisierung am Reißbrett

Germanisierung  am Reißbrett

Nach der Besetzung der „Rest-Tschechei“ hatten die Nationalsozialisten Prag unter ihrer Kontrolle. Das sollte sich auch in der Architektur widerspiegeln

12. 3. 2014 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: ČTK

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„Böhmen ist die Festung Europas, wer sie sich unterwirft, beherrscht ganz Europa.“ Mit diesen Worten hatte Adolf Hitler die herausragende Bedeutung Böhmens gegenüber den anderen von Nazideutschland besetzten europäischen Ländern bewertet. Und auch die Stadt Prag spielte in der Ideologie der deutschen Besatzer eine besondere Rolle.

Am radikalsten verfolgte Karl Hermann Frank als Stellvertreter des Reichsprotektors das Ziel einer völligen Germanisierung Prags und der böhmischen Länder. Nach dem „Endsieg“ sollte die Mehrheit der Tschechen in das besiegte Russland deportiert werden. Das deutsche „Volk ohne Raum“ sollte dann die frei gewordenen Räume in Böhmen und Mähren besiedeln. Nur ein kleiner Teil der tschechischen Bevölkerung, der für eine arische Assimilierung geeignet sei, könne bleiben.

Doch die Germanisierung des Landes und der Hauptstadt sollte sich nach den Vorstellungen der deutschen Eroberer auch in der Architektur der Städte und Gemeinden manifestieren. Über die Pläne der Nationalsozialisten, die Stadt Prag, das Umland und das übrige Territorium des Protektorats Böhmen und Mähren zu germanisieren und zu modernisieren, hat der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Miloš Hořejš jüngst eine umfassende Dokumentation vorgelegt. Unter dem Titel „Protektorátní Praha jako německé město“ („Prag in der Protektoratszeit als eine deutsche Stadt“) analysiert der Autor viele bisher unbekannte und unbearbeitete Dokumente aus der Zeit nach der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“.

Vorbilder Berlin und Linz
Bevor die Architekten die städtebaulichen Pläne ausarbeiteten, hatte Josef Pfitzner – der deutsche Stellvertreter des Prager Oberbürgermeisters Otakar Klapka – bereits angeordnet, dass alle Prager Straßen deutsche Namen tragen sollten. Die Pariser Straße (Pařížská) wurde in Berliner Straße umbenannt, die Nationalstraße (Národní) hieß nun Viktoriastraße. Nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich im Juni 1942 wurde das heutige Masaryk-Ufer (Masarykovo nábřeží) an der Moldau in „Heydrich-Ufer“ umbenannt.

Bereits zwei Jahre zuvor war eine Planungskommission für die Germanisierung der Stadt Prag geschaffen worden, der sowohl deutsche als auch eine überraschend große Reihe tschechischer Architekten angehörten. Als Vorbilder für die architektonischen Entwürfe dienten die pompösen Neugestaltungen der Städte Berlin, Linz und Nürnberg im Sinne einer reichsdeutschen Architektur. Albert Speer – 1937 von Hitler zum Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt ernannt und verantwortlich für monumentale Bauvorhaben, die den Herrschaftsanspruch der Nazis unterstreichen sollten – kam im Dezember 1941 nach Prag, um sich gemeinsam mit Heydrich ein Bild von den Planungen zu machen.

Bei der Neugestaltung der Altstadt hielten sich einige Architekten zurück und verwiesen darauf, dass doch Plätze, Gassen und Gebäude bereits nach deutschen Vorbildern gestaltet seien. Dennoch: Auch die Architektur des Stadtzentrums sollte die Handschrift der Besatzer tragen. Einer der Entwürfe sah vor, die Fassade des Altstädter Rathauses im Stil einer „nordischen Gotik“ umzugestalten.

Der schwerwiegendste Eingriff betraf jedoch den Platz der Republik (Náměstí Republiky). Das in den Jahren 1906 bis 1912 im Jugendstil erbaute Gemeindehaus (Obecní dům), ein Symbol für das Wiedererwachen der tschechischen Nation, sollte abgerissen und von einem im Neoklassizismus errichteten monumentalen Konzertgebäude ersetzt werden. Gegenüber sollte das „Deutsche Haus der Oper“ stehen.

Nazi-Kaderschmiede
Eine wichtige Rolle bei diesen städtebaulichen Planungen spielte die Deutsche Technische Hochschule Prag. In der Zwischenkriegszeit stand sie im Ruf einer konservativen Lehranstalt. An Zahl der Dozenten und Studenten wurde sie von der 1879 gegründeten tschechischen Technischen Hochschule Prag weit übertroffen. Doch bereits nach dem Münchner Abkommen im Herbst 1938 wurde der Lehrbetrieb erheblich ausgebaut; die Federführung hatte dabei das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Berlin übernommen. Nach der Besetzung der sogenannten Rest-Tschechei mussten alle Lehrkräfte dem NS-Dozentenbund angehören, an deren Spitze der stellvertretende Vorsitzende der Planungskommission für Prag stand.

Nach dem Willen der Planungskommission sollte auf der Schützeninsel (Střelecký ostrov) auch ein großes Internat mit einer Sportstätte für die Hitlerjugend errichtet werden. Auf Skizzen sind zudem Unterkünfte zu sehen, in denen Jugendliche aus dem „Reich“ im Zuge der sogenannten Kinderlandverschickung wohnen sollten. Josef Pfitzner plante sogar den Bau einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt – eine Kaderschmiede für junge Deutsche, die für die zukünftige Führung der germanisierten Böhmischen Länder verantwortlich sein sollten.

Deutscher „Heimatstil“
Bei der Besetzung Prags durch die deutsche Wehrmacht am 15. März 1939 lebten in Prag fast eine Million Tschechen, aber nur circa 40.000 Deutsche. Nun sollten deutsche Siedler die tschechische Bevölkerung sukzessive ersetzen. Geplant waren zunächst geschlossene deutsche Siedlungen im sogenannten deutschen Heimatstil. Eine davon sollte am Ufer der Moldau, nahe dem Schloss Troja entstehen. In den Stadtteilen Bubeneč, Dejvice, Holešovice und Petřiny sollten in solchen Siedlungen ebenfalls ausschließlich Deutsche wohnen.

Auf dem Land waren selbstredend andere Konzepte vorgesehen. Die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie sollte sich dort im Um- und Neubau von Dörfern und Bauernhöfen manifestieren. Entworfen wurden beispielsweise Dorfzentren, in denen das „Haus der Partei“, die Schule und die Lehrerwohnung – versehen mit den Emblemen des Hakenkreuzes und des deutschen Reichsadlers – eine Einheit bildeten.

Bis auf wenige Ausnahmen, zu denen einige Siedlungshäuser in Prag–Bubeneč und ein sogenannter Reichsspeicher in der nordböhmischen Kleinstadt Lovosice gehörten, blieb es jedoch bei Plänen, Skizzen und Entwürfen. Zur Realisierung fehlten im Krieg schlichtweg die finanziellen Mittel. Hinzu kam der Mangel an Arbeitskräften, die in der Rüstungsindustrie gebraucht oder als Zwangsarbeiter nach Deutschland geschickt wurden.

Neben der Germanisierung gehörte auch die Modernisierung der Millionenstadt Prag zu den Zielen der Nationalsozialisten. Unter anderem sollten eine U-Bahn, ein Autobahnring rund um Prag, eine Brücke über das Nusle-Tal und die Prager Magistrale (also eine mehrspurige Schnellstraße, die als Verlängerung der Autobahn aus Brünn die Innenstadt zerschneidet und am Nationalmuseum, der Staatlichen Oper und am Hauptbahnhof vorbeiführt) gebaut werden. Diese Projekte waren bereits vor der Errichtung des Protektorats von tschechischen Architekten entworfen worden und wurden schließlich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs umgesetzt.