Flucht in die Fantasie

Flucht in die Fantasie

Die Bilder der Künstler Jan Jedlička, Vladivoj Kotyza und Mikuláš Rachlík spiegeln das Leben in Zeiten der Unterdrückung wider

4. 5. 2016 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Fotos: GHMP

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Vor knapp 50 Jahren gestalteten drei Kunststudenten eine leere Wohnung auf der Prager Kleinseite zu einer improvisierten Galerie um. Darin zeigten Jan Jedlička, Vladivoj Kotyza und Mikuláš Rachlík außergewöhnlich fantasievolle Bilder. Jahrzehntelang blieben die Werke unbekannt, bis der Kunsthistoriker Vojtěch Lahoda sie aufspürte und unter dem Titel „Prager Phantastischer Realismus“ der Öffentlichkeit vorstellte.

An den alten Meistern der Renaissance orientiert, verbanden die Prager Maler eine realistischen Stil mit grotesk-fantastischen Motiven – nicht zuletzt auch, um auf ihren absurden Alltag in den sechziger Jahren und die politische Unterdrückung zu verweisen. Die Galerie der Hauptstadt Prag präsentiert die Bildwelten der Künstler derzeit im Colloredo-Mansfeld-Palais. Zu sehen sind Fotografien, filigrane Zeichnungen und Malereien mit groben Pinselstrichen.

Jan Jedlička: „Felipe Serrano in der Parkanlage Hvězda“

Der Ausstellungsort könnte kaum passender sein: Wie in den Werken scheint auch in dem Gebäude die Zeit stillzustehen. Im Treppenhaus bröckelt der Putz von den hohen Wänden, unter den Füßen knarzt das Parkett. Von draußen dringt der Großstadtlärm durch die Fenster. Im Inneren des Palais trifft er auf ungewohnte Stille. Eine Stille, die auch in den Bildern zu finden ist, in denen sich die Magie des mittelalterlichen Prag mit der bedrückenden Atmosphäre des Sozialismus vermischt.

Der Phantastische Realismus von Kotyza, Rachlík und Jedlička war nur von kurzer Dauer. Bereits 1967 wurde Kotyza zum Militär eingezogen; die anderen beiden emigrierten. Mit dem bekannten Phantastischen Realismus aus Wien haben die Werke den Bezug zu Manierismus und Symbolismus der Renaissance-Künstler und die fantastischen Elemente gemein. Letztere entspringen jedoch nicht wie bei den Wiener Malern dem Sur­realismus.

Aus dem Zyklus „Balty“ von Mikuláš Rachlík

Kotyza, Rachlík und Jedlička nutzten Traumbilder, Illusion und Groteske vor allem, um auf das eingeschränkte Leben in den Sechzigern aufmerksam zu machen. Auf das Leben unter einer Glocke des kulturellen und politischen Stillstands. Anscheinend idyllische Landschaften entpuppen sich beim zweiten Blick als menschenleere und zerstörte Orte, die Natur als ausgeplünderter, industrialisierter Raum.

Obwohl der Titel der Ausstellung den Eindruck vermittelt, Kotyza, Rachlík und Jedlička hätte ein künstlerisches Manifest verbunden, haben sie ihre Schaffensphase nicht auf­einander abgestimmt. In ihren Bildern wollten sie lediglich die Lebenswirklichkeit einfangen. Ihre Werke blieben vom übrigen Kunstgeschehen in der Tschechoslowakei weitgehend isoliert und stellen eine Ausnahme­erscheinung dar, wie Kuratorin Jitka Hlaváčková sagt.

Nach dem Studium gingen Rachlík, Jedlička und Kotyza getrennte Wege. Einzig Kotyza blieb in seinem Heimatland, wo er unter anderem an der Westböhmischen Universität in Pilsen Kunst lehrte. Seit 2010 widmet er sich vor allem der Freilichtmalerei. Jedlička lebt abwechselnd in Prag und Zürich, auf seinen Reisen durch ­Europa realisiert er immer wieder Kunstprojekte wie zum Beispiel ein Kirchenfenster in Sizi­lien. Rachlík lebt in der Nähe von Rom, wo er sich mit Bühnendesign und Gartenmalerei beschäftigt.

Pražský fantastický realismus 1960–1967. Colloredo-Mansfeld-Palais (Karlova 2, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 60 CZK (ermäßigt 30 CZK), bis 4. September, www.ghmp.cz