Fliegende Stöcke

Fliegende Stöcke

Floorball fasziniert immer mehr Jugendliche – auch weil er eine Alternative zum Eishockey darstellt

10. 9. 2015 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: Czech Open

Quietschende Schuhe, klackende Stöcke und fliegender Wechsel: Wer zum ersten Mal beim Floorball zuschaut, könnte verwirrt sein. Die Spieler springen im Minutentakt über die Bande, um sich ein- und auszuwechseln. Mit ihren Stöcken und unglaublich hohem Tempo versuchen sie, eine gelochte Kugel ins Tor der gegnerischen Mannschaft zu bugsieren. Der Ball ist so klein und flink, dass man ihm kaum folgen kann.

Die enorme Geschwindigkeit war es auch, die Jan Gaitzsch für den Sport begeisterte. Seit zehn Jahren spielt er Floorball. Ungebrochen ist seine Leidenschaft für das Spiel, das ähnlich wie Hallenhockey funktioniert. „Weil es mir Spaß macht, mit Freunden im Team zu spielen und weil es so schnell und lebendig ist“, erklärt der 17-Jährige. Fußball sei ihm zu langweilig. „Da fällt mitunter in 90 Minuten kein einziges Tor. Im Floorball ist das anders, da kann sich innerhalb von drei Minuten alles ändern.“

Jan ist keine Ausnahme. Der Sport erfreut sich in Tschechien seit den neunziger Jahren zunehmender Beliebtheit. Inzwischen zählt der Floorball-Verband hierzulande 75.000 Aktive, die verteilt auf 2.026 Teams in 414 Klubs spielen. Im europäischen Vergleich steht Tschechien damit hinter Schweden und Finnland auf Rang drei.

Dass der Sport so beliebt ist, findet Martin Vaculík nicht überraschend: „Floorball ist so simpel, dass es jeder spielen kann. Man braucht nur einen Stock und Turnschuhe.“ Außerdem sei es einfach zu erlernen und erfordere Schnelligkeit, Ausdauer und Koordination. Vaculík selbst spielt Floorball, seitdem er ein Kind war. Vor elf Jahren rief er die „Prague Games“ ins Leben, das mittlerweile größte internationale Floorballturnier für Jugendliche. In diesem Jahr nahmen 370 Teams aus neun Ländern teil. Für die jungen Spieler sind die „Prague Games“ eine große Party. Zwischen den Spielen dröhnt in den Turnhallen laute Musik aus den Boxen, ungeduldig hüpfen die Sportler durch die Reihen.

Traumland Schweden
Seinen Ursprung hat der international als Unihockey bekannte Sport in Nordamerika, wo er in den fünfziger Jahren als Sommervariante von Eishockey an den Highschools gespielt wurde. In den Siebzigern entwickelte er sich in Skandinavien und der Schweiz zu seiner heutigen Form weiter. Im Gegensatz zu Eishockey wird Floorball auf normalem Hallenboden gespielt. In der Regel stehen sich auf dem 40 mal 20 Meter großen Feld sechs Spieler pro Mannschaft gegenüber, inklusive Torwart. Die fünf Feldspieler wechseln fliegend alle ein bis zwei Minuten. Ein Match besteht aus drei Blöcken zu je 20 Minuten. Statt mit einem Puck wird mit einem 23 Gramm leichten, gelochten Kunststoffball gespielt. Anders als auf dem Eis sind keine Stockschläge und harten Körpereinsätze erlaubt, lediglich das Drücken mit der Schulter ist legitim. Daher tragen die Spieler bis auf den Torhüter auch keine Schutzkleidung.

Im Vergleich zum Eishockey ist auch die Sportausrüstung für Anfänger wesentlich günstiger. Die robusten Kunststoffschläger kann man schon für etwa 300 Kronen (etwa elf Euro) kaufen. Mit steigendem Spielniveau kosten sie mehr, weiß Jan. Für seine „hokejka“, wie der Schläger im Tschechischen heißt, muss er bis zu 5.000 Kronen aufwenden. Auch der Verschleiß nimmt zu – so gehen pro Saison etwa drei Stöcke kaputt. Obwohl er sich beim Spielen häufig verletzt, denkt der Prager nicht ans Aufhören. „Das bringt jeder Sport mit sich“, sagt er. Da Floorball so dynamisch sei, würden sich die Spieler noch öfter verletzen als beim Fußball. „Das sind doch nur Simulanten, die ständig auf dem Boden liegen“, lacht er.

Jan spielt für den landesweit erfolgreichsten Klub Tatran Střešovice. In der vergangenen Saison hat der Verein drei Titel gewonnen. Bei den „Prague Games“ landete Jans Mannschaft im Finale, wo sie sich der finnischen Auswahl geschlagen geben musste. Täglich trainiert er zwei Stunden – Dehnübungen, Rennen, Springen und Taktik. Am übernächsten Wochenende, wenn die neue Spielzeit beginnt, startet er in die neue Liga. Zuvor hat er für die U17 gespielt, nun tritt er für die älteren Junioren an. Vor dem ersten Spiel, das sein Team am Samstag in Ostrava bestreiten wird, ist er nicht aufgeregt. „Wenn man täglich spielt, ist das nichts Besonderes mehr. Aufgeregt bin ich höchstens vor einem Finale oder wenn wir gegen ein anderes Land spielen“, sagt Jan. Zum Beispiel bei den „Prague Games“. Auf das Turnier und die „Czech Open“ – die Variante für die erwachsenen Spieler – freut sich Jan jedes Jahr besonders. „Sie sind am spannendsten, weil man dann auch mal auf Teams aus dem Ausland trifft. “

Anders als in Skandinavien ist Floorball in Tschechien ein Amateursport. „Noch fehlen die Sponsoren“, erklärt Jan. Sein Ziel ist es, später einmal für die tschechische Nationalmannschaft aufzulaufen. „Aber die Konkurrenz ist hart, es gibt so viele Spieler.“ Und sein Traum? „In Schweden zu spielen, das wünscht sich wohl jeder.“



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