Film als Ikone

Film als Ikone

Das Rudolfinum beleuchtet den Einfluss von Resnais „Letztes Jahr in Marienbad“ auf die bildenden Künste

15. 9. 2016 - Text: Franziska NeudertText: fn

 

Mit „Letztes Jahr in Marienbad“ schrieb Alain Resnais im Jahr 1961 ein Stück Filmgeschichte. Die Handlung des Streifens ist unspektakulär: Ein Mann und eine Frau versuchen herauszufinden, ob sie sich in einem Luxushotel in Marienbad vor einem Jahr schon einmal begegnet sind. Indem der französische Regisseur die Prinzipien des Nouveau Roman auf das Medium Film übertrug, brach er jedoch so radikal wie niemand zuvor mit den gewohnten Strukturen von Ort, Zeit und Kausalität. Die Regeln des linearen Erzählens hob er auf, Traum und Wirklichkeit stellten die Realität immer wieder in Frage. Resnais schuf eine künstlerische Sprache, in der der Stil den Inhalt in den Hintergrund drängt. Aus geometrischen Formen, extremen Fluchtlinien und einem Spiel aus Licht und Schatten entstand eine nahezu starre Film­ästhetik. Das Werk wurde zum Inbegriff der Nouvelle Vague.

Die Bedeutung des Films und die Spuren, die er in der bildenden Kunst hinterließ, beleuchtet nun eine Ausstellung in der Galerie des Rudolfinums. Die Schau, die zuvor in der Kunsthalle in Bremen zu sehen war, versammelt international bekannte Werke vom beginnenden 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Angefangen bei Giorgio de Chirico über Surrealisten wie René Magritte bis zu Ikonen der Gegenwart wie Jeff Koons und Rodney Graham ziehen die Kuratoren eine lange Linie. Zu sehen sind Skulpturen, Installationen, Fotografien und Videos sowie klassische Malereien und Zeichnungen.

„Actor/Director 1954, 2013“ von Rodney Graham    Foto: Graham/Hauser & Wirth

Vorgestellt wird sowohl der Film selbst – in Gestalt von Plakaten, Film-Stills und Dokumenten, wie zum Beispiel das Drehbuch, das erstmals zu sehen ist. Aber auch Vorläufer, die Resnais in seiner Bildsprache inspiriert haben, werden präsentiert. Dazu gehören Surrealisten wie Delvaux und de Chirico, die ihre Figuren immer wieder allein und verloren in einer irrealen Architektur arrangierten.

Zu den Künstlern, die „Letztes Jahr in Marienbad“ inspiriert hat, zählt unter anderem Gerhard Richter. In den Sechzigern schuf er großformatige Bilder, in denen er Fotografien aus Massenmedien verwendete, sie verwischte und damit den Anspruch der Darstellung von Wirklichkeit wie Resnais in seinem Film in Frage stellt. Das Konzept von Wirklichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung, die immer wieder deren Inszenierung thematisiert. So auch in den Werken von Cindy Sherman und Sam Samore.

Bezug zu ornamenatlen Elementen des Films – wie zum Beispiel die Rokoko-Architektur und Kronleuchter – nimmt Jeff Koon in seinem vergoldeten Spiegel „Christus und das Lamm“.

Jeff Koons Spiegel „Christus und das Lamm“    Foto:  Collection Groninger Museum

Parallelen der kühlen Film­ästhetik ziehen die Kuratoren sogar zu Karl Lagerfeld. Auf einem Video können die Besucher eine Modeschau des Designers aus dem Jahr 2011 im Pariser Grand Palais sehen, die offenbar von Resnais Bildsprache beeinflusst wurde.

Am Film selbst schieden sich seinerzeit die Geister. Die einen hielten ihn für einen hochstilisierten, langweiligen Schwarz-Weiß-Film, die anderen sahen in ihm ein künstlerisches Meister­werk.

Loni v Marienbadu. Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, donner­stags bis 20 Uhr, Eintritt frei, bis 27. November, www.galerierudolfinum.cz

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