Feinde und Fledermäuse

Feinde und Fledermäuse

„Fandíme divadlu“ bringt kritisches Theater auf die Bühne

10. 9. 2015 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: Pavel Hejný

 

Anecken und Grenzen verschieben – wer zeitgenössisches tschechisches Theater besucht, darf keine seichten Komödien erwarten. „Nach dem Umsturz in den Neunzigern gibt es auf der Bühne keine Tabus mehr. Schockierende Elemente sollen nicht einfach Aufmerksamkeit erregen, sondern dem Zuschauer die Vergeblichkeit und Vielschichtigkeit des Daseins vor Augen führen“, sagt die Dramaturgin Dora Viceníková. Außergewöhnliches will auch das internationale Theaterfestival „Fandíme divadlu“ (auf Deutsch etwa „wir sind Theaterfans“) in Pilsen präsentieren, für das Viceníková mit ihren Kollegen ein vielseitiges Programm vorbereitet hat.

„Für das Jahr als Europas Kulturhauptstadt konnten wir einige Ausnahme-Regisseure mit ihren Stücken gewinnen“, sagt die Dramaturgin. Zu Gast sind beispielsweise der polnische Theatermacher Krzysztof Warlikowski, Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne und Kornél Mundruczó aus Budapest mit seiner ironisch-grotesken „Fledermaus“, die lose auf der gleichnamigen Operette von Johann Strauss basiert. Neben Produktionen aus Spanien, Island, Belgien und der Slowakei erwartet die Besucher bis 17. September zudem einheimisches Theater. Auf dem Programm stehen unter anderem „Tod in Venedig“ des Pilsener Tyl-Theaters; das Prager „Theater am Geländer“ präsentiert „Die Hedonisten“ und das Klicpera-Theater aus Hradec Králové bringt Puschkins „Eugen Onegin“ auf die Bühne.Darüber hinaus haben die Veranstalter Workshops und Diskussionen organisiert sowie eine Ausstellung der polnischen Theaterfotografin Magda Hueckel.

Zu den Höhepunkten gehört Warlikowskis vierstündiges Drama „Apollonia“, mit dem das Festival am Mittwoch im Kulturzentrum Depot 2015 eröffnete. „In der Geschichte von ,Fandíme divadlu‘ ist es die bisher größte Produktion“, sagt Viceníková. Am kommenden Samstag, 12. September, folgt Ostermeiers Henrik-Ibsen-Adaption „Ein Volksfeind“. Das Ensemble der Schaubühne gastierte mit dem Drama bereits in Australien, Amerika und Kanada; in Pilsen wird es im Neuen Theater zu sehen sein.

Schmaler Grat
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Badearzt Dr. Stockmann. Er entdeckt, dass das Heilwasser in seiner Stadt, die hauptsächlich vom Tourismus lebt, von Krankheitserregern durchsetzt ist. Als er die Öffentlichkeit unterrichten will, stellt sich ihm sein Bruder, der Stadtrat des Ortes ist, in den Weg. Ibsens Drama bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Aufklärung und Fanatismus: Welchen Platz hat die Wahrheit in einer Gesellschaft, die von wirtschaftlichen Interessen bestimmt wird?

Am Tag darauf gastiert das Schauspielensemble Vesturport aus Reykjavík am Theater Alfa. „Brim“ (isländisch für Wellenbrecher) dreht sich um die Crew eines Fischerschiffes vor der Küste Islands. Dem Autor des Stückes Jón Atli Jónasson kam die Idee dazu nach einer langen Durststrecke, als ihm selbst keine Fische ins Netz gingen. „Das war eine harte Lektion in Sachen menschliches Verhalten. Kein Fischer will an Bord eines Bootes sein, das so etwas durchmacht. Und wenn man nicht draußen auf dem Meer ist, hat man zu viel Zeit zum Nachdenken; das kann auch gefährlich sein“, sagt Jónasson.

Leise Geistergeschichten
Außerdem können sich Besucher auf die Kinderoper „2’ 16” and a Half: Space Odyssey“ freuen. Das Projekt wurde von Musikern der Slowakischen Philharmonie in Bratislava ins Leben gerufen. Sie luden Kinder ein, Teil eines Orchesters zu werden. Das Ergebnis basiert auf John Cages berühmter Komposition „4’ 33”“, während der er für viereinhalb Minuten an seinem Klavier saß, doch keinen einzigen Ton spielte. So bilden leise Geistergeschichten und Stille die wichtigsten Bestandteile der Kinderoper.

Mit dem tschechisch-belgischen Projekt „Dvojenci“ („Zwillinge“) klingt das Festival am 17. September aus. Es erarbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden europäischen Kulturhauptstädte 2015 Pilsen und Mons und sucht nach deren Wurzeln.

Fandíme divadlu, 9. bis 17. September, Informationen unter www.festivaldivadlo.cz



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