Experimente zwischen Bild und Schrift

Experimente zwischen Bild und Schrift

Der tschechische Comic auf der Suche nach sich selbst

31. 10. 2012 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: comicsdb.cz

 

Mit einem stillen Helden fing es an. Als die Figur des kauzigen Bahnwärters „Alois Nebel“ – jenem einsilbigen Fahrdienstleiter, der im polnisch-tschechischen Grenzgebiet von den Geistern der Vergangenheit eingeholt wird – 2003 die Bühne des tschechischen Comics betrat, avancierte sie schnell zur Kultfigur. Mit dem Erfolg der Bilder-Trilogie von Jaroslav Rudiš und Jaromír Švejdík (bekannt unter seinem Künstlernamen Jaromir 99) ist Bewegung in die Szene des Landes gekommen; seitdem erlebt sie einen kleinen Boom. Eine Szene, die im Vergleich zu anderen Ländern recht überschaubar ist, sich aber keineswegs verstecken muss. Das beweist seit sieben Jahren das „KomiksFEST“, ein Festival rund um den internationalen Comic, das jährlich das hierzulande noch junge Medium einem breiten Publikum zugänglich machen möchte. Bis 3. November ermöglichen Theateraufführungen, Buch- und Filmpräsentationen, Workshops sowie Ausstellungen und Diskussionen unter dem Motto „Comics unlimited!“ einen Einblick in die mittlerweile recht bunte Szene.

Die Zukunft des tschechischen Comics sah nicht immer rosig aus. Hinter ihm liegt eine holprige Geschichte; kurze Phasen des Auflebens wurden immer wieder von Tiefschlägen unterbrochen.

Kleine Geschichte des tschechischen Comics
Die Wurzeln des tschechischen Comics reichen zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als mit der Entwicklung der Massenpresse die ersten Bildergeschichten in Zeitungen erschienen. Bis zum Zweiten Weltkrieg hielt sich ein ansehnliches Comic-Angebot – meist humorvolle Geschichten mit ironischen Anspielungen auf die damalige Zeit. Das änderte sich mit der deutschen Fremdbesatzung – sie bedeutete ein Ende für den tschechischen Comic, das sich lange hinziehen sollte. Denn auch unter kommunistischer Herrschaft galten die gezeichneten Bildergeschichten als westlicher, dekadenter Schund und waren verpönt. Nur wenige harmlose Kindergeschichten wie zum Beispiel „Čtyřlístek“, das vierblättrige Kleeblatt, durften erscheinen. Mit dem Prager Frühling folgte eine kurze Phase des Aufblühens. In diese Zeit fällt auch das Schaffen Kája Saudeks, der mit seinen euphorischen, vom Rock’n’Roll inspirierten Plakaten schließlich zu einem von den Kommunisten am meisten verfolgten Comic-Künstler wurde. Viele seiner Bildergeschichten wurden noch vor ihrer Veröffentlichung gestoppt, darunter auch das futuristische Comic „Muriel a andělé“ (Muriel und die Engel). Erst 1991 fand die Geschichte um eine junge Ärztin und deren geflügelten Freund aus der Zukunft ihren Weg in die Öffentlichkeit.

Seinen größten Tiefschlag erlebte der tschechische Comic während der sogenannten Normalisierung nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Sie bedeutete für Zeitschriften wie „Rychlé šípy“ ein jähes Ende. Regelrecht an den Rand der Auslöschung gedrängt, konnte sich der Comic auch mit der politischen Wende nicht wirklich erholen. Zwar bescherte die 1989 zum ersten Mal erschienene Zeitschrift „Kometa“ dem Genre eine kleine Sternstunde – äußerst erfolgreich waren beispielsweise die darin veröffentlichte bildhafte Umsetzung von Karel Čapeks „Války s Mloky“ („Krieg mit den Molchen“) durch Jan Štěpanek und „Dračí let“ („Drachenflug“) von Vladimír Hanuš. Dem kurzen Aufleben folgte jedoch ein tiefer Sturz.
Gesellschaftliche Umwälzungen, zerfallende Vertriebsnetze und eine Überflutung des Marktes durch westliche Konsum- und Kulturgüter bescherten dem Comic-Genre beinahe den Garaus. Bis 1997 erschien so gut wie keine Bildergeschichte.

Neuanfang
Erst mit der Jahrtausendwende öffnete sich erneut eine Tür. Mit der sogenannten Generation Null wird der Comic von einer Künstlergeneration vertreten, die sich nicht mehr um die Verteidigung ihres Mediums sorgen muss und noch einmal von vorn beginnen kann. Die Initialzündung stellte die Gründung der Zeitschrift „CREW“ dar. 1999 schrieb das Comic-Magazin den Zeichenwettbewerb „Sterben heißt nicht leben“ aus, in dessen Verlauf viele Künstler entdeckt wurden. Eine Plattform fanden sie später vor allem in der Zeitschrift „Aargh!“, die von Tomáš Prokůpek und Tomáš Kučerovský 2000 in Brünn gegründet wurde und sich vorrangig lokalen Künstlern widmet.

Der internationale Erfolg der Trilogie um den Eisenbahner Nebel und deren ebenso erfolgreiche Verfilmung schärfte nicht nur bei Kritikern das Bewusstsein für das bis dahin eher marginale Genre. Auch Tages- und Wochenzeitungen entdeckten ihr Interesse an den Bildersequenzen. In Form von regelmäßigen Comicstrips oder ganzseitigen Geschichten fand der Comic wieder zurück in die Gegenwartspresse.

Charakteristisch für den neuen Comic – wie für alle kulturellen Phänomene der sogenannten Postmoderne – ist, dass er sich schwer definieren lässt. Ironie, Experimente mit dem japanischen Manga und gesellschaftskritische Ansätze gestalten eine Comic-Szene, die viele Gesichter hat: Von Jiří Grus’ „Voleman“, dem Turnschuh tragenden Vorstadthelden aus Holešovice über „O přibjehi’“ (Geschichten), eine Comic-Trilogie über die Roma-Problematik, bis hin zur phantasiereichen Serie „Monstrkabaret Freda Brunolda“ („Fred Brunolds Monsterkabarett“) des Künstlerpaars Džian Baban und Vojtěch Mašek. Etwa 200 Künstler zählen zum Kern der Generation Null. „Die meisten machen ihre Arbeit aus purer Freude an der Kunst – leben können sie davon nicht. Aber gerade deshalb ist der tschechische Comic voller Leidenschaft. Alle, die an der Generation Null beteiligt sind, sind eher passionierte Liebhaber“, weiß Václav Šlajch. Der 32-Jährige gewann 2010 den Festival-Preis „Muriel“ für den besten Kurz-Comic. Er hält den tschechischen Comic obwohl – oder gerade weil – er nicht auf eine kontinuierliche Tradition zurückblicken kann, für kunstvoller und experimenteller als seine Geschwister aus dem Westen. Wenn ihm eine klare Gestalt auch fehlt, als ernstzunehmende Kunstform zwischen Bild und Schrift muss er sich nicht mehr behaupten. Der tschechische Comic ist auf dem besten Weg sich zu finden. Und dafür stehen ihm alle Türen offen.

Nähere Informationen zum Programm des Comics-Festivals unter www.komiksfest.cz



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