Erinnerungskultur eines Multitalents

Erinnerungskultur eines Multitalents

Neu im Kino: „20.000 Days on Earth“ erzählt aus Nick Caves Alltag

23. 10. 2014 - Text: Peter HuchText: Peter Huch; Foto: Drafthouse Films

Der australische Kultmusiker Nick Cave verbrachte seinen 20.000. Tag auf Erden vor der Kamera. Ursprünglich wollte das Regie-Duo Iain Forsyth und Jane Pollard lediglich Dokumentationsmaterial drehen, das später Werbezwecken für Caves jüngstes Album „Push the Sky Away“ dienen sollte. Herausgekommen ist mit „20.000 Days on Earth“ ihr erster Langzeitfilm, der zwischen Fakten und Fiktion pendelt.

Das Resultat wirkt wie ein einzig langer, mitreißender Song des Wahlbriten. Es beginnt mit einem Zeitraffer. Ein Zähler rattert bis zur Zahl 19.999 –  es sind hunderte Fotos aus dem wilden Leben des charismatischen Multitalents zu sehen. Nun, im Alter von 57 Jahren, scheint Cave ein ruhiges Dasein gefunden zu haben: Er fährt im Jaguar herum, spaziert am Strand und isst abends Pizza mit seinen Söhnen.

Es folgen Sequenzen, in denen Cave von seinem Psychotherapeuten über seine Kindheit befragt wird. So erfährt man, wie der Vater dem kleinen Nick aus Wladimir Nabokows Skandalroman „Lolita“ vorlas. Die eigene Lebensgeschichte und deren Dokumentation hat scheinbar großes Gewicht für Cave. So unterhält er sogar ein eigenes Archiv, in dem scheinbar all seine wichtigsten persönlichen Erinnerungsstücke versammelt sind.

Zwar kann sich der Musiker nach eigenen Angaben kaum an die achtziger Jahre erinnern, doch wenn er mit dem Zeigestock an auf der Wand projizierten Fotos herumdoziert, kommen skurrile Anekdoten zutage. So kann er sich plötzlich entsinnen, in Westberlin eine Schuhschachtel mit drei Haarzöpfen verschiedener Menschen gekauft zu haben.  

Neben aktuellen Weggefährten begegnet Cave immer wieder alten Mitstreitern. So kommen unter anderem Kylie Minogue oder der ehemalige „Bad Seeds“-Gitarrist und „Einstürzende Neubauten“-Sänger Blixa Bargeld zu Wort. Außerdem mischen Mitschnitte von Konzerten den Plot auf. Es ist ein Vergnügen, dem Derwisch Cave beim Tanzen auf der Bühne zuzuschauen. Die gelungene Doku-Fiktion ist ein Muss für alle Fans!



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