Einmalig und versteckt

Einmalig und versteckt

Nach 20 Jahren Verfall wird die Wälsche Kapelle in der Altstadt restauriert

10. 11. 2016 - Text: Franziska Neudert, Titelbild: Anguskirk, CC BY-NC-ND 2.0

Auf ihrem Weg zur Karls­brücke schieben sich täglich hunderte Touristen durch die enge Karlsgasse (Karlova). Die Wälsche Kapelle (Vlašská kaple) dürfte dabei den wenigsten auffallen. Noch weniger wissen wahrscheinlich, dass sie gerade an einem architektonischen Kleinod vorbeilaufen. Die Kapelle, die zum Klementinum gehört, zählt zu den bedeutenden Bauwerken, die an der Schwelle zwischen Renaissance und Barock entstanden. Eine Besonderheit ist vor allem ihr elliptischer Grundriss, den zur Zeit ihrer Entstehung kein zweites Bauwerk nördlich der Alpen aufwies.

Vor 20 Jahren wurde in der ­Kapelle zum letzten Mal ein Gottes­dienst abgehalten. Seitdem blieben ihre Türen geschlossen; der Bau verfiel zunehmend. Es sei zu gefährlich für Besucher, ihn zu betreten, hieß es. Die komplizierte Rechtslage erschwerte die nötige Restaurierung. Ende des 16. Jahrhunderts von der italienischen Marienkongregation in Auftrag gegeben, gehört der Sakralbau heute dem italienischen Staat. Zugleich erklärte ihn das tschechische Kulturministerium zum Denkmal auf seinem Staatsgebiet.

Ende Oktober dieses Jahres wurde der erste Teil der Arbeiten an der Kapelle abgeschlossen. Der Renaissancebau erhielt ein neues Dach, das Portal und sein Gitter wurden repariert, die Fassade erneuert. Im Innenraum arbeiten italienische Restauratoren derzeit an den Fresken. Das gab der italienische Botschafter in Prag Aldo Amati bekannt. Jahrelang hatte er sich bemüht, die nötigen Gelder für die Renovierung zu sammeln. Der italie­nische Staat, das tschechische Kulturministerium, der Prager Magistrat, der Stadtteil Prag 1, die griechisch-orthodoxe Kirche und private Sponsoren halfen, die erforderliche Summe aufzubringen. Laut Amati werden sich die Kosten auf umgerechnet rund 900.000 Euro belaufen. Einen exakten Betrag könne er jedoch jetzt noch nicht nennen.

Innerhalb der kommenden acht bis zehn Monate sollen die Wandmalereien restauriert werden. Der Hauptaltar und andere Teile der Einrichtung lagerten derweil in der italienischen Botschaft in der Neruda-Gasse, so Amati.

Errichtet wurde die Wälsche Kapelle vermutlich in den Jahren 1590 bis 1600 nach den Plänen des Architekten Ottorino Mascarino. Den Auftrag zum Bau hatte die italienische Gemeinde in Prag gegeben. Vor allem unter der Herrschaft Rudolfs II. kamen Italiener an die Moldau, um hier als Baumeister, Maurer und Steinmetze Arbeit zu finden. Die Habsburger wiederum schätzten ihr an der italienischen Baukunst geschultes Handwerk. Die italienische Gemeinde wuchs, nachdem sich auch Geschäfts- und Bankleute in der Stadt niederließen. Bald wünschten sie sich einen eigenen Gebetsraum.

Dieser sollte mit der Wälschen Kapelle in der Altstadt geschaffen werden. Umgesetzt wurde er in unmittelbarer Nähe zum Klementinum. Denn der dort ansässige Jesuitenorden hatte mitunter für die Italiener in ihre Muttersprache gepredigt.

Der Bau im manieristischen Stil ist einmalig. Laut Kunsthistorikern verkörpert der elliptische Grundriss eine ideologische Wende – eine Abkehr vom rationalen Denken der Renaissance, die unter anderem im kreisförmigen Grundriss zum Ausdruck kommt, hin zu einer sinnlichen und dynamischen Raumwahrnehmung im Barock. Den Innenraum bildet eine zweistöckige Galerie. Die Wände zieren Fresken aus dem 18. Jahrhundert. Das Portal schuf der Prager Franz Maximilian Kaňka, es führt zugleich in die benachbarte Kathedrale des heiligen Clemens von Rom (Katedrála svatého Klimenta).

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