Eingebrannt in Mutter Erde

Eingebrannt in Mutter Erde

Eine Retrospektive der Performancekünstlerin Ana Mendieta berührt und verstört

12. 11. 2014 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto:

 

Die aktuelle Ausstellung „Traces“ („Spuren“) in der Galerie Rudolfinum könnte auch den Alternativtitel „There Will Be Blood“ tragen. Dies in Anlehnung an den Kinofilm mit Daniel Day-Lewis aus dem Jahre 2007, der sich als nach Öl bohrender Berserker in einem epischen Kampf mit den Naturgewalten befindet. Der Oscar-gekrönte Streifen von Paul Thomas Andersen blickt tief in die Niederungen gekränkter Seelen und schält dabei Konflikte heraus, die auf Lebensgeschichten voller schmerzhafter Bruchlinien beruhen.

Es ist nicht bekannt, ob Andersen mit dem Lebenswerk der kubanisch-amerikanischen Performancekünstlerin Ana Mendieta vertraut ist, es würde allerdings nicht erstaunen. Parallelen zu Mendietas gibt es einige, auch wenn deren Bezug zur Natur ein ganz anderer, ein lieblich-intimer ist. Doch auch sie rieb sich an und mit Mutter Erde, um daraus schöpferische Kraft zu tanken. Im Rudolfinum kann man Zeuge einer ausführlichen Retrospektive des Werkes einer außergewöhnlichen Künstlerin werden, die mit unheimlicher Intensität und vollem Körpereinsatz arbeitete.

Mendieta wurde 1948 in Havanna geboren. Als Tochter einer großbürgerlichen Familie wuchs sie in geordneten und wohlhabenden Verhältnissen auf. Ein radikaler Bruch in dieser Existenz bedeutete die Kubanische Revolution. Sie führte letztendlich dazu, dass die pubertierende Ana 1961 zusammen mit einer Schwester in die USA geschickt wurde, wo sie in Waisenhäusern und Pflegefamilien aufwuchs. Später studierte sie Kunst an der Universität von Iowa.

Mit ihrem Lehrer und Geliebten Hans Breder begann sie Anfang der siebziger Jahre, Fotoserien anzufertigen und Kunstaktionen zu filmen. Man sieht Mendieta, wie sie nackt vor einer gekachelten Wand steht und ein geköpftes Huhn ausbluten lässt. In „Rape Scene“ stellte sie in ihrer Wohnung eine Vergewaltigungsszene mit Kunstblut nach und schockierte so ihre zuvor bestellten Besucher. Bald wurde Tier- oder Kunstblut zu ihrem wichtigsten Arbeitsmaterial. Immer war da Blut, und zwar viel Blut. Es ging Mendieta aber nicht (nur) um die Provokation, sondern um das Herauskehren eines Stoffes, der aus dem Innersten des Menschen kommt und sein Lebenselixier ist.

Mendieta bohrte und brannte, ähnlich wie Day-Lewis als Daniel Plainview, markante Spuren in die Erde, mit der sie sich gleichzeitig vereinte. Sie inszenierte sich als Tote im Mumienkleid und hinterließ dabei Feuerspuren im Gras. Sie zeichnete ihre eigene, entfremdete Silhouette in den Sand, formte Frauenfiguren aus kleinen Steinen, die an Darstellungen von Fruchtbarkeitsgöttinnen in Höhlenmalereien erinnern. Stets kehren Motive des weiblichen Geschlechts wieder, das sich in Skizzenserien allmählich zu vogelähnlichen Wesen verformte. Mendieta selbst hüllte sich oft in Federkleider, als wolle sie der Schwere der menschlichen Existenz flügelschlagend entfliehen. All dies wirkt oft beklemmend, geradezu morbid, enthält aber immer eine derart intime Sinnlichkeit, dass man sich den verstörenden Werken kaum entziehen kann.

Der Welt entzogen wurde Mendieta im September 1985, als sie aus bis heute ungeklärten Gründen aus dem Fenster ihres New Yorker Appartements im 34. Stockwerk stürzte. Wie Plainview in „There Will Be Blood“ starb sie einen dramatischen, gewaltsamen Tod. Zurück bleibt ihr Werk, das sich in die Kunstszene einbrannte wie Mendietas lebensgroße „Tattoos“, die sie in die Erde stach. 

Traces. Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10–18 Uhr (donnerstags bis 20 Uhr), Eintritt: 140 CZK (ermäßigt 90 CZK), bis 4. Januar 2015, www.galerierudolfinum.cz



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