Eine Vorreiterin der Frauenbewegung

Eine Vorreiterin der Frauenbewegung

Berta Fanta lud Max Brod und Albert Einstein in ihren Prager Salon. Ihre Tagebücher zeichnen das Bild
einer eigenwilligen Intellektuellen

17. 6. 2015 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Foto: Im Haus „Zum Weißen Einhorn“ lebte Berta Fanta/S. Kohoutek

Max Brod war bestürzt, als er im Dezember 1918 vom Tod Berta Fantas erfuhr. An seinen Freund Franz Kafka schrieb er damals: „Ich habe diese Frau wirklich sehr gern gehabt. Sie war ein ganz reiner Mensch und gegen ihre kleinen Fehler führte sie einen leidenschaftlichen Krieg. Immer hat sie so am Leben gehangen, den Tod gefürchtet, über die Unsterblichkeit philosophiert. (…) Ich könnte dir noch stundenlang von dieser ungewöhnlichen Frau schreiben, die dir wohl nicht so nahe gestanden ist, deren Tod aber für mich einen wirklichen Verlust bedeutet.“

Der Name Berta Fanta ist heute weitgehend unbekannt. Im deutschsprachigen Prag der Jahrhundertwende war sie Veranstalterin eines literarisch-philosophischen Salons, dem unter anderem Albert Einstein einen Besuch abstattete. Im Café Louvre und bei sich im „Haus zum Weißen Einhorn“ am Altstädter Ring diskutierte die Intellektuelle mit ihren Gästen über Psychoanalyse, Spiritualität und über Philosophen wie Fichte, Kant oder Hegel. Aber auch über Quantenphysik und die Relativitätstheorie wurde gesprochen. Fanta lud Mitglieder des Prager Kreises wie Max Brod, den Journalisten Felix Weltsch und Franz Kafka oder den Schriftsteller Hugo Bergmann ein. Auch den Anthroposophen Rudolf Steiner empfing sie in ihrem Salon. Der Philosophieprofessor Christian von Ehrenfels stellte dort seine kontroversen Theorien über Polygamie zur Debatte. „Wieder und wieder gelang es dir, Menschen anzuziehen, die anders waren als die Massen. Nichts war seltsam genug für dich, du wusstest, dass die Wahrheit nicht auf den Straßen der Mittelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit zu finden ist“, schrieb einer ihrer größten Bewunderer, ihr Schwiegersohn Hugo Bergmann, über Berta Fanta.

Wille zur Macht
Geboren wurde sie 1866 oder 1865 – dazu gibt es verschiedene Angaben – als Berta Sohr in Libochovice, etwa 60 Kilometer nordwestlich von Prag. Die wohlhabende Familie ermöglichte ihr eine höhere Bildung und ein Philosophiestudium. Auch konnte sie sich zeitlebens ihren Interessen widmen, auf Reisen gehen und sich für die Frauenbewegung engagieren. Im demokratisch ausgerichteten und vorwiegend christlich-deutschen Verein „Frauenfortschritt“ hielt die Jüdin Vorlesungen, ebenso wie ihre Schwester Ida.

Berta Fanta versuchte traditionelle Schranken nicht nur durch ihr gesellschaftliches Engagement zu überwinden. Sie brach auch im Privatleben mit dem, was sich für eine Frau ihrer Zeit gehörte. Aus ihren Tagebuchaufzeichnungen geht hervor, dass Fanta eine Verehrerin Wagners und Nietzsches war. Die Aus-einandersetzung mit Literatur, Philosophie und den Künsten begriff sie als ihre Arbeit, als Lebenszweck und Ausdruck ihres „Willens zur Macht“, wie sie mit Nietzsche formuliert. Sie wollte Herrin über die Interpretation ihrer Lebensumstände sein.

Auch über ihre Ehe mit dem Apotheker Max Fanta und die Erziehung ihrer Kinder machte sich die Intellektuelle Gedanken. Mit der Mutterrolle hatte sie ihre Probleme: „Die Erkenntnis meiner psychologischen Schwäche im Erfassen eines anderen Wesens beherrscht mich in solchen Momenten so, dass mir jede zur Tätigkeit reizende Kraft abgeht, mich erfasst dann (…) ein solches schmerzhaftes Mitgefühl für mein Kind, für ein Wesen, das eine sichere zielbewusste Hand glücklich lenken sollte und nicht ein Elternpaar, das zum Erziehen denkbar ungeeignet ist“, schreibt Fanta. Sie klagt darüber, dass ihr Mann junge Mädchen wie ihre gemeinsame Tochter Else nur als „Romaninterieur“ und „blumenhafte Wesen“ betrachte, die ohne eigene Formung Knospe zu bleiben hätten, bis der märchenhafte Prinzgemahl sie zur voll erblühten Rose küsse.

„Reformierte Kleidung“
Max Fanta, der die Tagebücher seiner Frau nach deren Tod abtippte, ergänzte diese Passage und bestritt, solche Ansichten vertreten zu haben. Er erscheint in Fantas Aufzeichnungen nicht als strenger Unterdrücker. Sie spricht eher mit liebevoller Ironie über seine Bindung an Konventionen. Seine Vorbehalte gegenüber ihrer „revolutionären Gegenströmung, die für ein neues wahres offenes Empfinden gerne die alten Dämme einreißen würde“, beschreibt Fanta in verschiedenen Einträgen. Im Oktober 1901 macht sie sich auf zum Sonntagsspaziergang mit den Kindern. Max bleibt zuhause, weil er sich dafür schämt, dass seine Gattin im „Reformkleide“ ausrückt. Die „reformierte Kleidung“ sollte es Frauen ermöglichen, sich freier zu bewegen und aktiver am Arbeitsleben teilzunehmen, vor allem durch den Verzicht auf das einengende Korsett. Sie zu tragen war Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus eine politische Aussage.

Damen in ihrem Umfeld, die es nicht schafften, mit solchen Konventionen zu brechen, stürzten Fanta in regelrechte Verzweiflung: „In Gesellschaft der Frauen meiner Bekanntschaft komme ich mir förmlich entwürdigt vor, genotzüchtigt zu allen diesen banalen unwahren Redensarten, die Worte und Sätze, die ich dann spreche, kommen aus einem geknechteten halb erwürgten Wesen aber nicht aus meinem freien Ich. Ich hasse dann diese leeren Puppen, aus welchen nie ein bunter Schmetterling flog, diese von den Allerweltsanschauungen aufgezogenen Marionetten, die mich durch ihre Überzahl zwingen, mitzuspringen, mitzulächeln, mitzulispeln, wenn das kalte fremde Ungeheuer, der Anstand, und die gute Sitte es befiehlt.“  

Über ihre philosophisch-literarischen Salons berichtet Fanta in den erhaltenen Tagebüchern nicht. Den Erinnerungen ihrer Tochter Else zufolge müssen es stets lebendige Abende gewesen sein, bisweilen mit Musik, komödiantischen Theaterinszenierungen und vor allem vielen neuen Ideen: „Rudolf Steiners Vorlesungen wühlten den Kreis auf und in den vier Wänden meines Elternhauses wurde eine neue anthroposophische Loge gefeiert. (…) Alle Intellektuellen waren wie elektrisiert von Steiners neuen Impulsen. Ich erinnere mich, dass ich während der Vorlesungen bemerkt habe, wie Kafkas Augen glänzten und ein zufriedenes Lächeln sein Gesicht erhellte“, schreibt Else.

Lebendige Erinnerung
Wer aufmerksam sucht, kann wenige Spuren von Fantas Existenz im heutigen Prag finden. Im Haus am Altstädter Ring Nummer 17 ist eine Plakette angebracht, die daran erinnert, dass „hier, im Salon von Frau Berta Fanta“ der Nobelpreisträger Albert Einstein Violine gespielt und sich mit seinen Freunden Max Brod und Franz Kafka getroffen hat. Im Kafka-Museum auf der Kleinseite ist eine Vitrine den Zusammenkünften des Prager Salons im Hause Fanta gewidmet.

Lebendig wird Berta aber vor allem in den Schilderungen ihrer Tochter: „Meine Mutter und meine Tante waren bekannt als Frauen von hohem Intellekt. Unter ihren Freunden waren viele Schriftsteller (…). Einer von ihnen, Dr. Bondi, war ein eingefleischter Junggeselle, der darauf beharrte, dass keine Frau ihn beeindrucken könne. Meine Mutter und meine Tante beschlossen, ihm einen Streich zu spielen und überzeugten ihn, auf eine Zeitungsannonce zu antworten, die mit ,Nerilla‘, dem Namen einer Meerjungfrau unterzeichnet war. Es entwickelte sich eine Korrespondenz, die über zwei Jahre andauerte. Dr. Bondi, der sehr verliebt war, las die Briefe, die er für so wunderbar hielt, seinen Freunden im Kasino vor. Mein Vater zitierte Sätze aus den Briefen und sagte zu meiner Mutter: ,Das ist eine Frau, so könntest du niemals schreiben.‘ Endlich, als Dr. Bondis Drängen immer stärker wurde und die ganze Prager Gesellschaft bereits Nerilla zitierte, forderten die zwei Frauen ihn vor einer großen Gruppe zu der Wette heraus, dass sie ihm die größte Überraschung seines Lebens bereiten könnten.“ Doktor Bondi verlor – hinter Nerilla verbargen sich Berta und ihre Schwester.

Zum Judentum, der Religion ihrer Familie, hatte Fanta keine enge Beziehung. Sie hatte viele Kontakte zu demokratisch gesinnten Christinnen. In ihren Tagebüchern hielt sie ihre eigenen Glaubensgrundsätze fest: „Versuche überall, Schönheit und Kunst zu finden, wenn du sie mit allen Sinnen suchst, bist du schon in das Reich der Schönheit gedrungen.“ Dennoch erklärte sie sich in ihren letzten Jahren dazu bereit, mit Else und ihrem Schwiegersohn Hugo nach Palästina zu emigrieren und begann sogar, Hebräisch zu lernen. Es war allerdings eher Abenteuerlust und die Sehnsucht nach einer neuen Gesellschaft, die sie antrieb, als eine tief empfundene Religiosität.  

Offenbar habe Berta Fanta genau das Leben geführt, das sie wollte, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Wilma Iggers über die Eigensinnigkeit der Pragerin. Die Vorreiterin der Frauenbewegung starb im Dezember 1918 unerwartet zuhause in der Küche. Wie der Germanist Georg Gimpl berichtet, soll sie beim Teigrühren einem Schlaganfall erlegen sein.



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