„Eine Frage der Mentalität“

„Eine Frage der Mentalität“

Jiří Hrbek erklärt, warum in Tschechien weniger Müll anfällt als in westeuropäischen Ländern

26. 6. 2014 - Text: Corinna Anton

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Die Zahlen erstaunen: Während der Durchschnittstscheche 308 Kilogramm Müll im Jahr produziert, wirft Otto Normalverbraucher in Deutschland 611 Kilogramm weg – zumindest wenn man den Angaben des europäischen Statistikamtes Eurostat trauen darf. Bei der Recycling-Quote liegen die Werte ebenso weit auseinander. PZ-Redakteurin Corinna Anton fragte bei Jiří Hrbek nach, wie sich die Unterschiede erklären lassen. Er leitet beim tschechischen Statistikamt ČSÚ die Abteilung, die sich unter anderem mit Umwelt, Landwirtschaft und Mülltrennung befasst.

Herr Hrbek, wie kann es sein, dass die Tschechen so viel weniger Abfall produzieren als zum Beispiel die Deutschen?

Jiří Hrbek: Was die Produktion von kommunalen Abfällen betrifft, gehören wir zu den Ländern mit den niedrigsten Zahlen in der Europäischen Union. Ähnlich geringe Werte haben unsere Nachbarn in Polen und in der Slowakei. Dafür gibt es sachliche und methodische Gründe. Zu Ersteren gehört die Tatsache, dass sich die Menschen in den neueren Mitgliedstaaten der EU immer noch etwas anders verhalten. Vor allem die ältere Generation war und ist es gewohnt, Sachen, die nicht mehr benötigt werden, länger aufzuheben und nicht so schnell wegzuwerfen. Dazu kommt ein methodisches Problem: Unserem derzeit gültigen Gesetz zufolge werden kommunale Abfälle – im Gegensatz zu Unternehmensabfällen – als Abfälle definiert, die in den Gemeinden von physischen Personen erzeugt werden. In anderen Ländern, in denen die Definitionen nicht so streng sind, kann es sein, dass in die Statistik auch Abfälle von kleineren Unternehmen mit einfließen.

Weniger vorbildlich als bei der Müllproduktion ist Tschechien bei der Recycling-Quote. Hierzulande werden nur 24 Prozent des Abfalls kompostiert oder wiederverwertet, in Deutschland und Österreich sind es mehr als 60 Prozent. Woran liegt das?

Hrbek: Wie viel Müll getrennt wird und dadurch kompostiert oder wiederverwertet werden kann, hängt zu einem großen Teil davon ab, wie gut das Netz von Sammelstellen ausgebaut ist. Dieses Netz wurde in den vergangenen Jahren schon erweitert, auch in kleineren Gemeinden gibt es immer mehr Container und Tonnen für Papier, Plastik und andere Rohstoffe. Ich glaube, dass in Zukunft noch mehr Menschen ihren Müll trennen werden, weil die Gebühren für die Entsorgung der Abfälle, die nicht wiederverwertet werden, wahrscheinlich noch weiter ansteigen.

Das merken zuerst die Gemeinden, die verpflichtet sind, sich um die Entsorgung der kommunalen Abfälle zu kümmern. Sie können ihre Ausgaben erheblich senken, wenn sie zum Beispiel den Restmüll nur noch alle zwei Wochen abholen lassen müssen. Aber natürlich ist es auch eine Frage der Mentalität: In den Gemeinden und auch in den Medien wird viel Werbung für die Mülltrennung gemacht und vor allem: Die Jüngeren reisen viel. Sie sehen, wie die Müllentsorgung in Westeuropa funktioniert, es gefällt ihnen, dass es zum Beispiel in Österreich so sauber auf den Straßen ist. Dann verhalten sie sich auch zuhause anders, schmeißen ihren Müll nicht einfach auf die Straße und denken über die Entsorgung nach. Ich würde sagen, wir sind auf einem guten Weg – aber wir müssen auch aufpassen, dass wir so weitermachen.

Was hat es mit den Sammelstellen auf sich, bei denen man zum Beispiel sein Altpapier oder Alteisen verkaufen kann? Sollen sie einen Anreiz zum Trennen und Wiederverwerten geben?

Hrbek: Das hat eine gewisse Tradition. Ich erinnere mich, dass es früher, noch vor der Wende, schon die sogenannten „eisernen“ Samstage oder Sonntage gab. Die wurden von den Gemeinden veranstaltet, um den Menschen bewusst zu machen, dass Eisen kein Abfall ist. Heute sind das eher private Firmen, die an den Rohstoffen verdienen. Die verschiedenen Einrichtungen konkurrieren zwar teilweise schon miteinander, das könnte aber noch mehr sein und man könnte auch noch andere Rohstoffe sammeln, zum Beispiel Textilien.