Eine Favoritin, zwei Absagen und eine Überraschung

Eine Favoritin, zwei Absagen und eine Überraschung

Bei der Leichtathletik-WM in Moskau sind tschechische Medaillenhoffnungen rar – Bronze für Hammerwerfer Melich

14. 8. 2013 - Text: Christian Müller-BreitenkampText: Christian Müller-Breitenkamp; Foto: hejnova.cz

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Am vergangenen Samstag haben in Moskau die Leichtathletik-Weltmeisterschaften begonnen. Bis zum 18. August klären knapp 2.000 Athleten im sportlichen Wettstreit, wer sich demnächst Weltmeister in seiner Disziplin nennen darf. Große Schlagzeilen machte am Sonntag wie gewohnt der Jamaikaner Usain Bolt, der den 100-Meter-Sprint in 9,77 Sekunden hinter sich brachte und damit erwartungsgemäß Gold gewann.

Über einen ähnlich überragenden Athleten verfügt die tschechische Moskau-Delegation derzeit nicht. Gut im Rennen um einen Podestplatz liegen nach vier Wettkampftagen (und bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe) nur wenige tschechische Vertreter. Medaillenhoffnungen sind rar gesät.

Doch gleich am dritten Tag der WM erlöste am Montag der 32-jährige Lukáš Melich seinen Verband und die Fans. Mit einer Weite von 79,36 Metern schloss der Hammerwerfer den Wettbewerb auf dem Bronze-Platz ab. Dies war durchaus eine kleine Überraschung. Am Tag danach gab er strahlend und leicht verkatert zu Protokoll, „dass die Feier proportional zum Ergebnis ausfiel“. „Seit ich 19 bin, trainiere ich mindestens fünf Mal die Woche sehr hart, nun hat sich das endlich ausbezahlt“, so Melich überglücklich.

Klučinovás Landesrekord
Mit den größten Ambitionen dürfte Zuzana Hejnová in die russische Hauptstadt gereist sein. Die 26-jährige Hürdenläuferin aus Liberec sicherte sich im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen in London die Bronzemedaille in ihrer Paradedistanz über 400 Meter. Aufgrund überragender Auftritte in diesem Jahr, wie zum Beispiel bei den „Bislett Games“ in Oslo oder der „Meeting Arena“ in Paris, belegt sie derzeit Platz eins in ihrer Disziplinenwertung.

Bereits in ihrem ersten Lauf am Montagmorgen konnte sie ihrer Favoritenrolle gerecht werden. Trotz nervösen Beginns ließ sie ihre Konkurrenz hinter sich und siegte souverän in einer Zeit von 55,25 Sekunden. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Denisa Rosolová, die ihren Vorlauf kurz vorher ebenfalls gewinnen konnte, qualifizierte sich Hejnová für das Halbfinale. In diesem unterstrich sie am Dienstagabend ihre Medaillen-Ambitionen. Sie entschied das erste Halbfinale mit einer Zeit von 53,52 Sekunden für sich und wies die restlichen Läuferinnen deutlich in die Schranken. Weniger gut lief es für Rosolová: Rang 4 und 55,14 Sekunden reichten nicht für einen Platz im Finale.

Sehr erfreulich waren die Leistungen von Eliška Klučinová. Die Siebenkämpferin blieb über die 100-Meter Hürden mit einer Zeit von 13,97 Sekunden erstmals in ihrer Karriere unter der 14-Sekunden-Marke. Damit überbot sie ihre eigene, letztes Jahr in Kladno aufgestellte persönliche Bestmarke. Vor dem 800-Meter-Lauf lag sie mit 5.404 Punkten auf dem hervorragenden achten Platz. Die Schlussdisziplin bot Klučinová die Möglichkeit, ihren selbst vor mehr als einem Jahr aufgestellten Landesrekord zu verbessern. Dafür musste aber eine Spitzenzeit her – und diese kam. Mit 2 Minuten und 12,5 Sekunden lieferte sie eine weitere persönliche Bestmarke. Dank diesem Exploit standen am Schluss 6.332 Punkte und Platz sieben zu Buche.

Auch Stabhochspringerin Jiřina Svobodová bestritt am Dienstagabend ihren letzten Wettkampftag. Die Pilsenerin überwand erfolgreich die Höhe von 4,55 Metern und löste damit bereits am Sonntagnachmittag ihr Ticket für das Finale. Doch in diesem schaffte es die 27-Jährige nicht, diese Höhe zu steigern. Sie beendete den Wettkampf auf Rang acht – eine Enttäuschung für die amtierende Europameisterin.

Start trotz Handicap
Ein Ausrufezeichen setzte der junge 400-Meter-Läufer Pavel Maslák. Auch er trat als amtierender Europameister an, legte mit 44,91 Sekunden einen hervorragende Zeit auf die Bahn und sprintete auf den letzten 50 Metern noch auf den fünften Platz.

Große Hoffnungen auf eine Medaille hegte bis zuletzt Speerwerfer Vítězslav Veselý. Allerdings musste er seine Ambitionen revidieren, da ihm derzeit eine Schwellung im Knie zu schaffen macht. Veselý kündigte jedoch an, trotz des Handicaps starten zu wollen. Was er kann, wenn er fit ist, zeigte er letztes Jahr in Helsinki, wo er sich mit einer Weite von 83,72 Metern den Europameistertitel sicherte.

Veselýs Disziplin-Kollegin Barbora Špotáková wird hingegen nicht in Moskau antreten. Die 32-Jährige hätte als amtierende Olympiasiegerin bei der Medaillenvergabe mit Sicherheit ein gewichtiges Wort mitreden können. Nach der Geburt ihres Sohnes ist sie allerdings erst vor wenigen Wochen wieder ins Training eingestiegen und hat ihre Teilnahme daher abgesagt.

Schmerzlich vermisst haben die tschechischen Leichtathletik-Fans den Zehnkämpfer Roman Šebrle. Und das nicht nur, weil der inzwischen 37-jährige ehemalige Weltrekordhalter bis zu seinem kürzlich verkündeten Karriereende stets eine Medaillenhoffnung war. Mit seiner WM-Absage war erstmals in der Geschichte des tschechischen Leichtathletikverbandes keiner seiner Zehnkämpfer bei einem bedeutenden internationalen Turnier an den Start gegangen.