„Ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung“

„Ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung“

Vor 80 Jahren: Reaktionen der tschechoslowakischen Presse auf Hitlers Machtergreifung

30. 1. 2013 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: museen der stadt nürnberg

Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 jährt sich zum 80. Mal. Wie haben tschechische und deutsche Zeitungen in der Tschechoslowakei damals Stellung zur sogenannten Machtergreifung Hitlers bezogen?

„Das Ende des demokratischen und republikanischen Deutschlands“. Mit dieser Schlagzeile kommentierte die national-konservative tschechische Tageszeitung „Národní listy“ die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Als die NSDAP am 5. März mit 44 Prozent der Stimmen einen überwältigenden Erfolg erringt, titelte die Zeitung: „Deutschland hat sein Schicksal in Hitlers Hände gelegt.“ Das Hakenkreuz, so ein Kommentar, sei nun zum Erkennungszeichen des heutigen Deutschlands geworden. Die Wähler hätten dafür gesorgt, dass der deutsche Größenwahn und Chauvinismus eine Wiedergeburt erlebt. Hitler habe sich im Wahlkampf als ein gelehriger Schüler Moskaus gezeigt, indem er den Rundfunk für seine Propaganda nutzte, die oppositionelle Presse mundtot machte und Wahlversammlungen seiner Gegner mit Hilfe der Polizei und seiner Sturmtruppen auflöste.

Die Zeitung deckte die totalitären Entwicklungen in Deutschland auf. Sie benutzte dann aber auch die Ereignisse, um antideutsche und antisemitische Ressentiments zu schüren. Am 26. März beschuldigte die Zeitung die Juden in der Tschechoslowakei, einseitig die Interessen der deutschen Minderheit zu unterstützen, indem sie aktiv das deutsche Kulturleben fördere, die deutschen Parteien wähle und ihre Kinder auf deutsche Schulen schicke. Die Juden wurden aufgefordert, angesichts der judenfeindlichen Politik in Deutschland ihre deutschfreundliche Einstellung aufzugeben. Damit würden sie die Position der deutschen Minderheit schwächen, dafür aber die Anerkennung der Tschechen als loyale Staatsbürger gewinnen.

Die im Sudetenland erscheinende „Reichenberger Zeitung – Tagblatt für das deutsche Volk in Böhmen“ machte aus ihrer Sympathie gegenüber dem Hitler-Regime keinen Hehl. Im vollen Wortlaut druckte sie Hitlers Rundfunkansprache nach seiner Ernennung zum Reichskanzler ab sowie die darauf Bezug nehmende Ansprache des Abgeordneten Rudolf Jung von der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP) im Prager Parlament. Jung hatte Hitler darin als den „Führer unserer Bruderpartei“ bezeichnet und seine Ernennung als „ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung“ gefeiert, der „das Deutsche Reich aus Elend und Unfreiheit“ erlösen wird.

Den Wahlsieg der NSDAP am 5. März bezeichnete die Zeitung als einen „Markstein, an dem die Ideen der Novemberrevolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und ihre Wirklichkeitsform, die republikanische Parlamentsdemokratie“ gescheitert sind. In seiner Mehrheit habe das deutsche Volk zum Ausdruck gebracht, dass die Prinzipien des Rechtsstaates und der Demokratie eine „edle Narretei“ darstellen. Deutschland habe sich nun für den nationalen autoritären Machtstaat entschieden, um sich gegenüber den sogenannten Demokratien wie Frankreich und England, die Deutschland mit Füßen getreten hätten, zu behaupten.

Die Prager „Deutsche Zeitung Bohemia“ gab vor, sich gegenüber der politischen Situation in Deutschland neutral verhalten zu wollen. Es ging ihr aber eher darum, den Kritikern Hitlers entgegenzutreten. So hielt sie die leidenschaftliche Ablehnung der neuen Regierung durch die linke Presse für „abwegig“. Als Auslandsdeutsche „haben wir die Pflicht, uns bei jeder Kritik, die einer Regierung des deutschen Staates gilt, Beschränkungen aufzuerlegen, und wenn wir noch so wenig mit ihr übereinstimmen.“ Mit ihrem Lob für Hitler hielt sie sich nicht zurück. Das Schicksal habe den Arm um seinen Nacken gelegt und ihn geführt. Hitler sei legal an die Macht gekommen. Als Kanzler müsse er aber seine Macht mit einem Kabinett teilen und das würde ihn daran hindern, die radikalen Ziele seines Parteiprogramms durchzusetzen.

Die „Bohemia“ nannte Hitler den größten Redner Deutschlands: „Er ist am stärksten, wenn er von Ehre-Volk-Vaterland-Familie-Sippe-Treue-Opfer spricht. All dies verlebendigt er, so dass man es in die Hände nehmen kann. Hier liegt sein Zauber.“ Die Zeitung rechtfertigte Hitlers Beschränkung der Rede- und Pressefreiheit, denn die Demokratie „muss sich eines gewissen Terrors gegen die Extreme bedienen, um siegreich zu bleiben […] Die Demokratie muss ebenso fanatisch verteidigt werden, wie sie fanatisch von links und rechts angegriffen wird.“

Am entschiedensten wird die Hitler-Regierung vom deutschen „Prager Tagblatt“ kritisiert. Sie teilt nicht den Optimismus, dass Hitler daran gehindert werden könne, sein Parteiprogramm durchzusetzen. Bereits am Tag nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler druckte die Zeitung dessen Parteiprogramm in vollem Wortlaut ab. Die NSDAP plant darin unter anderem, den Juden die Staatsbürgerschaft abzusprechen. Außerdem fordert sie eine starke Zentralgewalt, die dafür sorgt, dass in Presse, Literatur und Kunst der „jüdisch-materialistische Geist“ bekämpft wird und an seine Stelle „das Moralgefühl der germanischen Rasse“ tritt. Im Kommentar auf der Titelseite hieß es: „Die Inbrunst, mit der viele Millionen Deutscher an Hitler hängen, ist eine unbestreitbare Realität, wie es andererseits auch Tatsache ist, daß dieser enthusiastischen Liebe bei vielen anderen Millionen ein ebenso abgründiger Haß entspricht.“

Täglich informierte die Zeitung ihre Leser über gewalttätige Übergriffe der Polizei in Zusammenarbeit mit der SS und der SA gegen Oppositionelle. Die Einschränkungen der Freiheitsrechte kommentierte die Zeitung mit den Worten: „Eine Fülle von Verboten senkt sich über jeden nieder, der öffentlich seine Meinung kundtun will.“ Als nach dem Reichstagsbrand Hitler die Notverordnung „zum Schutz von Volk und Vaterland“ erlässt, titelte die Zeitung „Tod, Tod, Tod.“ Unter der Überschrift „Geist weicht der Gewalt“ berichtete das „Prager Tagblatt“, wie Heinrich Mann und Käthe Kollwitz auf Druck der Partei die Dichterakademie verlassen mussten. Die Zeitung nannte die Namen der Intellektuellen wie zum Beispiel Carl von Ossietzki und Egon Erwin Kisch, die verhaftet worden sind. Unter der Schlagzeile „Terror ist an die Stelle überzeugender Argumente getreten“ informierte sie die Leser, dass in den staatlichen Dienststellen „rücksichtslos“ verdiente Beamte durch Parteimitglieder ersetzt werden.

Als „Befehl zum Feuern“ bezeichnete das Tagblatt die Anweisung Görings an die Polizei, gegen „kommunistische Terrorakte und Überfälle“ mit aller Strenge vorzugehen und dabei rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen. Bei Polizeieinsätzen solle die Polizei mit den Sturmtruppen der Partei kooperieren.

Der Reichstagsbrand sei für Hitler ein willkommener Anlass gewesen, mit massenhaften Verhaftungen Gegner des Regimes zum Schweigen zu bringen. Doch Hitler hätte sich auch ohne den Reichstagsbrand nicht gescheut, alle verfassungsmäßigen Garantien der Freiheit der Person, des Hausrechtes und des Briefgeheimnisses mit einem Federstrich aufzuheben. Am 1. März veröffentlichte das „Prager Tagblatt“ unter der Überschrift „Helft den Opfern Hitlers“ einen Aufruf der Liga für Menschenrechte in der Tschechoslowakischen Republik. Darin heißt es: „Nationalsozialistische Horden überfallen und verhaften mit Hilfe des ihnen gefügigen Staatsapparates alle Persönlichkeiten, Schriftsteller, Politiker, Gelehrte und Rechtsanwälte, die auf der Seite der Freiheit, des Friedens und des Fortschritts wirken.“ Der Aufruf endet mit dem Appell, Gegner des Hitler-Regimes, die in die Tschechoslowakei geflohen sind, aufzunehmen und zu unterstützen.



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