Drei wundersame Wichte

Drei wundersame Wichte

Mit den „Digedags“ eröffnete Hannes Hegen den Lesern in der DDR eine unbekannte Welt. Nun ist der in Nordböhmen aufgewachsene Zeichner gestorben

19. 11. 2014 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Mit einer aufregenden Schatz­suche im Orient fing alles an. 1955 machten sich drei koboldhafte Helden namens Dig, Dag und Digedag auf, die Welt im Wandel der Zeiten zu erkunden. Mit Mut, Humor und Erfindungsreichtum bezauberten sie ganze Generationen in der DDR. Die Comic-Figuren entführten ihre Leser zu fernen Planeten, besiegten den stärksten Mann der Welt, erweckten den sagenhaften Golem in Prag zu neuem Leben und entwarfen in Berlin einen eigenartigen Helm mit Spitze, der später als Pickelhaube berühmt werden sollte. Weniger bekannt als die drei beherzten Burschen mit den großen Knubbelnasen war ihr Schöpfer, der Grafiker Hannes Hegen. Der gebürtige Böhme ist am vorvergangenen Wochenende im Alter von 89 Jahren in Berlin verstorben.

Johannes Eduard Hegenbarth, wie der Künstler mit bürgerlichem Namen hieß, kam am 16. Mai 1925 in Böhmisch Kamnitz, dem heutigen Česká Kamenice, als Sohn eines Glasgraveurs zur Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich die Familie im thüringischen Ilmenau nieder. Hegen hatte bereits in den Jahren 1943 und 1944 an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien studiert, von 1948 bis 1951 setzte er seine Ausbildung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig fort. Sein Studium schloss er allerdings nicht ab, sondern begann für die Satirezeitschrift „Frischer Wind“ und deren Nachfolger „Eulenspiegel“ zu zeichnen.

1955 stellte sich Hegen bei dem von der FDJ gelenkten Verlag „Neues Leben“ in Berlin vor, in der Tasche sein Konzept zu einer Bilderzeitschrift für Kinder. Trotz staatlicher Ächtung des Genres – Comics galten laut „Meyers Neuem Lexikon“ als „auf sadistische Gewaltverbrechen, Pornographie, Kriegshetze und Hetze gegen das sozialistische Lager orientiertes“ Medium – gelang es dem jungen Mann, den Verlag von seiner Idee zu überzeugen. Noch im selben Jahr kam das erste Mosaik-Heft auf den Markt, in dem die Digedags „auf die Jagd nach dem Golde“ gingen. Es folgten 222 Ausgaben, in denen sie ins alte Konstantinopel, zu den Indianern nach Amerika und in die Südsee reisten. Kinder, Jugendliche und erwachsene Leser begleiteten sie auf ihren märchenhaften Abenteuern mit Begeisterung. Durch die Digedags konnten sie nicht nur andere Länder, sondern sogar den Weltraum durchstreifen.

Plötzlich verschwunden
Auch der tapsige Ritter Runkel von Rübenstein gehörte zum Kosmos der Bildergeschichten. Die liebenswürdigen Regeln des Gefährten der Digedags – zum Beispiel: „Ein Ritter erst nur dann was nützt, wenn er nicht räubert, sondern schützt!“ – entwickelten sich zu geflügelten Worten unter den Lesern. Hegen – und das machte die Digedags so besonders – schickte seine Helden nicht in den Klassenkampf, sondern hinaus in die weite Welt. Er kombinierte Fantasie mit dem damaligen Wissensstand und schuf eine Art heiteren Bildungsroman.

Trotz des stark reglementierten Presse- und Verlagswesens der DDR konnte sich die Zeitschrift behaupten. Vor allem ihr Erfolg sprach für sich: Mit einer Auflage von monatlich bis zu 660.000 Exemplaren galt das „Mosaik“ als der beliebteste ostdeutsche Comic. Obwohl in solch großer Anzahl gedruckt, blieb er bis in die siebziger Jahre hinein Mangelware. Die Hefte waren schnell vergriffen und wurden gegen andere begehrte Artikel wie Matchbox-Autos eingetauscht.

Zunächst erschienen die Geschichten einmal pro Vierteljahr, später dann, ab Ausgabe sieben, jeden Monat. Mit einem Honorar von 12.000 Mark verdiente Hegen seinerzeit deutlich mehr als der Durchschnitt. Zudem gelang es ihm, sich das Urheberrecht für die abenteuer­lustigen Kobolde zu sichern.

Stammten die ersten Mosaik-Hefte allein von Hegen, so hauchte den Digedags bald ein mehrköpfiges Künsterkollektiv Leben ein. In der kreativen Schmiede in einem zuvor von der Sowjetarmee genutzten Anwesen in Berlin-Karlshorst arbeiteten beispielsweise Lothar Dräger, der den Digedags zur Sprache verhalf, sowie Lona Rietschel, Irmtraud Winkler-Wittig und Jochen Arfert, die ihnen eine äußere Hülle und Farbe verliehen.
Im Juni 1975 verschwanden die Digedags plötzlich. In Ausgabe 223 ritten sie auf ihren Kamelen in eine Fata Morgana und kehrten nicht zurück. Das „Mosaik“ erschien weiterhin, seine Seiten wurden nun aber mit Geschichten der „Abrafaxe“ gefüllt – einem neuen Heldentrio, das Hegens Mitstreiter Dräger und Rietschel entwickelten.

Erst nach 1989 erfuhren die Leser, weshalb sich die Digedags klanglos verabschiedet hatten. Nachdem sein Vertrag mit dem Verlag „Junge Welt“, der die Mosaik-Hefte seit 1960 veröffentlichte, ausgelaufen war, hatte Hegen gefordert, nur noch sechs anstelle der zwölf Hefte im Jahr zu zeichnen. Darauf wollte sich der Verlag nicht einlassen, sodass Hegen seine Arbeit beendete. Versuche, gegen die Abrafaxe, die er als Plagiat ansah, gerichtlich vorzugehen, scheiterten. Mit dem Ende der Digedags zog sich Hegen ins Privatleben zurück. Die letzten beiden Jahre verbrachte er in einem Berliner Pflegeheim. So still wie er lebte, verstarb er am 8. November. Seine Bildergeschichten sind längst kostbare Sammlerware.

Noch bis März 2015 ist im Verkehrsmuseum in Dresden die Ausstellung „Dig, Dag, Digedag. DDR-Comic Mosaik“ zu sehen. Geöffnet: täglich (außer montags) 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 7 Euro (ermäßigt 3 Euro), www.verkehrsmuseum-dresden.de



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