Die (un)feine Art des Widerstands

Die (un)feine Art des Widerstands

Eine Wanderausstellung bringt die rebellierende Kunstszene Russlands in die Galerie der MeetFactory

13. 2. 2013 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: MF

Betritt der Besucher die Galerie des Kulturzentrums MeetFactory, begrüßt ihn sogleich ein rund drei mal fünf Meter großes „Pussy Riot“-Plakat. Darauf zu sehen ist eine weibliche Person mit Sturmhaube, die Faust zum Zeichen des Widerstands in die Höhe gestreckt. Darunter prangt in riesigen Buchstaben der Name der Band, die durch ihre Kunst-Protestaktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale weltberühmt wurde. Das Poster bildet den prominenten Einstieg in eine Schau, die den Betrachter in Russlands kritische Künstlerszene einführen will.

Andrej Jerofejew, Alexandra Kondraschova und Elizabeta Konovalova kuratieren die Wanderausstellung, welche die politische Kunst oder umgekehrt,  die Kunst als Träger politischer Kritik ins Zentrum der Betrachtung stellt.
Das Projekt behandelt die ästhetischen und dokumentarischen Aspekte einer Szene, die sich permanent staatlicher Überwachung, gesellschaftlicher und medialer Diskriminierung sowie juristischem Druck erwehren muss. Jerofejev selbst stand 2010, wie zwei Jahre später die Mitglieder von Pussy Riot, vor einem Moskauer Gericht – wegen „Anstiftung zu religiösem Hass“. Es sind unterschiedlichste Werke und Aktionen, die Kritik am „System Putin“ äußern. Auf der einen Seite stehen simple Fotografien und Filme, die Protestaktionen engagierter Bürger dokumentieren. So hielt Artem Loskutov die Massenkundgebung „Monstration“ in Novosibirsk im Jahre 2006 fest, in der abstrakte und vermeintlich apolitische Parolen auf die Straße gebracht wurden.

Auch eine Fotoserie von Igor Muchin über die Demonstration „Der große weiße Ring“ im vergangenen Jahr in Moskau fällt durch ihre Schlichtheit und den journalistischen Charakter auf. Ansonsten dominieren Porträts höchst provokanter Aktionskunst. Die „Blue Noses Group“ von Aleksander Shaburov und Wiatscheslaw Mizin produziert humoristische Videofilme wie „Die nackte Wahrheit“ von 2007, die im Riesenreich für Kontro­versen sorgen. Darin sind entblößte Menschen mit den Masken von Putins, Puschkins, Stalins, Churchills oder Jelzins Antlitz zu sehen, die gegenseitige Penetration simulieren. Ein Lachen kann man sich bei den absurden Geschlechtsakt-Konstellationen kaum verkneifen.

Beifall und Solidarität
Kernstück der Ausstellung, die den Titel „Pussy Riot and the Russian Tradition of Art Rebellion“ trägt, bildet das Video der Namensgeberinnen. Ein Punk-Song mit Textzeilen wie „Patriarch Gundayev sollte besser an Gott als an Putin glauben“, aufgeführt an einem der heiligsten Orte des Landes, sorgte national vielerorts für Empörung – international für Beifall und Solidaritätsbekundungen. Die drei damals festgenommenen Aktivistinnen sitzen inzwischen in einem Arbeitslager, doch ihre Botschaft hallt weltweit nach und beunruhigt die Machthaber im Kreml nach wie vor; auch wenn diese sich nach außen gelassen geben.

Die aktuellen Ereignisse werden anhand einer kurzen Chronik in den Kontext der Geschichte des künstlerischen Polit-Protestes in der UdSSR und Russland gestellt. Hierbei muss die Betonung auf „kurz“ liegen, was der Ausstellung leider etwas an Tiefe nimmt. Man würde gerne mehr über die „Gnezda“-Gruppe oder Alexander Kosolapov erfahren, die in der ehemaligen Sowjetunion ähnlich mutig zu Werke gingen wie ihre zeitgenössischen Pendants es im autokratischen Nachfolgestaat tun. Dennoch lohnt es sich, den Weg an den Rand des Prager Stadtteils Smíchov in Angriff zu nehmen, um einen Blick in Russlands engagierte Kunstszene zu erhaschen, die sich manchmal witzig, zuweilen aggressiv, stets kreativ und vor allem mutig ein Sprachrohr verschafft, wo ansonsten kultureller Einheitsbrei serviert wird.

Pussy Riot and the Russian Tradition of Art Rebellion, MeetFactory (Ke Sklárně 15, Prag 5), geöffnet: täglich 13–20 Uhr, Eintritt frei, bis 24. Mär



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