Interview

Die Sprache des Erzählens

Die Sprache des Erzählens

Schriftsteller Bodo Kirchhoff schreibt gegen die Verwilderung des Wortes an. Vor kurzem kam er für eine Lesung nach Prag

15. 12. 2016 - Text: Katharina Haase, Foto: Petr Kadlec, Goethe-Institut

Im Oktober erhielt Bodo Kirchhoff den Deutschen Buchpreis. Seine Novelle „Widerfahrnis“ sei „ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt“, begründete die Jury ihre Wahl. Die Geschichte erzählt von einem gescheiterten Verleger, der auf eine Hutmacherin trifft. Sie musste ihr Geschäft schließen, da es keine Hutgesichter mehr gibt. Gemeinsam begibt sich das ungleiche Paar, einer spontanen Idee folgend, auf den Weg nach Italien. Auf der Reise wird es mit Erinnerungen an traumatische Erlebnisse der Vergangenheit konfrontiert. Je weiter südlich die beiden fahren, umso mehr Flüchtlinge begegnen ihnen. Als sie sich eines kleinen Mädchens annehmen wollen, eskaliert die Lage. Mit PZ-Mitarbeiterin Katharina Haase sprach Kirchhoff über den Sog des Wortes „Widerfahrnis“, Aberglauben und den Überlebenskampf als Schriftsteller.

Ihr Buch trägt den Titel „Widerfahrnis“, ein Wort, das unter anderem Heidegger prägte. Was bedeutet es übertragen auf Ihre Novelle?
Ein Widerfahrnis macht auf plötzliche Art und Weise ein ansonsten verborgenes Lebens­prinzip spürbar – mit solcher Wucht, dass man dem nichts entgegensetzen kann. Das ist die Bedeutung in der Theologie und letztlich auch bei Heidegger. Als ich vor fünf Jahren zum ersten Mal von dem Wort hörte, war ich sehr davon angetan, weil eine große Kraft darin steckt. Sein Sinn erschließt sich unmittelbar, doch im Duden steht es nicht. Ich fand, das sei ein wunderbarer Titel, hatte aber damals noch keine Geschichte dafür.

Wohnt dem Wort ein politisches Element inne?
Nein, aber ein sehr starkes Existenz­moment und da das Politische eine Dimension unserer Existenz ist, gibt es eine Verbindung. Ich bin kein politischer Autor, nur ein sehr wacher Zeitgenosse. Ich versuche immer sehr klar zu unterscheiden, ob Ereignisse mich tatsächlich betreffen oder ob es nur so scheint. Die elektronische Revolution zum Beispiel hat unmittelbar in mein Arbeitsleben – in die Möglichkeit, Bücher zu vertreiben – eingegriffen. Der Verlust von Lesern und dem Leseinteresse der Öffentlichkeit, die Verlagerung des Fokus auf Spielzeug – damit setze ich mich auseinander, weil es direkten Einfluss auf mein Leben nimmt.

Ihr Buch setzt sich auch mit der Flüchtlingsthematik auseinander.
Auch das Thema Flucht hat etwas mit meinem Leben zu tun, bis hin zu der Tatsache, dass unsere Tochter mit einem jungen Mann zusammen ist, der aus einer afghanischen Familie kommt.

War das eine Motivation, das Thema im Buch zu verarbeiten?
Nicht unbedingt, ich hatte kein festes Konzept. Bei meinen Büchern steht am Anfang nur ein Mensch, dann entwickele ich einen Ton, wie diese Person denkt und spricht. Natürlich gibt es immer Anteile von mir oder realen Personen. Meine Figuren sind meistens Amalgame, zusammengesetzt aus mehreren Charakteren. In jeder männlichen Figur steckt auch ein kleiner Anteil von mir. Ausgehend von diesem ersten Protagonisten entwickelt sich ganz allmählich eine Geschichte. Aber als ich letztes Jahr nach Sizilien fuhr und die vielen Menschen sah, die nach Norden strömten, war innerlich eine erhöhte Bereitschaft da, diese Dinge bewusst aufzunehmen.

Sie haben in einem Interview gesagt, heutzutage Schriftsteller zu sein, sei auch ein Überlebenskampf. Man dürfe die Verwilderung der Sprache, die sich im Populismus niederschlägt, nicht einfach hinnehmen. In den achtziger Jahren verkündete der französische Philosoph Lyotard das Ende des Intellektuellen als Träger eines politischen Auftrags. Finden Sie, die Intellektuellen sollten wieder eine größere Rolle im politischen Diskurs spielen?
Ich denke eher, dass die Sprache des Erzählens wieder einen zentralen Platz einnehmen muss. Die Gesellschaft krankt daran, dass zwischen einem Ereignis und dessen Benennen immer weniger Zeit vergeht. Es passiert etwas Einschneidendes in der Welt und am selben Tag sitzen sechs Leute im Fernsehen und haben eine Sprache dazu. Die Aufgabe des Schriftstellers ist es, den Faktor Zeit in den Prozess einzubringen, in Ruhe zu erzählen und eine andere Sprache zu finden. Und ich denke, dass man als Schriftsteller nicht in einen bedeutungsleeren Begriffswettbewerb eintreten sollte.

Sie geben gemeinsam mit Ihrer Frau Schreibseminare?
Wir geben seit 15 Jahren Schreibseminare in unserem Haus. Insofern weiß ich sehr viel darüber, was in den Herzen und Köpfen der Leute so vor sich geht. Zu uns kommen ganz verschiedene Menschen, zum Beispiel Ärzte, Pfarrer, Lehrer oder Senioren, die von ihrem Leben erzählen möchten. Gerade die Mischung macht es interessant. Die meisten wünschen sich, dass eines Tages ein Buch dabei herauskommt, auch wenn es nicht in der Buchhandlung landet.

Haben Sie das Gefühl, es gäbe ein gesteigertes Bedürfnis nach der eigenen Veröffentlichung? Und dass es vielleicht bald, wie von Ihrem Protagonisten im Buch vermutet, tatsächlich mehr Schreibende als Lesende geben wird?
Das ist natürlich eine Überspitzung, aber es ist interessant, dass der Wunsch, Anerkennung durch eine Buchveröffentlichung zu bekommen, überhaupt nicht nachgelassen hat und gleichzeitig immer weniger Menschen lesen. Das passt nicht zusammen und darüber denke ich nach.

Im ersten Kapitel Ihres Buches öffnet Ihr Protagonist seine Wohnungstür und ahnt bereits, was geschehen wird. Bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises haben sie auf Ihren eigenen Aberglauben angespielt und den Sieg einer Frankfurter Fußballmannschaft als gutes Zeichen für das Erhalten des Preises interpretiert. Glauben Sie an metaphysische Zusammenhänge?
Sagen wir mal so, ich bin davon überzeugt, dass es uns ähnlich geht wie den Tieren. Sie haben von vielem um sich herum überhaupt kein Bewusstsein, spüren aber, wenn zum Beispiel ein Erdbeben droht. Unserem Bewusstsein sind Grenzen gesetzt, aber jenseits dieser Grenzen existiert etwas. Ich glaube auch nicht daran, dass die Zeit zwangsläufig nur vorwärts laufen muss. Das ist kein Aberglaube, nur ein Anerkennen der Metaphysik und zwar im eigentlichen Wortsinn.

Woran arbeiten Sie derzeit?
Es ist einiges in Arbeit. Anfang des Sommers habe ich eine Einladung zu einer Kreuzfahrt erhalten. Alles hätte man mir spendiert – eine Kabine mit Balkon, Spesen und dazu ein Honorar. Ich habe zunächst höflich eine zweizeilige Absage verfasst und im selben Moment kam mir der Gedanke, dass man diese Absage auch literarisch auf 100 Seiten gestalten kann. Der Titel lautet: „Betreff Einladung zu einer Kreuzfahrt“. Daran zu schreiben, macht richtig Spaß.

Sie waren vor neun Jahren zum ersten Mal in Prag. Hat sich die Stadt in Ihren Augen sehr verändert?
Ich habe den Eindruck, dass man sich den Besucherströmen sehr anpasst. Beim Frühstück im Hotel heute morgen lief Elvis Presley. Ich hätte die Moldau von Smetana bevorzugt. Man sollte sich den eigenen Charakter bewahren.

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016, 240 Seiten, gebunden, 21 Euro,
ISBN 978-3-627-00228-2