Die Spiele des Jahres

Die Spiele des Jahres

In der UEFA Europa League warten hochkarätige Gegner auf Sparta Prag und Viktoria Pilsen

13. 2. 2013 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: wikimedia

Anzeige

Neapel ist eine fußballverrückte Stadt. Und das nicht erst seit Diego Armando Maradona den SSC in den achtziger Jahren zu zwei Meisterschaften führte und damit die norditalienische Konkurrenz narrte. Seither befand sich der Verein auf einer sportlichen und wirtschaftlichen Berg- und Talfahrt – bis der steinreiche Filmproduzent Aurelio de Laurentiis den Vorsitz übernahm. Mit ihm begann der Aufstieg, der vergangene Saison in der erstmaligen Teilnahme an der Champions League gipfelte. In dieser Saison spielen die Neapolitaner eine Stufe tiefer, in der Europa League. Dort erreichten sie die Runde der letzten 32 und sind nun Gegner des FC Viktoria Pilsen. Für die Westböhmen ist es das Spiel des Jahres. Und eigentlich müssten die tschechischen Sportseiten voll sein mit der Vorberichterstattung zu diesem Höhepunkt. Eigentlich. Die Begegnung verkommt aufgrund einer anderen Europa-League-Paarung mit tschechischer Beteiligung zur Nebensache: Rekordmeister Sparta Prag empfängt am Donnerstag den amtierenden Champions-League-Sieger FC Chelsea.

Das Team um Tschechiens Nationaltorhüter Petr Čech verpasste es im Herbst, sich in der Meisterklasse für die Achtelfinalspiele zu qualifizieren. So muss das Starensemble des russischen Multimilliardärs Roman Abramowitsch in der kontinentalen Liga spielen, in denen sich die absoluten Schwergewichte des Fachs eher selten wiederfinden. Doch inzwischen scheint es schon fast zur Tradition zu werden, dass mindestens ein englischer Top-Club den Frühling in der ungeliebten Europa League verbringt; letztes Jahr erwischte es Manchester United, davor den FC Liverpool.

Chelsea als Belohnung
Die Clubs aus dem fußballerischen Mittelstand freut das. „Es ist wie ein Feiertag, alle sind wahnsinnig froh und gespannt“, sagt Spartas Kapitän Marek Matějovský. Für die Hauptstädter ist es bereits jetzt das Spiel des Jahres, auch wenn noch tiefster Winter herrscht. Sparta Prag schloss die Hinrunde der Europa League in der Gruppe I mit Olympique Lyonnais, Athletic Bilbao und dem israelischen Vertreter Ironie Kiryat Shmona auf dem hervorragenden zweiten Rang ab. „Jeder betrachtet dieses Spiel als Lohn für unsere Leistungen in dieser Phase“, so der Jung-Nationalspieler Ladislav Krejčí. Schon als Bub habe er sich gewünscht, solch große Spiele bestreiten zu dürfen. Nun wird sein Traum wahr.

„Wir sind Sparta“
Dass Sparta nicht einfach nur Kanonenfutter für Chelsea sein möchte und in Ehrfurcht erstarrt, deuten schon die Worte des Trainers Vítězslav Lavička an. Bei einer Kabinenansprache deutete er auf eine Tafel, die über dem Eingang zum Spielertunnel hängt. Darauf ist eine kurze Chronik der internationalen Erfolge des Clubs zu sehen, darunter auch diejenigen aus der sensationellen Champions-League-Saison 2001/02, wo man die inzwischen wieder abgeschaffte Zwischenrunde erreichte. „Wir sind Sparta“, zitiert Lavička den Spruch auf der Tafel – will heißen: In guter bayerischer „Mia san mia“-Manier will man sich auf die eigenen Tugenden berufen und in erster Linie auf sich selbst schauen. Angst vor dem Gegner ist fehl am Platz. „Natürlich muss man besonders auf die Offensive von Chelsea aufpassen. Mit Mata, Torres, Hazard oder Oscar ist diese hochkarätig besetzt“, sagt Spartas Schlussmann Tomáš Vaclík. Er wird an jenem Abend im Letná-Stadion wohl nicht viele ruhige Minuten verleben dürfen. Von der Form des 23-Jährigen, der in der vergangenen Spielzeit noch bei Absteiger Viktoria Žižkov spielte, wird vieles abhängen.

Taktische Varianten
Bei der Aufstellung hält sich Coach Lavička mehrere Varianten offen. In der Innenverteidigung stehen drei Kandidaten für zwei Plätze zur Wahl: Ondřej Švejdík, Thomas Zápotočný und Mario Holek. Zápotočný könnte dabei auf die rechte Abwehrseite ausweichen. Im defensiven zentralen Mittelfeld wird Routinier Matějovský eine tragende Rolle zufallen. Im Sturm, der wohl nur aus einer Spitze bestehen wird, hat Neuzugang David Lafata die besten Karten, von Anfang an auf dem Rasen zu stehen. Seine Cleverness wird gebraucht, will man gegen Chelsea offensive Akzente setzen. Aber auch der kamerunische Sturmtank Léonard Kweuke ist dank seiner körperlichen Robustheit als Fixstarter denkbar. Vielleicht lässt Lavička aber auch besonders mutig spielen und setzt beide ein – Lafata könnte dabei hängende Spitze spielen.

Gespannt sind viele auf das Leistungsvermögen des Linksaußen Krejčí, der in der vergangenen Woche beim Test-Länderspiel gegen die Türkei erstmals ein Tor für seine Auswahl schoss und Auftrieb verspürt. „Ich habe Ehrfurcht vor den großen Namen, aber das geht vorbei, sobald der Schiedsrichter die Partie anpfeift“, ist sich der Jungstar sicher.

Besonders freut sich auch Petr Čech auf das Spiel. Er bestritt in den ganzen 14 Jahren als Legionär in Frankreich (bei Rennes) und England nie ein Punktspiel in der alten Heimat. Gegen Sparta beißt er die Zähne zusammen und spielt trotz gebrochenem kleinen Finger – im eiskalten Prag bestimmt alles andere als vorteilhaft.

Rund 1.500 Kilometer südwestlich werden die Profis von Viktoria Pilsen am Fuße des Vesuv zu ihrem Hinspiel der ersten K.o-Runde antreten. Trainer Pavel Vrba zeigt sich zuversichtlich. „Unsere Tormaschinerie lief sehr gut. In den letzten drei Spielen erzielten wir neun Treffer.“ Gerade diese positiven Ergebnisse in den Vorbereitungsspielen deuten einen guten Formstand an.

Hungriges Napoli
Ein grundsätzliches Problem haben jedoch beide tschechischen Vertreter: Pilsen wie Sparta befinden sich seit zwei Monaten in der Winterpause, Pflichtspiele gab es keine. Ihre Gegner Napoli und Chelsea hingegen stecken mitten in der Meisterschaft und sind einen kurzen Rhythmus gewohnt. Hinzu kommt, dass Chelsea aus seinem Zwischentief gefunden hat und zuletzt in der Meisterschaft Wigan mit 4:1 abfertigte. Neapel trotzte dem Tabellennachbarn Lazio Rom auswärts zumindest ein 1:1-Unentschieden ab. Die Neapolitaner bleiben damit erster Verfolger von Spitzenreiter Juventus Turin.

Der letzte große internationale Triumph des SSC liegt inzwischen knapp 24 Jahre zurück. Damals gewann man mit Maradona den UEFA-Pokal, den Vorläufer der Europa League. In der drittgrößten Stadt Italiens lechzt man nach Jahren des Darbens nach Erfolgen. Es wird schwierig für die Pilsener. Bei einem schlechten Hinspiel-Ergebnis für Viktoria, dürfte in Tschechien in einer Woche wohl nur noch über Sparta in London geredet werden.

UEFA Europa League, Runde der letzten 32
Donnerstag, 14. Februar
AC Sparta Prag – FC Chelsea, 19 Uhr
SSC Neapel – FC Viktoria Pilsen, 19 Uhr

Die Rückspiele finden am 21. Februar in London beziehungsweise Pilsen statt.