„Die Gesellschaft ist schon viel weiter als die konservativen Politiker“

Den Forschungsergebnissen Franz Schindlers zufolge liegt die hohe Akzeptanz von Homosexualität unter anderem am Atheismus der Tschechen

7. 5. 2014 - Text: PZText: PZ; Foto: privat

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Franz Schindler ist Slawist an der Universität Gießen. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Geschichte der Sexualwissenschaft und der Homosexualität in Böhmen und Mähren. Im Interview mit PZ-Mitarbeiterin Franziska Benkel spricht der Wissenschaftler über die Wurzeln der liberalen Einstellung der Tschechen gegenüber sexuellen Minderheiten.

Herr Schindler, laut einer internationalen Studie finden 80 Prozent der befragten Tschechen, Homosexualität sollte gesellschaftlich akzeptiert sein. Im Gegensatz dazu sind nur 46 Prozent der befragten Polen und 16 Prozent der befragten Russen für öffentliche Toleranz. Warum sind die Tschechen so liberal?

Franz Schindler: Eine ganz simplizistische, aber auch richtige Antwort lautet: Atheismus. Die Säkularisierung ist in der tschechischen Gesellschaft weit vorangeschritten. Heute sind 70 Prozent der Tschechen ohne Konfession. Dieser Atheismus ist nicht erst auf die sozialistische Phase zurückzuführen, auch wenn er in dieser Zeit sicherlich gefördert wurde. Das atheistische Erbe reicht zurück bis in die späte Phase der nationalen Wiedergeburt. František Palacký machte Mitte des 19. Jahrhundert das Hussitentum zum Kern der tschechischen Identität, wodurch langsam eine Abwendung vom Katholizismus begann.

Warum bedeutete die Abkehr vom Katholizismus eine liberale Haltung gegenüber der Homosexualität?

Schindler: Durch den Atheismus existierte ein unabhängig geprägter Sexualbegriff, der sich nicht an den Glaubenssätzen und sozialethischen Vorstellungen der Kirche orientierte. Das bedeutet, dass in der damaligen Tschechoslowakei die Koppelung von Sex und Fortpflanzung aufgebrochen wurde. Ein erfülltes Sexualleben wurde schon sehr früh propagiert. Das hat sich bis heute stark im Denken der Tschechen verfestigt.

Wie konnte sich dieser kirchen­unabhängige Sexualbegriff noch entwickeln?

Schindler: Berlin und Wien, die mit Namen wie Magnus Hirschfeld, Richard von Krafft-Ebing und Sigmund Freud verbunden sind, galten in den 1920ern als die sexualwissenschaftlichen Zentren. Der erste Lehrstuhl für Sexualwissenschaften (Geschlechtslehre des Menschen/Nauka o pohlavnosti u člověka) überhaupt wurde jedoch in Prag, 1921 an der Karls-Universität, eingerichtet. Allerdings hatte Prag eher einen rezeptiven Charakter, die neuen Kenntnisse kamen aus besagten zwei Städten. Dies zeigt eine frühe staatliche Bereitschaft, die akademische Beschäftigung mit Sexualität zu fördern und sie somit dem Zuständigkeitsbereich der Kirche zu entziehen.

Welche Bedeutung hatte der Zweite Weltkrieg?

Schindler: Mitteleuropa wird als die Wiege der Sexualwissenschaften bezeichnet. Allerdings waren ein Großteil der Wissenschaftler Juden, die im Dritten Reich verfolgt wurden. Führende Forscher, wie etwa die Tschechoslowaken Josef Weisskopf, Hugo Bondy oder Hugo Hecht, starben im KZ, begangen Selbstmord oder emigrierten.

Wie sieht es mit der Entwicklung nach 1989 aus?

Schindler: Die Schwulenbewegung, die sich direkt im November 1989 formierte, wurde in Tschechien zunehmend von der heterosexuellen Bevölkerung unterstützt. Ich würde auf Grund des erwähnten Erbes von einer allgemein sehr positiven Einstellung gegenüber Sexualität sprechen. 1961 wurde Homosexualität entkriminalisiert, Anfang der Neunziger fielen dann letzte Reste der Strafbarkeit von Homosexualität weg und Hetero- und Homosexualität wurden strafrechtlich gleichgestellt. Außerdem trennen die Tschechen stärker zwischen privatem und öffentlichem Verhalten. Es interessiert sie nicht, was ein anderer zuhause im Bett macht, und im öffentlichen Raum gilt: Genauso wenig wie homosexuelle Paare tauschen in Prag auch heterosexuelle in der Tram nur selten Körperlichkeiten aus.

Gibt es ein aktuelles Ereignis, das besonders auf gesellschaftliche Akzeptanz hinweist?

Schindler: Mir ist vor allem die erste Prager Gay-Pride 2011 im Kopf geblieben, als Schwule gemeinsam mit Heteros auf der Straße waren. Im Vorfeld hatte es heftige Kontroversen von Seiten der Politik, im Besonderen von Staatspräsident Vacláv Klaus gegeben, der öffentlich verkündete, dass Schwulsein nichts sei auf das man stolz sein könne. Allerdings zeigt dieses Beispiel einmal mehr, wie bei diesem Thema Gesellschaft und Politik divergieren. Die tschechische Gesellschaft ist schon viel weiter als die konservativen Politiker. Es ist einfach wichtig, dass Homosexualität sichtbarer wird, denn Angst hat man nur vor dem, was man nicht kennt.

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