Die Folgen der Krise

Die Folgen der Krise

Fünf Jahre nach dem Lehman-Crash sehen Experten auch positive Auswirkungen auf die tschechische Wirtschaft

18. 9. 2013 - Text: Ivan DramlitschText: id/čtk; Foto: Adam_T

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Ökonomen sind sich einig: Die Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Beginn mit der Insolvenz der Lehman Brothers vor fünf Jahren datiert wird, hat Tschechiens Wirtschaft grundlegend verändert. Vor allem sind durch die Krise sowohl die Strukturschwächen der tschechischen Volkswirtschaft als auch die Defizite einzelner wirtschaftspolitischer Instrumente deutlich zu Tage getreten. Darauf haben die Firmen reagiert und ihre Unternehmenspolitik grundsätzlich verändert.

„Tschechien vor und nach der Krise unterscheiden sich gewaltig“, meint beispielsweise Michal Kozub, Chefvolkswirt bei Home Credit. Er ist der Ansicht, dass die Wirtschaft vor der Krise „über ihre Verhältnisse“ funktioniert habe. „Dass die Wirtschaftslage hervorragend war, zeigt beispielsweise die Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Die bewegte sich an der Grenze eines natürlichen Maßes – wer arbeiten wollte, der konnte es“, so Kozub. In den vergangenen Monaten schnellte die Arbeitslosenquote hingegen auf Rekordhöhe. Dennoch gehöre Tschechien im EU-Vergleich zu den Ländern mit einer geringeren Anzahl an Beschäftigungslosen.

Petr Zahradník, Chefvolkswirt des Investmentunternehmens Conseq, zieht gerade daraus eine positive Schlussfolgerung: „Der Arbeitsmarkt hat im Grunde genommen positiv standgehalten“, so Zahradník. Die Krise habe seiner Meinung auch gezeigt, dass Tschechien über eine konkurrenzfähige Produktion verfügt, die auf westlichen Märkten bestehen kann. Tragisch sei allerdings der drastische Rückgang der Investitionen gewesen, zu dem auch die Sparpolitik der Regierung beigetragen habe.

Home-Credit-Volkswirt Michal Kozub erkennt diesbezüglich eine weitere positive Folge der Krise: „Es wird jetzt endlich offen darüber diskutiert, ob überhaupt und wann es ausgeglichene Staatshaushalte geben soll und wie mit ihnen umzugehen ist.“ Zahlreiche Wirtschaftswissenschaftler betrachten in diesem Zusammenhang die strikte Sparpolitik der Regierung Nečas als Fehler.

Die wesentlichste Veränderung als Folge der Krise sieht der Chefvolkswirt der UniCredit Bank Pavel Sobíšek im Wirtschaftsgebaren der Unternehmen. „Sie achten seitdem peinlichst genau auf ihre Ausgaben, legen Geldreserven an und investieren wenig“, so der Wirtschaftsexperte. Die Investitionen sind im vorigen Jahr gegenüber 2008 um ungefähr ein Viertel zurückgegangen – während es vor der Krise noch zu einer ganzen Reihe spekulativer Investitionen gekommen sei, werde derzeit nur im Falle von notwendigen Erneuerungen der Unternehmens-Aktiva investiert. Diese Zurückhaltung spüren auch die Banken: Die Nachfrage nach Unternehmenskrediten stagniert seit 2008.

„Die Krise zeigt ganz allgemein, wer am Markt stark und wer schwach ist. Nur die erfolgreicheren konnten überleben“, so Kozub. Allgemein betonen Wirtschaftswissenschaftler allerdings, dass die Krise als solches weder gut noch schlecht ist, sondern einen normalen Bestandteil des Wirtschaftszyklus darstellt. „Krisen gab es, gibt es und wird es geben“, so der Raiffeisenbank-Ökonom Michal Brožka.