„Die beiden würden sich blendend verstehen“

„Die beiden würden sich blendend verstehen“

Igor Malijevský und Jaroslav Rudiš wollen den tschechischen Präsidenten verschenken – an Wladimir Putin

7. 5. 2015 - Text: Isabelle DanielText: Isabelle Daniel; Foto: PZ

 

Das Handy des Schriftstellers Jaroslav Rudiš klingelt in diesen Tagen nahezu pausenlos. Gemeinsam mit seinem Kollegen Igor Malijevský verfasste er einen an den russischen Präsidenten Wladimir Putin gerichteten Brief, „eigentlich eher ein Schenkungszertifikat“, so Rudiš. Verschenkt werden soll der tschechische Präsident Miloš Zeman – an Putin. Rudiš ist überzeugt: „Ich denke, dass wir Putin damit eine Freude machen. Und Zeman vielleicht auch – die beiden würden sich blendend verstehen.“

Hintergrund der Satireaktion, die von rund 90 weiteren Künstlern und Lesern aus dem Rudiš-Malijevský-Umfeld unterstützt wird, ist die Teilnahme Zemans an den Feierlichkeiten zum 70. Jubiläum des Kriegsendes in Moskau. Tschechiens Präsident gehört zu den wenigen europäischen Staatschefs, die an der Veranstaltung teilnehmen. Die Initiatoren wollen ihre Kunstaktion als Missbilligung von Zemans Haltung im Ukraine-Konflikt mit Russland verstanden wissen.

Auf Zemans Argumentation, sich dem allgemeinen europäischen Boykott der Feierlichkeiten in Moskau nicht anzuschließen, reagieren die Künstler spöttisch. Die Schenkung sei ein „Ausdruck der Dankbarkeit“ für den russischen Anteil an der Befreiung der Tschechoslowakei im Jahr 1945.

Spontane Aktion

„Wir haben lange darüber nachgedacht, wie wir uns auf angemessene Weise bei Putin bedanken können“, sagt Rudiš, der mit seinen Romanen und der Graphic Novel „Alois Nebel“ bekannt geworden ist und auch in Deutschland Popularität genießt. „Zuerst wollten wir ihm Bier schicken. Doch das war uns zu schwer und zu teuer. Kleinigkeiten erschienen uns wiederum als nicht groß genug.“ Schließlich sei die Wahl auf den Präsidenten gefallen. „Das ist ein großzügiges Geschenk von uns, und trotzdem sparen wir die Kosten. Denn Zeman fährt ja sowieso nach Moskau. Dann kann er einfach dort bleiben.“

Und so heißt es auch im Wortlaut des an Putin gerichteten Schreibens: „Wir sind ein kleines Land und haben nichts Wertvolleres als unseren Präsidenten. Dennoch hoffen wir, dass Sie dieses außergewöhnliche Geschenk aus der Hand des tschechischen Volkes behalten werden. Unser Geschenk sollte spätestens zum Jahrestag des Kriegsendes bei ihnen eintreffen.“

Die Idee für den „Gutschein“ sei bei der regelmäßigen Lesebühne „EKG“, die Rudiš und Malijevský im Prager Theater Archa organisieren, entstanden. „Es war eigentlich eine spontane Aktion, die nicht von langer Hand geplant war, wie es uns jetzt unterstellt wird. Wir hatten einfach die Idee und die Zuschauer und unsere Freunde fanden sie gut und haben unterschrieben.“

Eine Kopie der „Schenkungsurkunde“ ging auch an die Prager Burg. Reaktionen habe es bislang weder von dort noch vom Kreml gegeben, sagt Rudiš. „Wir sind sehr gespannt.“ Bereits vor einigen Jahren hatten Rudiš und andere Künstler Putin einen Brief geschrieben – damals forderten sie den russischen Präsidenten auf, die inhaftierten Mitglieder der Punkband „Pussy Riot“ aus dem Gefängnis zu entlassen. „Wir haben bis heute keine Antwort darauf erhalten“, bedauert Rudiš.
Während die politischen Reaktionen bislang ausblieben, war das mediale Echo umso größer. „Wir waren sehr überrascht davon, dass ein kleiner Scherz so viel Aufmerksamkeit bekommen konnte.“ Rudiš und Malijevský erhalten Anfragen von Anhängern der Idee, die den Brief an Putin gern mitunterschreiben würden. „Darüber freuen wir uns natürlich“, sagt Rudiš.

Typisch tschechisch

Unter das viele positive Feedback mischten sich aber auch eine Menge Hassbotschaften. „Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Hassmails bekommen“, sagt Rudiš. Darin werde er als „Volksverräter“ bezeichnet oder gefragt, „von wem wir bezahlt werden“. Über derartige Verschwörungstheorien muss Rudiš lachen, er findet sie aber auch befremdlich. Auf der Facebook-Fanseite des Autors lassen sich noch zahlreiche solcher Beschimpfungen einsehen. Nur diejenigen, „die zu psycho waren“, habe er gelöscht. „Eigentlich waren solche Reaktionen wahrscheinlich zu erwarten. Wir haben es aber wohl ein bisschen unterschätzt. Aber es hat auch seine gute Seite: Immerhin wissen wir jetzt, wie viele Nationalisten es in unserem Land noch gibt. Das vergisst man manchmal einfach.“

Die Kritiker der Aktion seien regelrecht beleidigt, glaubt Rudiš. „Anscheinend sind die Tschechen doch nicht so offen wie wir dachten. Dabei ist doch gerade das tschechischer Humor – wir Tschechen sind doch für unsere Ironie bekannt.“

Die Aktion sieht Rudiš in der Tradition des großen Humoristen Jaroslav Hašek. Auch der frühere tschechoslowakische Präsident Václav Havel, selbst Satiriker, hätte nach der Meinung des Initiators sicher darüber gelacht. „Unsere bisherigen Präsidenten haben einen sehr unterschiedlichen Humor“, meint der Schriftsteller. Zeman habe zwar mehr Humor als sein Vorgänger Václav Klaus, der „komplett humorlos“ gewesen sei. „Doch das Problem an Zeman ist, dass er nur seinen eigenen Humor gut findet“, postuliert Rudiš.

Eine Reihe weiterer tschechischer Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur hat ihre Unterschriften unter den Brief gesetzt, darunter die Sängerin Ester Kočičková, der Präsident des Tschechischen Schriftstellerverbandes Jan Němec, die Schriftstellerinnen Markéta Pilátová und Kateřina Tučková sowie der Künstler Jaroslav Valečka.



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