Design und Tragödien

Design und Tragödien

Die Stadtschreiberin von Pilsen Wolftraud de Concini hat die von Adolf Loos entworfenen Wohnungen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet

16. 7. 2015 - Text: Wolftraud de ConciniText: Wolftraud de Concini, Deutsches Kulturforum östliches Europa; Foto: In der Wohnung in der Klatovská-Straße lebte Ende der zwanziger Jahre der Arzt Josef Vogel mit seiner Frau./Václav Šváb/www.plzen2015.cz

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Sie waren alle miteinander verwandt, verschwägert oder zumindest eng befreundet und durch geschäftliche Interessen miteinander verbunden: die wohlhabenden jüdischen Familien in Pilsen, die sich von Adolf Loos (1870–1933) ihre Wohnungsinterieurs entwerfen ließen. Nachdem sich Martha und Wilhelm Hirsch 1907 als Erste an den damals noch wenig bekannten, 1870 in Brünn geborenen österreichischen (und später tschechoslowakischen) Architekten gewandt hatten, um sich die Innenräume ihrer Wohnung in der heutigen Plachého-Straße entwerfen zu lassen, wurde er – allerdings erst 20 Jahre später, auf dem Höhepunkt seines Ruhms – unter den tonangebenden Pilsner Familien geradezu herumgereicht. Zu den Hirschs kamen die Familien Brummel, Eisner, Kraus, Liebstein, Naschauer, Vogel und Weiner. Und natürlich die Becks, deren Tochter Klara im Jahr 1929 Adolf Loos’ dritte Ehefrau wurde.

Pilsen hat die von Adolf Loos entworfenen Interieurs zu einem Höhepunkt des Kulturhauptstadt-Programms gemacht und rührt eifrig die Werbetrommel für Besichtigungen der teilweise noch erhaltenen, teilweise renovierten oder rekonstruierten Wohnungen. Vielleicht würde sie etwas weniger lautstark mit den Loos-Innenausstattungen prahlen, wenn die jahrzehntelang verschwundenen Akten des Prozesses aus dem Jahr 1928, bei dem Adolf Loos der Unzucht mit wirklich sehr jungen, acht- bis zehnjährigen Mädchen angeklagt, aber „im Zweifel von der Anklage freigesprochen“ wurde, schon früher aufgetaucht und nicht erst jetzt im Mai 2015 vom Wiener Stadt- und Landesarchiv veröffentlicht worden wären. So muss sich jeder selbst entscheiden, ob er in Adolf Loos den genialen avantgardistischen Architekten oder einen pädophilen Straftäter sehen will. Aber vielleicht ist der eine vom anderen nicht zu unterscheiden?

Da ich seit meiner Ankunft in Pilsen vor lauter Schreiben und Fotografieren und Kaffeetrinken noch nicht dazu gekommen bin, mir die Interieurs anzuschauen, habe ich mich auf eine Loos-Entdeckungstour anderer Art gemacht: Ich habe die Fassaden und Fassadendetails der Häuser fotografiert, hinter denen sich von Adolf Loos entworfene Interieurs befinden oder befanden. Bevor man ein Haus betritt, wirft man gewöhnlich einen Blick auf die Fassade. Um schon beim ersten Eindruck Rückschlüsse auf das Innere und seine Bewohner zu ziehen. Wer das auch bei den Adolf-Loos-Interieurs in Pilsen versucht, zieht garantiert Fehlschlüsse. Äußeres und Inneres scheinen nichts miteinander gemeinsam zu haben. Aber das hatte Adolf Loos auch gar nicht beabsichtigt. Und auch seine Auftraggeber nicht. Als hätten sie sich hinter schlichten, banalen Fassaden verbergen und ihren Wohlstand nicht zur Schau stellen wollen.

Loos und seine Auftraggeber
Seine Klienten waren wohlhabende jüdische Unternehmer in Pilsen, und in Adolf Loos hatten sie einen Innenarchitekten und Designer gefunden, der das Kapital der viel beschäftigten Männer zur Freude der verwöhnten, gelangweilten Frauen in Wohnungsinterieurs umzusetzen verstand. In Inneneinrichtungen, die noch heute, nach fast hundert Jahren, unglaublich schön, elegant und zeitlos wirken und jedem Designer auf der Suche nach Stil und Funktionalität als Vorbild dienen sollten.

Es gab tragische Geschicke unter Adolf Loos’ Auftraggebern. Geschicke, die nach Theresienstadt und Auschwitz führen. Und nach Olomouc, wo Edita Hirschová im September 1942 in den Zug AAo nach Theresienstadt und von dort in den Zug Cu nach Auschwitz gesetzt wurde. Wo sie starb. Nein, Edita Hirschová gehörte nicht zum Kundenkreis von Adolf Loos. Sie war eine 1908 geborene tschechische Malerin, die sich in Paris eine vielversprechende Karriere aufzubauen begonnen hatte, als sie zur Todesfahrt verhaftet wurde. Im Haus der mit ihr verwandten Familie Brummel in der Husova-Straße in Pilsen befindet sich ein Gemälde von ihr. Und bei der geführten Tour wird der Fremdenführer nicht müde, von ihr zu erzählen.

Er erzählt auch von Familie Liebstein, die das Haus in der Husova-Straße 58 erworben hatte, vom Zusammenleben der Witwe Hedwig Liebstein mit Jana und Jan Brummel, ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn. Hedwig Liebstein kam 1943 in einem Konzentrationslager ums Leben, Jan und Jana überstanden Theresienstadt und Auschwitz und Bergen-Belsen und kehrten nach dem Krieg wieder in ihre tschechoslowakische Heimat zurück.

Eine der schönsten Loos’schen Inneneinrichtungen, die Pilsen zu bieten hat, ist die Wohnung in der Benda-Straße Nummer zehn. Vilém Kraus und seine Frau Gertrud, eine Tochter des Chemiefabrikanten Taussig, waren die Besitzer. Vilém gelang es im Jahr 1939 rechtzeitig, sich nach England abzusetzen. Seine Frau und seine zwei Kinder schafften es nicht, ihm nachzureisen. Sie wurden am 18. Januar 1942 nach Theresienstadt transportiert, dann weiter ins Ghetto Zamość in Ostpolen. Wahrscheinlich wurden sie in einem Vernichtungslager in Polen – Bełżec oder Sobibór – ermordet.

Zur organisierten Loos-Tour in Pilsen gehört auch die Wohnung in der Straße Klatovská třída, die gegen Ende der zwanziger Jahre von Josef Vogl und seiner Frau Štěpánka den Bedürfnissen einer Arztpraxis mit Wohnbereich angepasst wurde. Zuvor hatten hier der Drahtgitterfabrikant Otto Beck und seine Frau Olga gelebt, hier waren auch die Kinder geboren: 1903 Eva, 1904 Klara und 1910 Max-Klaus.

Adolf Loos’ Schwiegermutter Olga Beck, die Frau von Otto Beck, einem seiner ersten Bewunderer in Pilsen, kam 1942 in einem KZ ums Leben. Ihre Tochter Klara Beck, Adolf Loos’ dritte Frau, die vom September 1941 an den Judenstern tragen musste, starb zu einem unbekannten Datum im Ghetto oder KZ in Riga. Loos hatte diese Tragödien nicht mehr erlebt. Er war schon im Jahr 1933, wenige Monate nach der Scheidung von Klara Beck, in einem Sanatorium bei Wien gestorben.
Kein Adolf-Loos-Interieur in Pilsen ohne ein tristes Umfeld. Was einen Besuch dieser Wohnungen über das ästhetische Erlebnis hinaus zu einer großen, unvergesslichen Emotion macht. Und Adolf Loos’ Probleme mit der Justiz – gerade in seiner Pilsner Zeit Ende der zwanziger Jahre kam er wegen Unzucht vor Gericht – lässt man für die Dauer der Besichtigung am besten vor der Haustür der äußerlich wenig attraktiven Häuser.

Über die Autorin
Wolftraud de Concini wurde 1940 in Trutnov (Trautenau) im nordöstlichen Böhmen geboren und von dort 1945 mit ihrer Familie zwangsausgesiedelt. Sie studierte Philosophie, Kunstgeschichte, vergleichende Literaturwissenschaft, Romanistik und Volkskunde in München und Innsbruck. Seit 1964 lebt sie in Italien und ist als Publizistin und Fotografin tätig. Neben zahlreichen Reiseführern zu italienischen Regionen verwirklichte sie Publikationen und Ausstellungen über Sprachminderheiten wie Deutsche, Sinti und Roma sowie 2013 ihr auf Deutsch und Italienisch erschienenes Reise- und Erinnerungsbuch „Böhmen hin und zurück“. Im April dieses Jahres erhielt de Concini ein fünfmonatiges Stipendium als Stadtschreiberin von Pilsen. Ihre Eindrücke aus der Kulturhauptstadt Europas 2015 veröffentlicht sie unter stadtschreiberin-pilsen.blogspot.de.