Der Freibeuter

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Petr Pechoušek hilft Schwarzfahrern mit einer Handy-App, sich nicht ertappen zu lassen

20. 3. 2013 - Text: Nancy WaldmannText und Foto: Nancy Waldmann

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Petr Pechoušek kämpft mit den „Hatern“. Wegen ihnen schlägt er sich die Nächte um die Ohren. 50 Fake-Posts erhält er vom „Fahrkartenkontrolleur“ pro Minute. Pechoušek entfernt Spam, wehrt Shitstorms ab und sperrt IP-Adressen. Tagsüber arbeitet er, danach verteidigt er „Fare Bandits“, die Ticketbanditen. So sieht das kriegerische Leben aus, nachdem man eine Android-App für Schwarzfahrer entwickelt hat. Augenringe und ein Zwei-Tage-Bart zeichnen Pechoušeks kantiges Gesicht. Aber wo Hater sind, sind auch Fans. Innerhalb von zwei Wochen stieg die Zahl der User von 650 auf 12.000. Das Prinzip ist einfach. Wer gerade mit Straßenbahn, Metro oder Bus unterwegs ist und einen Fahrkartenkontrolleur sieht, informiert andere Nutzer, indem er Zeitpunkt, Ort und Linie eingibt, manchmal auch  Anzahl und Aussehen der Kontrolleure. Man braucht dafür lediglich ein Smartphone. Völlig neu ist die Idee nicht. Es gibt bereits Facebook-Gruppen, in denen sich Schwarzfahrer warnen. Radiosender binden seit Jahren ein solches Warnsystem in den Verkehrsfunk ein, wenn es um Blitzer und Polizeikontrollen geht. Das aber scheint die Leute weniger zu provozieren als „Fare bandit“. Die App berechnet anhand der zurückgelegten Strecke den Betrag, den man zu Lasten der Verkehrsbetriebe gespart hat und krönt den erfolgreichsten Ticketbanditen.

Hieb gegen das System, App für das Portfolio
„Wir haben das Schwarzfahren nicht erfunden. Und wir gefährden auch niemanden“, sagt der 27-jährige Pechoušek. Auch er kauft sich für die drei Tram-Stationen von zuhause zur Arbeit keine Fahrkarte. Er könne es sich leisten, er arbeitet in einer internationalen Firma mit Sitz im schicksten Viertel Prags, am Fuße des Petřín-Hügels. Aber 24 Kronen für die Strecke, das sehe er einfach nicht ein. Es ist kein Geiz, eher Trotz. „Wir sind umgeben von korrupten Politikern. Da ist unsere App einfach ein kleiner Hieb gegen das System“, entgegnet er den Kritikern, die ihm eine Umsonst-Mentalität vorwerfen. Aber Pechoušek ist kein Robin Hood, der Bedürftigen helfen wollte, das Ticket zu sparen. Eher Freibeuter in eigener Sache.

Der Software-Entwickler stammt aus der südböhmischen Provinz, nahe der bayerischen Grenze. Nach dem IT-Studium in České Budějovice bekam er eine gut bezahlte Anstellung in einer internationalen Firma in Prag. Das reicht ihm nicht. Pechoušek will sein eigenes Ding machen, vielleicht eine Firma gründen. „Mit Fare Bandit wollte ich etwas Einzigartiges für mein Portfolio entwickeln“, sagt er. Dafür braucht es im App-Bereich nur eine Idee und etwas Zeit. Vergangenen November entwickelte er die Rohversion, in zehn Stunden war sie fertig. Pechoušek zahlte 25 Dollar und stellte sie in den Android-Store, von wo aus sie jeder User kostenlos herunterladen kann. Daraufhin meldete sich der Kollege. Tolle App, ob er mitmachen dürfe, sie zu verbessern. Sie bildeten ein Team, Ondřej kümmerte sich um das graphische Design, Petr um die Funktionen. 50 bis 60 weitere Arbeitsstunden fraß die zweite Phase, schätzt Pechoušek.

Die Arbeit hat sich gelohnt. Ende Februar gewann „Fare Bandit“ den tschechischen Entwicklerpreis „App Parade“, danach stieg die Userzahl rasant und Pechoušek wurde, zumindest für kurze Zeit, ein Medienstar. Von der „Lidové noviny“ über den „Standard“ bis „stern.de“ vermeldeten Medien den Erfolg von der Schwarzfahrer-App. Pechoušek bekam zahlreiche Projektvorschläge und Jobangebote, aber er ist noch eine Weile an seinen jetzigen Arbeitgeber gebunden. Und er bastelt weiter an „Fare Bandit“. Elf tschechische Städte mit ihren Verkehrsnetzen sind inzwischen erfasst, auch einige im Ausland, zum Beispiel Berlin.

User sollen selbst verwalten
„Wann kommt endlich die iPhone-Version?“, fragen Leute auf der Facebook-Seite. „Bald“, antwortet Pechoušek müde. „Wann machst du eine Funktion, mit der man SMS-Tickets teilen kann?“ Er schüttelt den Kopf. „Ich denke, das wäre gesetzeswidrig.“ Pechoušek hat andere Baustellen. Er zeigt eine Google-Karte, darauf ploppen die gemeldeten Kontrolleure auf. Das wird die neue Funktion. Dann muss man sich nicht mehr in der Stadt auskennen, um die gemeldeten Standorte zu verorten. Und er muss die Hater loswerden. Das Spam-Risiko ist deswegen so hoch, weil sich niemand registrieren muss, um zu posten. Das soll auch so bleiben. Pechoušeks hat schon eine Lösung für das Spam-Problem: „Die Community soll den Shit beseitigen.“ Gute und aufmerksame Fare Bandit-User bekommen Administrationsrechte und sollen die Störenfriede aus der Schwarzfahrer-Community fernhalten. In die haben sich inzwischen auch Fahrkartenkontrolleure der Prager Verkehrsbetriebe geschmuggelt. Pechoušek hat nichts dagegen – solange sie keine Falschmeldungen posten. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel.