Der etwas andere Bauer

Der etwas andere Bauer

David Smetana erfindet den alten Beruf des Landwirts neu

24. 4. 2013 - Text: Ivan DramlitschText: Ivan Dramlitsch; Foto: privat

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In David Smetanas Ohr steckt ein Bluetooth-Headset. Ständig bimmelt das Handy. „Nein, jetzt nicht. Ich rufe Sie zurück.“  – „Die Versicherung? Kein Problem. Schicken Sie mir eine Mail.“ So geht es die ganze Zeit. Einen Termin bei Smetana zu bekommen ist nicht einfach. „Kommen Sie, wenn es regnet“, sagte er am Telefon. „Dann habe ich vielleicht etwas Zeit für Sie.“ Der 40-jährige Landwirt ist umtriebig, ständig tüftelt er an neuen Projekten. Er trägt Jeans und braune Lederschuhe. Irgendwie stellt man sich einen tschechischen Bauern ganz anders vor.
Der Hof der Smetanas ist gerade einmal sechs Kilometer vom Zentrum der 100.000-Einwohner-Metropole Hradec Králové entfernt, doch an Stadt erinnert hier gar nichts. Stattdessen fühlt man sich in eine idealtypische böhmische Landschaft versetzt, die mit ihren sanften Hügeln, dem weidenden Vieh und den alten Bauernhäusern einem Bilderbuch Josef Ladas entsprungen sein könnte.

Auch das ehemalige Gutshaus mit der frisch renovierten Fassade, das heute als Pension dient, strahlt Behaglichkeit aus. Doch mit Romantik hat der Alltag eines Landwirtes, früher genauso wie heute, nichts zu tun. „Wir sind durch den langen Winter vier Wochen im Rückstand. Das setzt uns zusätzlich unter Druck“, sagt David Smetana und schaut skeptisch gen Himmel. „Wenn das Wetter nicht mitspielt, kann das ganz schön an den Nerven zehren.“ Die Abhängigkeit vom Wetter – auch das eine Konstante des Bauerseins.

Mehrere Standbeine
Die im Vergleich eher kleine Fläche von 32 Hektar bewirtschaften die Smetanas im Nordwesten von Hradec Králové. Als Pragmatiker hat er aus der Not eine Tugend gemacht. „Man muss sich einfach überlegen: Was baue ich auf so einer kleinen Fläche an, um möglichst viel rauszuholen.“ Kohl, Kartoffeln und Zwiebeln lautet die Antwort. Diesen drei Gemüsesorten gilt die volle Aufmerksamkeit, knapp 1.500 Tonnen fährt er im Schnitt jährlich ein. Aber nur Kohl und Kartoffeln – das ist Smetana zu wenig. Und zu riskant. Diversifikation heißt das Zauberwort. „Als moderner Bauer muss man heutzutage mehrere Standbeine haben. Dann kann auch mal eine schlechte Ernte kompensiert werden.“

Also wurde das alte Gutshaus in eine Pension mit sieben Zimmern und Konferenzraum umgewandelt. Um das Haus und die Gäste, meist Familien mit Kindern oder Geschäftsreisende, kümmert sich seine Frau Jitka. Dann wurde in eine moderne Kohlverarbeitungsmaschine investiert, die das Gemüse säubert, küchenfertig zerkleinert und verpackt. Außerdem hat Smetana begonnen, Krautsalate in verschiedenen Geschmacksrichtungen nach traditioneller Rezeptur herzustellen. In kürzester Zeit wurden sie ein Verkaufsschlager. Ab diesem Jahr wollen sich Smetanas verstärkt der Sauerkrautproduktion widmen. „Wir versuchen ständig, neue und interessante Dinge für unsere Kunden zu bieten. So bleiben wir im Gespräch und unterscheiden uns von der Konkurrenz“, sagt Smetana. Er züchtete eine ovale Zwiebel, die das Schneiden erleichtert. Aber nicht jede Innovation ist ein Erfolg. „Die blauen Kartoffeln waren ein Reinfall, die wollte keiner haben. Zum Schluss mussten wir sie im Rahmen einer Tombola verschenken“, lacht Smetana.  

David Smetana geht es nicht nur ums Geschäft. Er will auch zeigen, dass Bauern nicht nur „jammernde Subventionsempfänger“ sind, sondern Produzenten von Qualitätsprodukten, die aktive Landschaftspflege betreiben. „Ich will vermitteln, wie es in einem bäuerlichen Betrieb tatsächlich zugeht. Die Menschen haben ja teilweise völlig falsche Vorstellungen von Landwirtschaft und vom Landleben.“ Und so gibt es im „Smetanův statek“ regelmäßig Tage der offenen Tür sowie einen Projekttag, an dem Smetana Schulkinder einlädt und ihnen zeigt, wo die Kartoffeln und Zwiebeln herkommen. Um seine Projekte bekannt zu machen, arbeitet er mit einer Agentur zusammen, die ihn bei der Präsentation nach außen unterstützt.

Projekttage für Schulkinder
Dieses Engagement und die unkonventionellen Wege des Landwirtes blieben nicht unbemerkt. Im vergangenen Jahr gewann er den Preis „Gewerbetreibender des Jahres“, den die Tageszeitung „Hospodářské noviny“ vergibt. „Darüber freue ich mich sehr. Es ist ein Zeichen, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe. Um erfolgreich zu sein, muss ich innovativ sein. Und gleichzeitig ist es mein inneres Bedürfnis“, sagt Smetana. Als nächstes hat er vor, Tiere anzuschaffen. Um das Leben auf dem Hof und den Aufenthalt der Pensionsgäste lebendiger zu gestalten. Einfach nur Ziegen kommen für Smetana allerdings nicht in Frage. Es müssen schon südamerikanische Alpakas sein. Die ersten sollen im Sommer eintreffen.  

Manchmal schlüpft er aber doch in alte Rollenbilder. Als ein Fernsehteam von „TV Nova“ vorbeikommt, um einen Beitrag zum Thema Landwirtschaft zu drehen, zieht er sich auf Wunsch eine alte schmutzige Latzhose an, das wirke „authentischer“. „Und dann wollen die auch immer, dass ich vor der Kamera jammere. Das mache ich nicht“ sagt Smetana. Das wolle der Zuschauer aber sehen, heißt es dann. „Tja, so sind sie, die Medien“, lacht David Smetana und verabschiedet sich. Der nächste Termin wartet.