Das Ende vom Lied

Das Ende vom Lied

Rücksichtslose Medien und gescheiterte Beziehungen trieben Sängerin Iveta Bartošová in den Selbstmord

21. 5. 2014 - Text: Daniela CapcarováText: Daniela Capcarová; Foto: ČTK/Jiří Káš

29. April 2014, Prag: „Eine 48-jährige Frau wurde von einem Zug erfasst und überrollt; ihre Verletzungen waren tödlich”, teilte die Sprecherin des Prager Rettungsdienstes Jiřina Ernestová der tschechischen Internetplattform „novinky.cz“ mit. Erst am 8. April hatte die Sängerin Iveta Bartošová ihren 48. Geburtstag gefeiert.

Der Internetdienst schlug aus ihrem Tod in krasser Weise Kapital und drehte posthum ein Video: Ein Redakteur sitzt in einem Zugabteil, die Kamera ist auf die Gleise gerichtet, man sieht zwei schwarze Plastiksäcke, mit denen suggeriert wird, in ihnen befänden sich die Teile des zerrissenen Körpers der Sängerin. Der Redakteur ist nicht zu sehen, mittels subjektiver Kameraperspektive schaut man sozusagen mit den eigenen Augen auf das Gleis mit den schwarzen Säcken. Ob der Dreh real oder konstruiert war, ist egal, das Ziel wurde erreicht: im Zuschauer starke Gefühle des Mitleids oder des Ekels hervorzurufen.

Am Todestag wollte ich mir das Video nicht ansehen. Dennoch war ich wie zahlreiche Tschechen und Slowaken erschüttert über die Tragödie. Nicht nur, weil es sich um den Freitod einer Berühmtheit handelte, sondern vor allem, weil man spüren konnte, dass dieser Tod zu einem großen Teil das Ergebnis der Hetze und Jagd der Boulevardpresse auf die schwache, aber außerordentlich talentierte Iveta Bartošová gewesen war.

Betroffen und zugleich empört waren nicht nur die sogenannten einfachen Leute, die hauptsächlichen Konsumenten dieser Medien, sondern auch deren Objekte – die Stars, die von diesen Presseorganen auf Schritt und Tritt verfolgt werden. „Der Tod von Iveta Bartošová ist für mich ein tiefer Schlag. Sie tut mir unendlich leid, und ich weiß nicht, ob die Regenbogenpresse nicht einmal darüber nachdenken sollte, was sie alles schreibt und wer das nächste Opfer sein wird,“ sagte die angesehene Schauspielerin Simona Stašová.

Als ich von der Nachricht erfuhr, erinnerte ich mich an ein Konzert im Jahr 2005, bei dem Iveta Bartošová als Gastsängerin auftrat. Damals wurde ich als slowakisch-deutsche Journalistin zum Jubiläumskonzert der tschechischen Sängerin Helena Vondráčková eingeladen, die wohl einige Deutsche noch aus der Unterhaltungssendung „Ein Kessel Buntes“ kennen. Iveta trat über eine freischwebende Treppe auf die Bühne.

Beim Heruntergehen schwankte sie ein wenig. Ihr wackeliger Gang war so auffällig, dass der tschechische Fernsehsender Nova dieses Entrée aus der Übertragung herausschnitt. Ich dachte mir schon damals, dass die Sängerin entweder Probleme mit Drogen oder mit Alkohol haben müsse.

Auf der Bühne trat sie sicher auf und sang ohne Probleme den Hit meiner Jugend „Léto“ („Sommer“). Das Konzert versetzte mich in die sorglose Zeit des Sozialismus, die das Lied für mich repräsentierte. Damals war Iveta unsere Ikone – sie gewann dreimal den renommierten Musikpreis „Zlatý slavík“, war bildhübsch, beliebt, weiblich.

Über meinem Bett im Kinderzimmer hing ihr Plakat aus der Jugendzeitschrift „Kamarád“. Zusammen mit ihrem damaligen Freund Peter Sepéši nahm sie das Duett „Knoflíky lásky“ („Knöpfe der Liebe“) auf. Beide repräsentierten ein glückliches sozialistisches Liebespaar, was gar nicht ironisch gemeint ist. Wenn man im Sozialismus berühmt war und als Sänger oder Sängerin in der ersten Pop-Liga sang, hatte man weder Probleme mit einer Boulevardpresse, die es in der Tschechoslowakei damals gar nicht gab, noch musste man jüngere und hübschere Konkurrenten besonders fürchten, denn jeder hatte im Showgeschäft seinen Platz. Iveta hatte sich diesen Platz an der Sonne vor allem durch ihre Stimme erobert. Leider platzte der Traum von einer glücklichen Beziehung, als am 29. Juli 1985 ihre große Liebe Sepéši an einem Eisenbahnübergang verunglückte. Für die Sängerin war es ein schwerer Schlag, von dem sie sich vermutlich jahrelang nicht erholte. Später erfuhren wir, dass Sepeši kein Idealpartner war und Iveta damals mit seinen ständigen Affären zusetzte.

Ein wichtiger Meilenstein in Ivetas Karriere war ihr Umzug aus der kleinen mährischen Stadt Frenštát pod Radhoštem in die Hauptstadt der damaligen Tschechoslowakei. Nach Prag kam sie noch mit Sepeši, im Jahr 1987 begann dann ihre Zusammenarbeit mit der Gruppe Kroky Františka Janečka. Der Umzug nach Prag hatte zwar einen positiven Einfluss auf ihre Karriere als Popsängerin, privat scheint er rückblickend aber eher ein Desaster gewesen zu sein. Auf die Prager Künstlerszene war die 20-jährige Sängerin nicht vorbereitet.

Sie war ein Mädchen aus einer kleinen Stadt in der Nähe der Grenze zur Slowakei, noch erschüttert vom Tod ihres Freundes, voller Emotionen und Erwartungen, nach einem Prinzen suchend. Diese Sensibilität, die ihren Liedern Tiefe gab, und ihr Anlehnungsbedürfnis haben vor allem ältere Musiker ausgenutzt. Sie suchte einen Beschützer und fand ihn in ihren Augen in dem 20 Jahre älteren Gitarristen und Kapellmeister des gleichnamigen Orchesters Ladislav Štaidl, das jahrelang Karel Gott begleitete. Die Romanze hatte allerdings einen Haken – Štaidl war verheiratet, und wegen Iveta wollte er sich keineswegs scheiden lassen. Das kratzte zwar an ihrem Selbstbewusstsein, dennoch war die Sängerin lange nicht in der Lage, sich von dem Musiker zu trennen.

In ihrer Kindheit musste Iveta die Tiraden ihres alkoholabhängigen Vaters aushalten – auch das vielleicht ein Grund ihres Verhaltens gegenüber Männern. Es war sicher kein Zufall, dass sie sich einen älteren Partner aussuchte, der sie auch in ihrer Karriere musikalisch unterstützen sollte. Zum Zusammenbruch ihres Traums und ihrer Gefühlswelt kam es 1994 durch die Vergewaltigung durch einen Mann, der in ihre Wohnung eingebrochen war. „Seitdem hatte Iveta Probleme mit dem Einschlafen und begann Schlaftabletten zu nehmen“, erinnert sich ihre Haushälterin Zlata Dvořáková im Buch „Sbohem Iveto “  („Lebwohl, Iveta“).

1996, Iveta war 30 Jahre alt, wurde ihr Sohn Arthur geboren. Vater des Kindes war Štaidl, welcher sie trotzdem nicht heiratete, obwohl die beiden darüber hinaus insgesamt 13 Jahre zusammen waren. Die Sängerin kümmerte sich um ihren Sohn und war erfolgreich im Geschäft. „In dem Jahr drehte sie das Musical „Dracula“ und wollte auch beim Alkoholkonsum Schritt halten mit ihren Kollegen aus der Branche; im Unterschied zu ihnen hatte sie natürlich keine Übung“, schreibt Dvořáková in ihrem Buch. „Ihre Abhängigkeit entwickelte sich auch deshalb, weil die Sängerin ihr Lampenfieber vor jedem Auftritt mit Alkohol bekämpfte“, begründet die Haushälterin die Anfänge des Alkoholmissbrauchs. Hinzu kam die Trennung der Sängerin von Ladislav Štaidl.

Für ihre Partner war Iveta ein Aushängeschild, immer eine gute Werbung – hübsch, blond, musikalisch erfolgreich und ständig von interessanten Prominenten umgeben. Neun Jahre später hatte sie wieder einen Mann in einer Dreiecksbeziehung, von dem sie erhoffte, er würde sich ihretwegen aus den familiären Bindungen lösen. Zdeněk Podhůrský gab ihr allerdings nicht, wonach sie sich sehnte. Iveta fasste die Situation folgendermaßen zusammen: „Es ist mir sehr schwer um’s Herz. Ich liebe Zdeněk, es gibt allerdings keine andere Lösung für uns als eine Trennung. So eine Beziehung würde mich auf Dauer total zerstören“, äußerte sich die damals 39-jährige Pop-Ikone. Kurz darauf folgte ein Selbstmordversuch, bei dem man sie noch rechtzeitig retten konnte. Die Boulevardblätter hatten neuen Stoff. Ihr Suizidversuch war eine Art Warnung, die aber die wenigsten wahrnehmen wollten.

Unglücklicherweise kreuzte der gescheiterte und bis zum Hals verschuldete Produzent Jiří Pomeje, der unter anderem das auch in Deutschland bekannte Märchen „Teuflisches Glück“ produziert hat, ihren Weg. Teuflisches Glück erwartete auch Bartošová. Die von allen Medien verfolgte Hochzeit in einer Kutsche, die das frische Ehepaar im besten Licht erscheinen ließ, war leider nur ein oberflächliches Spektakel. Nachdem Iveta ihre wahre Funktion in dieser Beziehung erkannte, nämlich Finanzspritze und Sponsorin ihres Gatten zu sein, war es schnell aus mit der Idylle. Jiří Pomeje beschuldigte andere, auch die Haushälterin, obwohl nicht ganz klar ist, was er tatsächlich behauptete und was die Presse hinzugedichtet hat.

Verärgert schrieb Dvořáková das erwähnte Buch über das Privatleben von Iveta Bartošová – dort fand man alle Details über die Alkoholexzesse der Sängerin. Dieser Schlag traf Bartošová sicher sehr, umso heftiger, als jetzt ganz Tschechien und die Slowakei aus dem Buch erfuhren, welch eine schlechte Mutter sowie schwache und psychisch gestörte Persönlichkeit sie war. Sie trennte sich auch von Pomeje. Die Öffentlichkeit nahm sie fortan als einen Menschen wahr, der keine echte Beziehung eingehen könne. Diese Meinung wurde durch zwei weitere Selbstmordversuche verstärkt, die die Sängerin als eine Reaktion auf ihre gescheiterten Partnerschaften noch vor ihrer Heirat mit Pomeje unternommen hatte.

Damit begann der Zusammenbruch. Iveta trat bei ihren öffentlichen Auftritten verunsichert auf, was der Aufmerksamkeit der Medien nicht entging und dazu führte, dass sie sich über ihr Auftreten lustig machten. Sie verfolgten sie im Jahr 2007, als sie sich in der Psychiatrischen Klinik in Kroměříž befand, genauso wie im Jahr 2011, als sie die Psychiatrie der Karls-Universität in Prag aufsuchte. Nach nur zwei Tagen verließ Iveta auch diese Klinik.
Die Leute sahen sich auf YouTube ihre Nervenzu-sammenbrüche an.

Iveta konnte das nicht helfen. Sie verliebte sich erneut in einen Mann. Leider blieb auch der Italiener Domenico Martucci nur eine Affäre, nach der es mit der Sängerin bergab ging. „Ich fürchte, dass Iveta eines Tages nicht mehr aufstehen können wird“, sagte einer ihrer Manager traurig. In dieser Zeit schauten sich die Zuschauer auf YouTube die Nervenzusammenbrüche an, die sie live direkt in einer slowakischen Show oder bei einem Konzert erlitt.

Die Sängerin begab sich in die Hände eines weiteren, letztlich zu ihr nicht passenden Partners – Josef Rychtář. Vor ihm hatte sie solche Angst, dass ihr „Unterstützer“ und selbsternannter „Beschützer“ Zdeněk Macura die Sängerin nach Italien entführen musste. Es gibt Vermutungen, dass Josef Rychtář Iveta tyrannisiert hat.

Im August 2013 lässt sich Iveta erneut in die auf Abhängigkeiten spezialisierte Psychiatrie Bohnice in Prag einliefern, Rychtář holt sie allerdings nach einer Woche von dort heraus. Zu einer ähnlichen Situation kommt es auch wenige Tage vor ihrem Tod: Der inzwischen Ehemann gewordene Rychtář nimmt sie auf eigene Verantwortung aus der ärztlichen Behandlung. Ein paar Freunde spüren intuitiv, dass es der Sängerin nicht gut geht. Sie rufen sie – vergebens – auf ihrem Handy an. Am 29. April, dem Geburtstag ihres letzten Ehemannes, beschließt sie, sich das Leben zu nehmen. Diesmal will sie auf Nummer sicher gehen und wirft sich unweit einer Gleiskurve, damit sie der Lokführer nicht sehen kann, vor den Zug, im Prager Vorort Uhříneves, wo sie lebte.

Sie soll einen Abschiedsbrief hinterlassen haben, dessen Echtheit die Grafologen jedoch anzweifeln. Die Polizei beschlagnahmte sicherheitshalber das Handy der Sängerin und leitete Untersuchungen dahingehend ein, ob die Sängerin nicht von ihrem Mann tyrannisiert worden ist. Weder Mutter noch Sohn waren beim Begräbnis zugelassen.

Es bleibt dennoch eine Mahnung. Im Fernsehen startet endlich eine Diskussion über das Tyrannisieren und die Misshandlung von Frauen. In Tschechien und in der Slowakei fehlen Presseräte wie in Deutschland, die Personen des öffentlichen Lebens vor unwahren und schädigenden Äußerungen der Medien schützen. Verkaufszahlen und Einschaltquoten stehen weit vor jeder journalistischen Ethik. Bis jetzt können Personen des öffentlichen Lebens gegen Medien nur gerichtlich vorgehen, die Urteile solcher Prozesse fallen allerdings nicht immer zugunsten der geschädigten Personen aus.

In den Kinos läuft zurzeit der Dokumentarfilm „Delníci bulváru“ („Arbeiter des Boulevards“) des Regisseurs Vít Klusák. Der Film zeigt Boulevardjournalisten, die aus Menschen Prominente machen, die sie dann ausstellen, verfolgen und niedermachen können. Der vor Kurzem gedrehte Film vom Regisseur Filip Renč „Sebemilenec“ („Der Selbstverliebte“) thematisiert die immer wieder verschwiegene Gewalt gegen Frauen. Nach aktuellen Statistiken hat fast die Hälfte aller Frauen in Tschechien und in der Slowakei in ihrem Leben schon körperliche Gewalt erfahren.

Das hilft Iveta Bartošová nicht mehr. Ihr Tod bleibt nur eine Mahnung an die Adresse von sensationslüsternen Medien und an diejenigen, die die Kindheit eines Menschen dermaßen zerstören können, dass er im weiteren Verlauf seines Lebens darunter schwer leidet und am Ende sogar keinen Sinn mehr darin sehen kann. Viele Menschen haben das verstanden und konnten in der Nacht nach Ivetas Tod wegen ihrer Trauer nicht schlafen – mit Ausnahme der Boulevardjournalisten natürlich.

Kommentare

Netiquette
  1. Ich bin seit Jahren ein Fan von Iveta Bartošová, nachdem ich mich beim Ansehen eines Musikvideos von ihr spontan in ihre Stimme und ihr bezauberndes Aussehen verliebt hatte. Nach und nach habe ich mich dann mit ihren vielen Liedern und ihrem Leben beschäftigt und dazu viele, viele Artikel im Internet gelesen (was manchmal recht mühselig ist, denn hier in Deutschland ist Iveta Bartošová so gut wie unbekannt und die Berichterstattung ist nahezu ausschließlich tschechisch; ich selbst spreche die Sprache aber nicht und muß mir sämtliche Texte vom Google-Translator übersetzen lassen).

    Dabei bin ich auf schlimme Kommentare einiger Nutzer gestoßen – z. B., wenn es um die Frage der Schuld geht. Die meisten Nutzer sind der Ansicht, „die Medien“ trügen die Hauptschuld am Tode Ivetas, andere sehen in Josef Rychtář den Schuldigen. Einer schrieb, niemand hätte Iveta unter diesen Zug gestoßen, mit anderen Worten, sie habe SELBST Schuld. Und das macht mich wütend und traurig.

    Von den Medien gehetzt und immer an die falschen Männer geraten, hat Iveta am Ende einfach keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Es ist so traurig! Aus manchen Quellen entnehme ich, daß Iveta auch nicht immer einfach war; ich habe sie nicht persönlich gekannt und kann sie als Mensch deswegen nicht beurteilen – aber für mich bleibt sie als Sängerin absolut unerreichbar und als Frau auf ewig wunderschön.

  2. Was ich da so lese und höre bricht mir fast das Herz. So eine wunderbare, tolle Person und keiner hat ihr geholfen und gesehen, wie traurig und kaputt sie ist – eine Schande!!! Sie können das gerne veröffentlichen, ich stehe zu diesem Kommentar.





Kultur

Auf unbestimmte Zeit verschoben

Unvergessen

Über Grenzen hinweg