Charlie sein oder nicht sein?

Charlie sein oder nicht sein?

Der Religionsphilosoph Tomáš Halík handelt sich mit seinen Thesen zur Meinungsfreiheit den Vorwurf der Arroganz ein

18. 2. 2015 - Text: Josef FüllenbachText: Josef Füllenbach; Foto: Templeton Prize/Paul Hackett

„Was darf die Satire? Alles.“ Dieses berühmte Wort von Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1919 wird seit dem blutigen Terroranschlag auf die Redaktion der satirischen Wochenzeitung „Charlie Hebdo“ von Anfang Januar in Paris hin und her gewendet: Darf sie wirklich alles? Oder sind ihr doch gewisse Grenzen zu setzen? Und manche deuteten sogar vorsichtig die Frage an, ob nicht die Macher der Zeitung mit ihren oft ätzenden Karikaturen des Propheten Mohammed ein wenig den Anschlag provoziert hätten, also selber ein Quäntchen Schuld an der Tragödie trügen. So hat zum Beispiel der Mitbegründer des Blattes, Henri Russel, dem ermordeten Chefredakteur noch nach der Bluttat vorgeworfen, er sei ein „sturer Dickkopf“ gewesen und habe seine Redaktion „in den Tod getrieben“.

Tschechien beherbergt wie die meisten anderen mittelosteuropäischen Länder eine im Vergleich zur „alten“ EU verschwindend geringe muslimische Minderheit, nur etwa zwischen 0,1 und 0,2 Prozent der Bevölkerung. Umso lautstarker entwickelte sich paradoxerweise in den letzten Monaten die Bewegung gegen den Zuzug weiterer Muslime („Wir wollen keinen Islam in Tschechien“). Da konnte es kaum überraschen, dass bald nach dem Pariser Terroranschlag auch in Tschechien eine lebhafte Diskussion darüber entbrannte, ob aus dem schrecklichen Verbrechen Schlussfolgerungen für die Schranken der Meinungs- und Pressefreiheit zu ziehen sind. Angestoßen hatte diese Debatte Tomáš Halík, Theologieprofessor, Hochschulpfarrer und vor allem ein streitbarer, über die Landesgrenzen hinaus bekannter Publizist, mit dem am 14. Januar 2015 in der „Lidové noviny“ erschienenen Beitrag „Warum ich nicht Charlie bin“. Damit spielte er auf das Motto „Je suis Charlie“ an, mit dem Millionen Menschen in Frankreich und vielen anderen Ländern ihre Solidarität mit den Mitarbeitern der Redaktion von „Charlie Hebdo“ erklärten. Drei Tage später veröffentlichte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Halíks Beitrag in deutscher Übersetzung; er fand dort unter den Lesern überwiegend Zustimmung.

Viele Reaktionen
Hier in Tschechien erschienen fast einen Monat lang immer neue, teils ausführliche Reaktionen von Intellektuellen, Politikern, Schriftstellern und Journalisten. Kritik und Zustimmung hielten sich in etwa die Waage. Als vorläufigen Abschluss der Debatte veranstaltete die Václav-Havel-Bücherei am vergangenen Freitag eine Podiumsdiskussion, an der neben Tomáš Halík der Chefredakteur des Wochenmagazins „Respekt“ Erik Tabery, der in Paris lebende Politologe Jacques Rupnik, der Orientalist Bronislav Ostřanský und der Prager Imam Emir Omič teilnahmen.

Mit welchen Thesen aber hatte Halík eine solch anhaltendes Für und Wider ausgelöst? Warum mag er nicht Charlie sein? Halík störte sich an der „Bemühung, die unglücklichen Opfer aus der Redaktion der Pariser satirischen Zeitschrift als Helden und Symbole unserer Kultur hervorzuheben und zu feiern“. Er bekenne sich zu einer Kultur, die neben der Polemik gegen Fanatismus und Fundamentalismus „auch empathisch sein kann gegenüber den anderen und deren Werte achtet, einer Kultur, die weiß, dass diese Achtung kein weniger wichtiger Wert ist als die Redefreiheit“. Halík ruft ausdrücklich nicht nach Zensur oder Institutionen, fragt aber provokativ: „Stellt tatsächlich die Verantwortungslosigkeit, die die Zeitschrift ‚Charlie Hebdo’ als Untertitel führt, eine des Feierns und des allgemeinen Beifalls würdige Tugend dar?“ Zwar gehöre „zur freien Kultur auch ein Raum für Dekadentes, Geschmackloses und billig Provokatives“, aber man solle sich davor hüten, „das Dekadente und Zynische als heiliges Sinnbild unserer Kultur und Freiheit zu feiern: Zu Freiheit gehört Verantwortung.“

Als eine der ersten Entgegnungen erschien zwei Tage später ein Beitrag unter dem vielsagenden Titel „In Charlies Haut“ von dem Havel-Biographen und Diplomaten Michael Žantovský. Er warf Halík „einen kleinen, aber arroganten Irrtum“ vor, denn er bekenne sich zu einem anderen Antlitz der Kultur als „Charlie Hebdo“. Die verschiedenen Gestalten der Kultur seien aber nicht voneinander zu trennen. Provozierende Karikaturen gehörten ebenso untrennbar zu unserer Kultur wie Empathie und Verständnis für den Nächsten. „Sobald wir Grenzen zulassen, welche die Freiheit des Wortes im Namen der ‚Verantwortung’ oder der ‚Achtung vor den Werten’ nicht überschreiten darf, werfen wir sofort die Frage auf, wer zur Festlegung dieser Grenzen berechtigt ist.“

Beschränkungen seien allein durch Gesetze festgelegt, aber diese seien durch die Karikaturen nicht verletzt.
Martin Zvěřina, Redakteur der „Lidové noviny“, ging noch einen Schritt weiter, indem er Halík ironisch unterstellte, er strebe danach, eine Art Aufsichtskommission einzurichten oder gar ein „Ministerium des nationalen Geschmacks“. Freilich hatte Halík nichts dergleichen vorgeschlagen oder im Sinn. Im Grunde ist er für sich selbst zu dem Urteil gelangt, Inhalt und Stil von „Charlie Hebdo“ nicht nur als extrem geschmacklos und unnötig verletzend abzulehnen. Er hat zudem die nicht umkehrbare Entwicklung vor Augen, dass inzwischen schon rund 15 Millionen Muslime unter uns in Europa leben. Die ungezügelte Verhöhnung ihrer religiösen Gefühle, so befürchtet Halík, könne sich zu einem ernsthaften Hindernis für die Integration entwickeln: Während sich heute die meisten Menschen, auch die islamischen, „von den Terroristen distanzieren und mit uns im gleichen Boot sitzen wollen, (werfen wir sie) mit den dem Islam zugefügten Verletzungen aus dem Boot hinaus und lassen sie dann in die Arme der Fanatiker treiben“.

Abstoßender Humor
Erik Tabery stellte indes klar, das Anheften eines Stickers mit der Aufschrift „Ich bin Charlie“ sei keineswegs so zu verstehen, dass sich der Träger mit den Inhalten der Zeitung oder mit dem dort gepflogenen derben bis abstoßenden Humor identifiziere. Es gehe vielmehr darum, auf diese Weise millionenfach die Freiheit des Wortes als einen der wichtigsten Werte unserer Gesellschaft gegen den terroristischen Angriff zu behaupten. „Ich bin Charlie“ sei Ausdruck der Solidarität mit den ermordeten Redakteuren und Karikaturisten und ein Zeugnis gegenüber den Terroristen, dass wir uns der Bedrohung nicht beugen, dass „ihnen das Morden nichts bringt. Die europäische Gesellschaft will damit sagen: Wir akzeptieren die Ermordung unserer Mitbürger nicht.“ Zudem warnte Tabery wie auch andere vor der Gratwanderung zwischen der feinfühligen Rücksichtnahme auf wirkliche oder eingebildete Gefühle anderer und beginnender Selbstzensur.

Könnte es sein, dass Halíks Ablehnung des Bekenntnisses „Ich bin Charlie“ zumindest teilweise auf einem Missverständnis beruht? Halík selbst deutete dies in der Paneldiskussion an, indem er einräumte, man könne das Motto auf zweierlei Weise interpretieren. Verstehe man es als öffentliche Positionierung gegen Einschüchterung und gewaltsame Unterdrückung der Pressefreiheit, so könne er nicht anders, als sich voll auf die Seite der Freiheit des Wortes zu stellen. Mit seinem Einwurf, den Karikaturisten ermangele es an Rücksicht auf die religiösen Gefühle frommer Muslime, wolle er unter keinen Umständen auch nur den Anschein erwecken, den Opfern irgendwie eine Mitschuld an ihrem Schicksal zu geben oder in ihrer Grenzverletzung den Ansatz einer Rechtfertigung für die Bluttat zu erblicken.

Der um begriffliche Abgrenzungen selten verlegene Publizist Roman Joch hat in seinem Diskussionsbeitrag unterschieden zwischen der legalen Möglichkeit, auch abstoßende Texte oder Zeichnungen veröffentlichen zu dürfen, und der Frage, ob es richtig und erwünscht ist, gezielt zu verletzen und sich darüber lustig zu machen, was anderen aus religiösen Gründen heilig ist. Als Verfechter der größtmöglichen Freiheit des Wortes tritt Joch zwar für das Recht auch auf schwer erträgliche, andere in ihren Gefühlen vor den Kopf stoßende Veröffentlichungen ein. Aber er lehnt es ab, von diesem Recht ohne Not Gebrauch zu machen, jemandem gleichsam den gestreckten Mittelfinger vor die Nase zu halten. In diesem Sinne sei er nicht nur „nicht Charlie“, sondern „Anti-Charlie“ und glaube sich insoweit mit Halík einig zu sein.

Letztlich hat die Diskussion gezeigt, dass es von Halíks Bedenken, „Charlie Hebdo“ treibe durch angeblich „billige und unverantwortliche Provokationen (…) die Muslime in die Arme der Extremisten“, nur noch ein kleiner Schritt ist, den Karikaturisten ein wenig Mitschuld an dem Attentat in die Schuhe zu schieben. Günter Grass hat diesen Schritt vor fast zehn Jahren getan, als radikale Islamisten auf die in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten abgebildeten Mohammed-Karikaturen mit gewalttätigen Ausschreitungen reagierten: Er erkannte darin eine „fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat“. Fraglich ist auch, ob sich Halík mit seinem Credo „Ich bin nicht Charlie“ inzwischen nicht etwas unwohl fühlt, nachdem er in der Gestalt von Václav Klaus und Marine Le Pen prominente Gesellschaft bekommen hat.



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