Boomstädte Prag und Warschau

Boomstädte Prag und Warschau

Philipp Ther schreibt eine Geschichte des neoliberalen Europa

5. 3. 2015 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Foto: Christoff

Berlin und Wien als Verlierer der Transformation in Ostmitteleuropa, Warschau und Prag als Boom-Städte des vereinten Europas? Dieses Bild entspricht nicht ganz der Realität; Philipp Ther skizziert in seinem Buch „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ jedoch Argumente, die eine solche Behauptung durchaus stützen. Er untersucht das neoliberale Europa. Dabei macht er sich weder antikapitalistische Fundamentalkritik zu eigen, noch sind seine Thesen über den ökonomischen Wandel vom Weltbild des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream geprägt. Ther, Professor für Osteuropäische Geschichte in Wien, überwindet das in vielen Abhandlungen zum Thema noch immer tonangebende „mental mapping“, eine von politischen und ökonomischen Realitäten des Kalten Kriegs geprägte Logik, die im Osten das Graue, Rückständige sieht und den marktliberalen, demokratischen Westen als das alternativlose „Ende der Geschichte“.

Was die ehemals sozialistischen Länder nach dem Abgang der alten Eliten zu leisten hatten, war in den Augen vieler westlicher Kommentatoren klar: nachholen. Als „nachholende Revolutionen“ bezeichnete beispielsweise Jürgen Habermas die Geschehnisse von 1989. Dass Konsum, Wirtschaftswachstum und eine Angleichung an westliche Verhältnisse nicht die einzigen Hoffnungen der Demonstranten in Leipzig, Prag und Warschau waren, fand wenig Beachtung. Darin sieht Ther eine verpasste Chance Europas: 1989 wurde nicht zu einer geteilten Erfahrung, eine breite Diskussion der sozialen und ethischen Dimensionen von Freiheit wurde in der Zeit des Umbruchs nicht geführt. Freiheit bedeutete zunächst einmal Marktwirtschaft.

Privatisierung, Deregulierung, Liberalisierung des Außenhandels und der Binnenwirtschaft  bestimmten den ökonomischen Wandel in Ostmitteleuropa nach 1989. Diese Maßnahmen bilden die neoliberale Essenz. Sie wurden vom Internationalen Währungsfonds und der Weltbank gefördert – und als Voraussetzung für finanzielle Unterstützung auch gefordert. Ein Kapitel widmet Ther den Auswirkungen, die diese Instrumente, gemeinsam mit der politischen Liberalisierung, auf die ostmitteleuropäischen Metropolen hatten. Berlin und Wien berücksichtigt er dabei ebenso wie Budapest, Warschau und Prag.

Die Grundlage seines Vergleichs bilden Statistiken zu der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts und der Einkommen der Haushalte, zu Arbeitslosigkeit sowie zur Wohnsituation in den Städten. So nähert sich der Autor auch den Lebensverhältnissen, die bei der Beurteilung von Staaten allzu oft eine untergeordnete Rolle spielen. Eine seiner Erkenntnisse: Auch wenn die Reallöhne vor allem in der Tschechoslowakei und Polen nach 1989 massiv sanken, während die Einkünfte in der DDR durch die Währungsunion mit der reichen Bundesrepublik stiegen, entwickelte sich die Zahl der Arbeitslosen in Berlin sehr viel negativer als in den anderen Städten. Besonders in Polen und der Tschechoslowakei war eine „Transformation von unten“ zu beobachten, eine Gründerzeit, in der viele neue Unternehmen und damit Arbeitsplätze entstanden.

Die DDR wurde keiner so radikalen Schocktherapie unterzogen wie die Nachbarländer. Wandel bedeutete hier Angleichung an bundesrepublikanische Verhältnisse. Die Arbeitsmarktreformen unter der Regierung von Gerhard Schröder sieht Ther in diesem Zusammenhang: Es habe sich um eine nachholende Modernisierung der Wirtschaft im neoliberalen Sinne gehandelt – zum Teil nach dem Vorbild der östlichen Nachbarn.

Thers Analyse reicht von den achtziger Jahren bis zur Wirtschaftskrise ab 2008. Dass diese mit den Instrumenten bekämpft wird, die sie zumindest mit verursacht haben, wirkt aus dieser breit angelegten Perspektive besonders absurd und regt zum Nachdenken über den Umgang der Troika mit den südeuropäischen Ländern an.

Die Stärke des Historikers ist die Ausgewogenheit der Darstellung. Positive wie negative Auswirkungen des ökonomischen Wandels werden beschrieben. Um eine Bewertung geht es ihm nicht, sondern um eine Erzählung der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung in einem neoliberalen Kontext. Diese gelingt ihm gleichermaßen unterhaltsam und informativ.

Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Suhrkamp 2014, 432 Seiten, 26,95 Euro, ISBN 978-3-518-42461-2



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