Blick in die Presse

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Tschechische Pressekommentare zum 17. November, zur Devisenintervention der Tschechischen Nationalbank und zum deutschsprachigen Theaterfestival in Prag

20. 11. 2013 - Text: PZText: PZ

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Enttäuschte Hoffnungen | Die Tageszeitung „Právo“ malt die Situation Tschechiens 24 Jahre nach der Samtenen Revolution in düsteren Farben: „Wir haben 600.000 Arbeitslose (…). Wir haben eher nur eine symbolische Armee, Soldaten gibt es weniger als Polizisten, und auch davon gibt es nur wenige. Wir verlieren an Kaufkraft. Sogar die Slowakei hat uns überholt, dieses ‚Anhängsel‘, von dem sich Klaus bei seiner famosen Privatisierung nicht bremsen lassen wollte. Wir haben 30.000 Obdachlose. 40 Prozent der Haushalte leben von einem Zahltag zum nächsten. Die Bedingungen für unternehmerische Tätigkeit verschlechtern sich kontinuierlich. Als EU-Mitglied stehen wir eher nur auf dem Papier, unsere Stimme ist nicht zu hören und wir sind nicht einmal in der Lage, die europäischen Hilfsmilliarden auszuschöpfen. (…) Das ist keine Sehnsucht nach dem vergangenen Regime. Es ist die Trauer über die verlorenen damaligen Hoffnungen, die ebenso groß waren wie die jetzige Enttäuschung.“

Aussterbende Helden | Aus ganz anderem Blickwinkel weist die „Lidové noviny“ auf die allmählich aussterbende Generation derjenigen hin, die – wie Václav Havel oder der kürzlich verstorbene Dichter Zbyněk Hajda – ihre Reputation noch vor dem 17. November 1989 erworben haben. „Dass deren Autorität in der heutigen tschechischen Gesellschaft nicht mehr gefragt ist, fällt wohl eher auf diese Gesellschaft zurück als auf jene Männer. Dabei erfüllten sie das ferne antike Ideal des Heroismus, indem sie Risiken wagten in Zeiten, als eine Unterschrift unter die Charta 77 oder die Arbeit im Komitee zur Verteidigung der zu Unrecht Angeklagten zur Verfolgung einluden. Für die einen ist das ein Grund zur Bewunderung, für andere zum Groll, weil sie sich neben diesen Autoritäten für immer als Feiglinge vorkommen.“

Riskante Rechnung | Die Wochenzeitschrift „Respekt“ kommentiert die überraschende Intervention der Zentralbank (ČNB) zur Abwertung der Krone: „Der Kern des Problems liegt darin, dass die ČNB ihren Eingriff mit der Befürchtung einer Preissenkung erklärte (…) und nicht einer wirtschaftlichen Stag­nation oder sogar eines Abschwungs. Für die große Mehrheit der Bürger und Unternehmer ist freilich eine niedrige Inflation keine Bedrohung, sondern umgekehrt ihr Ansteigen, denn diese nehmen sie als Entwertung ihrer Ersparnisse und Instabilität des Landes wahr. (…) Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist ein schwächerer Kurs, der den Export fördert und die Importe beschränkt, verlockend, weil er das Wirtschaftswachstum stützen kann. Doch nichts ist umsonst zu haben. Die schwache Krone und die damit verbundene Preissteigerung begrenzen die Kaufkraft der Ersparnisse, und die ČNB will zudem ihre Zinssätze bei null halten. (…) Es bleibt uns also im Interesse unseres Landes und seiner Bürger bei allen Zweifeln nur zu hoffen, dass die riskante Rechnung der ČNB am Ende irgendwie aufgeht und unserem Land hilft.“

Schlechte Kritik | Unter dem Titel „Langeweile mit den Deutschen“ zeigt sich die Wochenzeitschrift „Reflex“ ebenso wie andere Blätter enttäuscht über das Niveau des diesjährigen 18. Festivals des deutschsprachigen Theaters: „Alte Gewissheiten gelten nicht mehr. Die oft schockierenden und skandalösen Darbietungen der deutschen Theaterleute (…) brachten uns über Jahre hin ein blutiges und vielfach unappetitliches, stets jedoch inspirierendes und reinigendes Bad vom üblichen Prager Theater-Einerlei. (…) Doch diesmal gab es nichts Aufregendes (…). In diesem Jahr meditierte man über längst gelöste Fragen. In Kenntnis des derzeitigen Repertoires jenseits der Grenzen lässt sich freilich sagen, dass unsere Nachbarn durchaus etwas anzubieten haben, und der Fehler lag wohl eher auf Seiten der Dramaturgie des Festivals. (…) Die Organisatoren sollten in Zukunft aufpassen, dass sie sich nicht auf den Lorbeeren vergangener Verdienste ausruhen.“

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