Bittere Realität

Bittere Realität

Drei tschechische Filme haben es ins Programm der Berlinale geschafft – sie erzählen von Außenseitern und Traumwelten

3. 2. 2016 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Fotos: Nikolaus Tušl, Bontonfilm

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Die Geschichte kennt nicht viele weibliche Amokläufer. Umso geheimnisvoller erscheinen Leben und Sterben der Tschechin Olga Hepnarová, die 1973 acht Menschen tötete. Mit einem Lastwagen fuhr sie in eine Gruppe, die am Prager Strossmayer-Platz auf eine Straßenbahn wartete. Für ihre Tat wurde sie als letzte Frau in der Tschechoslowakei zum Tod durch den Strick verurteilt.

Tomáš Weinreb und Petr Kazda zeichnen in ihrem Debüt ein Porträt der jungen Außenseiterin, die sich mit nur 22 Jahren ein Ventil für ihren Hass auf sich selbst und die Welt suchte. „Wir mussten oft klarstellen, dass wir keinen Film über eine Massenmörderin, sondern ein existenzielles Drama machen wollen“, erklärt Kazda das Ansinnen der Macher von „Já, Olga Hepnarová“ („Ich, Olga Hepnarová“). Es gehe ihnen nicht um Sensationsgier oder die Verklärung der Tat, sondern um den Blick auf einen Menschen und sein unklares Schicksal. Die Geschichte solle in Lateinamerika ebenso verständlich sein wie in Europa oder Asien. Das Programmteam der Berlinale hat der Film offenbar überzeugt: Er wird am Donnerstag, 11. Februar, die Panorama-Sektion des diesjährigen Festivals eröffnen – als Weltpremiere.

Olga Hepnarová fand ihren Platz in der Gesellschaft nicht.

Um bisweilen selbstzerstörerische Kräfte geht es auch bei Regisseur Petr Václav, der bereits 2014 international für Aufsehen gesorgt hat. In „Cesta ven“ erzählte er damals vom täglichen Abstiegskampf einer Roma-Familie. Die weibliche Hauptdarstellerin Klaudia Dudová ist auch in „Nikdy nejsme sami“ („Wir sind nie allein“) zu sehen, der auf der Berlinale in der experimentellen Sektion „Forum“ läuft. Der Regisseur inszeniert die Begegnung eines paranoiden Gefängniswächters mit dessen neuem Nachbarn in einem tristen Dorf. Der Nachbar ist ein arbeitsloser Hypochonder, dessen Frau sich in den Türsteher des örtlichen Nachtclubs verliebt. Der wiederum hat Gefühle für eine Stripperin, die darauf wartet, dass der Vater ihrer Kinder aus dem Gefängnis entlassen wird. Das Tschechische Filmzentrum, zuständig für die Verbreitung einheimischer Produktionen im Ausland, beschreibt Václavs Film mit den Worten: „Wir sind unzufrieden. Die Unzufriedenheit äußert sich in Gefühlen von Einsamkeit, mangelnder Wertschätzung, Traurigkeit und Frustration.“

Hoffnungsvoller geht es in „Ani ve snu!“ („Nicht im Traum!“) von Petr Oukropec zu. Der Film richtet sich vor allem an ein jugendliches Publikum. Die 16-jährige Laura möchte sich einer Gruppe anschließen, die Parkour betreibt, eine Sportart, bei der es um die möglichst waghalsige Überwindung von Hindernissen in der Stadt geht. So lernt sie Luky kennen und verliebt sich in ihn. In Lauras Kopf entspinnt sich eine Fantasiewelt, in der ihr Schwarm ganz ihr gehört. Oukropec möchte mit „Ani ve snu!“ an die Tradition der tschechischen Kinder- und Familienfilme anknüpfen.

Die Berlinale findet in diesem Jahr vom 11. bis 21. Februar statt. Programm und Informationen unter www.berlinale.de