Bis unter die Haut

Bis unter die Haut

Das Kunstgewerbemuseum gibt Einblick in die Welt der Kunstfaser

8. 10. 2014 - Text: Julia MiesenböckText: Julia Miesenböck; Foto: UPM

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Als im Jahr 1940 die ersten Nylonstrümpfe in die amerikanischen Geschäfte kamen, gingen innerhalb von nur drei Stunden 4.000 Paar über den Ladentisch. Die Verkaufszahlen stiegen rasant, auch europäische Frauen schätzten das Produkt von Beginn an. Der amerikanischen Herstellerfirma DuPont brachte der praktische, reißfeste Stoff Millionen: Schon bald, nachdem es auf den Markt kam, wurde Nylon als kriegswichtiges Material entdeckt und vor allem für die Produktion von Fallschirmen eingesetzt. Die beliebten Strümpfe dagegen blieben bis Kriegsende Mangelware.

Nylon – dessen Name sich angeblich aus den Städtenamen New Yorks und Londons ableitet – ist nur eine von vielen Kunstfasern, die im 20. Jahrhundert erfunden wurden und die Welt der Mode wesentlich beeinflussten. Einen Überblick über die bedeutendsten künstlich hergestellten Textilfasern und deren Verwendung für die Produktion von Bekleidung kann sich der Besucher in der Ausstellung „Vně a uvnitř“ („Außen und innen“) im Kunstgewerbemuseum verschaffen.

Ein großer Raum ist mit modischen Exponaten aus mehreren Jahrzehnten ausgestattet, der umfangreiche Begleittext skizziert die Geschichte der wichtigsten Kunstfasern, zu denen neben Nylon auch die synthetisch hergestellten Fasern Polyester, Acryl, Zellulose, Kunstleder und Metallfaser zählen.
Neben zeitgenössischen Entwürfen tschechischer Modedesigner wird dem Besucher ein komprimierter Querschnitt durch die europäische Mode der Nachkriegszeit präsentiert. Dazu zählen Produkte von Textilfirmen aus ganz Europa, darunter auch die bis heute bestehende Textilfirma Jitex aus dem südböhmischen Písek.

Zwischen den ersten aus Kunstfaser hergestellten Mänteln hängen Strickpullover, bei denen auf Wolle verzichtet wurde, verschiedenartige Beinbekleidung und natürlich auch Unterwäsche, deren Eigenschaften zum Zeitpunkt ihrer Erfindung eine vollkommene Neuheit darstellten, im Ausstellungssaal. Der Besucher erfährt Einzelheiten über die Produktion von Kunstfasern, etwa warum Zellulose als künstlich hergestellter Stoff gilt, obwohl sie aus pflanzlichen Proteinen produziert wird, oder weshalb ihre Erfindung nicht nur die Welt der Mode, sondern auch weitere wichtige Bereiche des Alltags beeinflusste.

Inwiefern sich die Verwendung von Textilfasern nicht nur auf den Bereich der Bekleidung beschränkt, sondern regelrecht bis unter die Haut geht, erläutert die Ausstellung mit einem Exkurs zur medizinischen Technik. Sehenswert ist außerdem ein Kleidungsstück mit ganz besonderen Schutzfunktionen, das von Technikern der Universität Liberec entwickelt wurde.

Die Vor- und Nachteile verschiedener Kunstfasern kann der Besucher schließlich auch auf der eigenen Haut spüren. Eine kleine Garderobe bietet eine Auswahl an Kleidungsstücken zum Anprobieren, die einen Überblick über die Trageeigenschaften der unterschiedlichen Stoffe vermittelt. So kann der Besucher im Voraus testen, worauf er beim nächsten Einkauf vielleicht lieber verzichtet.

Außen und innen (Vně a uvnitř). Kunstgewerbemuseum (Uměleckoprůmyslové muzeum, 17. listopadu 2, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10–18 Uhr, dienstags bis 19 Uhr, Eintritt: 80 CZK (ermäßigt 40 CZK), bis 11. Januar, www.upm.cz