Bilder einer verlorenen Welt

Bilder einer verlorenen Welt

Die Nationalgalerie präsentiert Henri Rousseau als Vorreiter der Avantgarde

27. 9. 2016 - Text: Franziska Neudert, Titelfoto: Musée d’Orsay

Zur Kunst kam Rousseau spät. Der gelernte Zöllner griff erst mit 40 Jahren zum Pinsel. Später ließ er sich pensionieren, um sich ganz der Malerei zu widmen. Mit seinen fantastischen Bildmotiven machte sich Rousseau allmählich einen Namen. Leuchtende Farben und klare Konturen kennzeichneten seinen Pinselstrich. Vor allem Künstler wie Brâncuși, Picasso, Delaunay und Apollinaire waren fasziniert und verehrten den Autodidakten als „Großvater der Naiven Malerei und des Surrealismus“. Die Kritiker hingegen spaltete Rousseau mit seinem naiven Malstil. Die einen warfen ihm vor, wie ein Kind zu malen und sich nicht weiterzuentwickeln, die anderen sahen in ihm einen Vorreiter der Avantgarde. Dass seine Gemälde einst in den großen Museen der Welt hängen würden, ahnte der Künstler kaum; von seinem Ruhm hatte er nicht viel.

Rousseau schlug sich eher schlecht als recht durchs Leben. Verschuldet geriet er hin und wieder mit dem Gesetz in Konflikt. So musste er sich beispielsweise wegen Scheckbetrugs vor Gericht verantworten. Mit seiner Frau Clémence Boitard hatte Rousseau neun Kinder, von denen ihn nur eine Tochter überleben sollte. Auch seine Frau verstarb früh – sie wurde gerade einmal 37.

Rousseaus Malstil war prägend für das Schaffen moderner Künstler. Vor allem die Surrealisten und die Künstlergruppe „Blauer Reiter“ schöpften aus seinem Werk. Die Ausstellung kontrastiert die berühmten Dschungel-Bilder Rousseaus mit exotischen Motiven von Max Ernst und Emil Filla. Den Porträts des Franzosen sind Gemälde von Frida Kahlo und Picasso zur Seite gestellt; seine städtischen Landschaften ergänzen unter anderem Bilder von Paul Signac und Georges Seurat.

Malířův ztracený ráj. Palác Kinských (Staroměstské nám. 12, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 240 CZK (ermäßigt: 140 CZK), bis 15.1.2017, www.ngprague.cz