Bewegende Details

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Das Nationale Technikmuseum zeigt Amateurfotografien von Karel Čapek und Přemysl Koblic

22. 4. 2015 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: Masaryk-Porträt von Karel Čapek,NTW

 

Insgesamt sieben Mal wurde Karel Čapek für den Literatur-Nobelpreis nominiert. Seine Romane erlangten Weltruhm und gehören bis heute zu den meistgelesenen Tschechiens. Auch als Dramaturg und Theaterregisseur machte sich der Ostböhme in den zwanziger und dreißiger Jahren einen Namen. Weniger bekannt ist hingegen sein fotografisches Werk, das Čapek mehr als Hobby ansah und das nun in Auszügen im Foyer des ersten Stockwerkes des Nationalen Technikmuseums zu sehen ist. Eine Etage tiefer stellt das Haus das Schaffen eines weiteren, außerhalb der Fachwelt gänzlich unbekannten Amateurfotografen vor. Der Prager Přemysl Koblic verdiente seinen Lebensunterhalt als Chemiker und bannte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und seinem Tod im Jahr 1955 das Alltagsleben in seiner Geburtsstadt auf Zelluloid.

Die faszinierendsten Arbeiten aus Čapeks privatem Fotografie-Vermächtnis stellen zweifellos die Porträts prägender Figuren des politischen und kulturellen Lebens der Ersten Tschechoslowakischen Republik dar. Szenen aus dem Leben des Schriftstellers selbst, seinem Bruder und bedeutenden Maler Josef oder des Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk vermögen den historisch Interessierten zu fesseln. So offenbaren Aufnahmen von Masaryk in intimer Atmosphäre und Freizeitkleidung bewegende Details.

Der Meister der utopischen Literatur versuchte sich auch an Stillleben in seiner Villa in Vršovice sowie in sozioethnologischen Feldstudien in der slowakischen Provinz. Für das Wochenmagazin „Pestrý týden“ veröffentlichte Čapek eine Serie mit dem Titel „Daschenka oder Das Leben eines jungen Hundes“, mit der er ausgiebig seinen Terrier porträtierte. Doch hier verringert sich die inhaltliche Relevanz von Čapeks Schnappschüssen erheblich – auch das eher durchschnittliche handwerkliche Können lässt sich nicht verleugnen.

Künstlerisch weit überzeugender, so muss man trotz der kulturhistorischen Bedeutung Čapeks festhalten, sind Přemysl Koblic’ Aufnahmen aus dem Prager Alltag der zwanziger bis frühen fünfziger Jahre. Seine Bilder erlauben eine beeindruckende Sicht auf das pulsierende Leben in den Straßen der Stadt: Spielende Kinder auf dem ungepflasterten Platz Jiřího z Poděbrad in Vinohrady, Eisenbahnarbeiter bei Florenc, Zeitungsburschen auf einer Moldaubrücke und ähnliche Motive schicken den Betrachter auf eine spannende Zeitreise. Dazu stellen die Kuratoren aktuelle Aufnahmen der von Koblic fotografierten Orte, um einen effektvollen Vergleich zu ermöglichen. 

Karel Čapek – Fotograf & Přemysl Koblic – eine Legende der tschechischen Amateurfotografie. Nationales Technikmuseum, geöffnet: Di.–Fr. 9 bis 17.30 Uhr, Sa. & So. 10 bis 18 Uhr, Eintritt (für das gesamte Museum): 190 CZK (ermäßigt: 90 CZK), bis 26. Juli bzw. 17. Mai, www.ntm.cz