Benutzen statt besitzen

Benutzen statt besitzen

Die Kleidertauschbörse votocvohoz.cz will verantwortungsvollen Konsum etablieren

21. 2. 2013 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: Votoč Vohoz

Kollaborativer Konsum war bereits 2010 laut „Times Magazine“ eine von zehn Ideen, die das Leben auf der Erde verändern werden. Das schwerfällige Schlagwort steht für ein einfaches Prinzip. Anstatt dass jeder für sich selbst viele neue Dinge kauft, organisieren sich Menschen, zumeist über das Internet, um Autos zu teilen, gemeinsam zu gärtnern oder um Urlaub in der getauschten Wohnung zu machen. Neudeutsch heißt das dann „Carsharing“, „Urban Gardening“ oder „House Swapping“. Es führt zurück zum sparsamen, verantwortungsvollen Umgang mit Konsumgütern.

Janet Lavicka, 26, will die Ökonomie des Teilens auch in der Heimat ihrer Eltern etablieren. Im Januar 2011 hat sie zusammen mit Lukáš Vala den „Kleiderkreisel“, eine Internet-Tauschbörse für gebrauchte Modeartikel, nach Tschechien gebracht. Hier heißt die Plattform „VotočVohoz“, frei übersetzt: „Dreh die Klamotten um“.

Sozialer Mehrwert
Wie man einen untragbar gewordenen Rock zum Kreiseln bringt, statt ihn einfach in die Tonne zu schmeißen, das erklärt Lavicka auf in ihrem Prager Büro. Mit ein paar Klicks auf dem Laptop legt sie ein Profil an, lädt ein Foto des Rocks samt Beschreibung hoch, gibt ihren Wunschpreis an und setzt ein Häkchen, um zu signalisieren, dass sie sich auch ein Tauschgeschäft vorstellen kann. Bis sich ein Kaufinteressent meldet, kann Lavicka in rund 600.000 Angeboten stöbern, im Forum über Modetrends diskutieren oder Schoko-Muffins nach dem Rezept einer der vielen „VotočVohoz“-Bloggerinnen backen.

Der wahre Mehrwert solcher Tauschbörsen ist schon laut der Erfinderin des „Benutzen statt Besitzen“-Prinzips Rachel Botsman der soziale. Wenn sich Nachbarn zum Beispiel eine Bohrmaschine gemeinsam zulegen, entstehen laut der Autorin des Buches „What’s Mine Is Yours: The Rise of Collaborative Consumption“ Gemeinschaften in einer von Individualität geprägten Gesellschaft. Das will auch Lavicka mit ihrer Kleidertauschbörse erreichen. Durch Tauschpartys, Fotowettbewerbe und Online-Diskussionen soll eine Community entstehen.

„Mich interessiert das vor allem von der kulturellen Seite her“, sagt Lavicka. Sie habe wissen wollen, ob der Gedanke des kollaborativen Konsums auch in Tschechien auf fruchtbaren Boden falle. Second-Hand-Mode sei in Tschechien ein Nischenphänomen und die Idee, ein Kleidungsstück durch Tausch zu erwerben für viele gewöhnungsbedürftig. Ein Blick auf die Nutzerstatistiken jedoch zeigt, dass Kleidertausch auch in Tschechien funktioniert. Nach knapp zwei Jahren zählt die Plattform fast 95.000 Mitglieder, mehr als 90 Prozent davon sind weiblich. Täglich kommen etwa 450 neue User hinzu. Getauscht oder verkauft werden jeden Tag um die 1.200 Kleidungsstücke.

Kleiderkreisel erobert Europa
Lavickas Familie, erzählt die gebürtige Wiesbadenerin schmunzelnd, schüttele noch immer den Kopf über sie. Mitte der 1980er sind ihre Eltern auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs geflohen. Dass sie knapp 30 Jahre später mit Business-Plänen „zurück in den Osten“ geht, sei für die Verwandten in České Budějovice noch immer unverständlich. Dabei ist der Kleiderkreisel ein Kind des vereinten Europas. Eine Freundin hat die Idee von einer Reise aus Litauen mit nach Deutschland gebracht. Heute sitzen in Vilnius knapp 40 Mitarbeiter – vor allem Programmierer. Von München aus entstand in Deutschland die größte Kleiderkreisel-Community mit einer halben Million User. Auch eine österreichische und eine polnische Version sind inzwischen online.

Der kollaborative Kleiderschrank ist in Tschechien bislang eine Erfolgsgeschichte – mit offenem Ende. Über Werbebanner auf der Seite komme laut Geschäftsführer Vala zwar Geld in die Kasse. Aber um das inzwischen auf vier Mitarbeiter angewachsene Prager Team und das spartanisch eingerichtete Büro bezahlen zu können, sei man bislang auf einen Investor angewiesen. „Im Laufe des Jahres wollen wir unabhängig von ihm sein und finanziell auf eigenen Beinen stehen“, sagt Vala.

Bis dahin wartet viel Arbeit auf das junge Team. Zwölfstündige Arbeitstage seien laut Lavicka keine Seltenheit. „Manchmal wächst mir das Projekt über den Kopf“, sagt die Slawistik-Studentin, die gerade an ihrer Bachelor-Arbeit schreibt. Es ist harte Arbeit. Manchmal, am Morgen in der Tram etwa, sieht sie, dass es sich lohnt. „Es ist schon toll, jemandem mit einem „VotočVohoz“-Anstecker zu begegnen. Man hat das Gefühl, etwas zu bewegen“, sagt Lavicka.



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