Bausätze der geistigen Welt

Bausätze der geistigen Welt

Bausätze der geistigen Welt

16. 4. 2014 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: Jakub Špurnýs „Tidings from closet nations“/DOX

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Das Kulturzentrum DOX bleibt seinem Ruf treu, besonders unkonventioneller, junger Kunst eine Bühne zu bereiten. Das beweist die Institution erneut mit ihrer aktuellen Schau „Over The Line – One way return ticket“. Ein ungewöhnliches Konzept gibt mehr als einem Dutzend Nachwuchskünstlern die Möglichkeit, ihr bisher unbekanntes Werk einem breiten Publikum vorzustellen.

Das Prinzip der von Tereza Jindrová kuratierten Schau lässt aufhorchen. Es fußt auf der sechsjährigen Tradition der Reihe „Below The Line“. Dabei wurden Werke von jungen Kreativen gezeigt, die es nicht geschafft hatten, an eine Kunsthochschule zu gelangen oder ihr Schaffen erfolgreich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Over The Line“ nimmt jenes Konzept auf und führt es weiter. Das DOX arbeitet hierbei mit Künstlern, die mindestens einmal in besagter Reihe vertreten waren, inzwischen aber von einer Hochschule aufgenommen wurden oder ein entsprechendes Studium bereits abgeschlossen haben. Anhand von jeweils vier verschiedenen Exponaten wird die handwerkliche und konzeptuelle Entwicklung der Ausstellenden veranschaulicht.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist der Fakt, dass die Schau über keine homogene inhaltliche Ausrichtung verfügt. So vermengen sich die unterschiedlichsten Darstellungsformen und Themen in einem wilden Potpourri. Zu Beginn empfangen den Besucher Fotografien des Kollektivs „Epos 257“. Wir sehen Strohballen fern ihrer ländlichen Herkunft inmitten urbaner Häuserzeilen, an Tankstellen oder riesigen Parkplätzen. Das Motiv der Entfremdung durchdringt auch die weiteren Schwarz-Weiß-Arbeiten, die „Epos 257“ für die Schau auswählte. Daneben steht Jakub Juráseks dynamische Holzplatten-Installation aus der Reihe „Tidings From Closet Nations“. Fünf Meter weiter konfrontiert uns Matyáš Trnka mit seinen teils interaktiven Comics.

Kritische Reflektion
Alle teilnehmenden Künstler waren aufgefordert, ihre Werke für „Over The Line“ selbst auszuwählen. Ein Exponat sollte aus der Zeit vor der Ausbildung stammen, zwei Werke mussten mit jeweils einer positiven und einer negativen Rückmeldung seitens der Dozenten aufwarten, während das letzte Stück eines sein sollte, das der Künstler gerne aus seinem Portfolio streichen würde.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk führt zu einer komplexen Dynamik zwischen den Exponaten. Für den Betrachter ist es spannend, herauszufiltern, wo und welche Entwicklung bei den Urhebern auszumachen ist.

Zu den beeindruckendsten Werken zählen Jakub Spurnýs „AM-Mono-Initial-Alphabet“ und Martina Kratochvílá-Štochovás Acryl-Gemälde. In ersterem stellt Spurný die lateinischen Lettern aus den Gliedern des menschlichen Körpers dar. Molekül-ähnliche Strukturen suggerieren die Abbildung der DNA als Grundelement der physischen Existenz, während die Buchstaben für die Bausteine der geistigen Welt stehen. Kratochvílá-Štochová schafft es in ihren großformatigen Bildern, eine berührende Intimität zu erschaffen. Das Kinder-Porträt „Ivana a Milena“ erinnert an impressionistische Verwünschung in Kombination mit postmoderner Dekonstruktion. Ein seltsamer, aber funktionierender Mix.

Vielfalt und Diversifizierung sind bei „Over The Line“ Trumpf. Das ist abwechslungsreich und spannend, verlangt vom Besucher aber auch einiges an Flexibilität und mentaler Frische, um die Eindrücke zu verarbeiten.

„Over The Line – One way return ticket“. DOX Centre for Contemporary Art (Poupětova 1, Prag 7), geöffnet: Mo.–So. 10–18 Uhr, Mi. & Fr. 11–19 Uhr, Do. 11–21 Uhr, dienstags geschlossen, Eintritt: 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), bis 30. Juni, www.dox.cz