Auf der Suche nach den verlorenen Geschichten

Auf der Suche nach den verlorenen Geschichten

Historiker der Universität Liberec forschen über verschwundene Orte in Nordböhmen. An ihrer interaktiven Landkarte kann sich jeder beteiligen

13. 10. 2016 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: Michal Polák/CC BY-SA 4.0

Anzeige

Jeder Ort hat eine Geschichte. Als nach dem Zweiten Weltkrieg knapp drei Millionen Sudetendeutsche ihre Heimat verlassen mussten, verschwanden mit ihnen auch hunderte Ortschaften von der Landkarte. Und mit ihnen ihre Geschichte. Daniel Vrbík will sie wieder aufspüren und den verlorenen Dörfern, Straßen und Plätzen ihre Namen zurückgeben. Seit einem Jahr arbeitet der Historiker mit anderen Wissenschaftlern der Technischen Universität in Liberec an einer interaktiven Karte. Sie sammeln historische Informationen über die Orte, die sich zwischen dem sächsischen Zittau und Vrchlabí (Hohenelbe) im Nordosten Böhmens befanden. Das Besondere daran: Jeder kann sich an dem Projekt beteiligen, das den Titel „Příběhy míst“ („Ortsgeschichten “) trägt.

Weil sich Vrbík nicht nur auf Materialien in Archiven berufen will, sondern lebendige Geschichten sucht, hat er die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, ihr Wissen auf einer Online-Karte zu teilen. Mitmachen können ehemalige Bewohner der Region, ebenso wie deren Nachfahren, Freunde, Bekannte oder Hobbyhistoriker. Per Mausklick können sie Namen, Legenden und Erzählungen zu Flüssen, Bergen, Dörfern, Wegkreuzungen und Gebäuden ergänzen. Die Grundlage bildet eine in der Region bis heute beliebte Karte des Kartografen Josef Matouschek aus dem Jahr 1927.

„Wir wollen möglichst viele verlorene Geschichten in Nordböhmen finden. Die Studie von Matouschek soll dabei als Vermittler dienen“, sagt Vrbík. Mit seinen detaillierten geografischen Abbildungen hat der Böhme, der von 1867 bis 1945 lebte, einen großen Beitrag zur Erschließung des Jeschken- und Isergebirges geleistet. Seine Karten würden bis heute genutzt und fänden sich in vielen Haushalten, so Vrbík. „Matouschek sprach mit den Bewohnern und nutzte diese Informationen für seine Landkarte. Deshalb sind darin viele ungewöhnliche Details enthalten, etwa kleine Wegkreuze und Denkmäler. Topografische Namen sind in der jeweils in der Region üblichen Variante verzeichnet, wir können also eine Sprachgrenze in der Karte ausmachen.“

Ein positiver Nebeneffekt seines jetzigen Projekts sei, dass auch ein Namensverzeichnis der Orte entstehe. Damit können Historiker und Sprachwissenschaftler vergleichen, wie die Orte damals hießen und wie sie heute genannt werden. „Das größte und wahrscheinlich am besten versteckte Ziel hinter der Arbeit ist aber meine Promotion“, gibt Vrbík zu. „Ich interessiere mich dafür, mit welchen Methoden man die Öffentlichkeit an der Entwicklung und Auswertung von Karten beteiligen kann. Mit dem Projekt versuche ich auch herauszufinden, welche Vor- und Nachteile eine solche Vorgehensweise hat.“  

Im vergangenen Jahr haben 19 Personen an der interaktiven Karte mitgearbeitet, insgesamt 167 neue Standpunkte benannt und 92 Geschichten rund um Gebirgsgipfel hinzugefügt. Aber so genau könne man das nicht sagen, meint Vrbík. „Denn ein für mich wiederentdeckter Ort ist für jemand anderen bekannt und umgekehrt.“ Ob er eine Lieblingsgeschichte habe? „Über den Buchberg im Isergebirge gibt es eine interessante Legende, die von einem Mädchen namens Iserina erzählt. Sie war die Tochter eines alten Grafen, der sie mit einem seiner Freunde verheiraten wollte. Aber Iserina lief weg und versteckte sich mit ihren Juwelen in einer Höhle am Buchberg. Heute kann man die Höhle nur zweimal im Jahr betreten. Man sagt, dass nur ein Sonntagskind den verlorenen Schatz darin finden kann.“  

Deutsche haben sich bisher noch nicht an dem Projekt beteiligt. „Der Grund dafür ist offensichtlich. Bisher haben wir leider nur eine tschechische Internetseite“, so Vrbík. Doch er hofft, dass die Seite weiter wächst und eines Tages mehrsprachig ist. Auch an der interaktiven Karte soll noch lange gebastelt werden. „Ich hoffe, sie wird ein endloses Projekt.“

Wer sich für Vrbíks interaktive Karte interessiert und sie erweitern will, kann unter https://mapy.fp.tul.cz/pribehymist eine Geschichte oder einen Ort ergänzen. Alle, die sich bis 30. November beteiligen, nehmen automatisch an einem Gewinnspiel teil. Als ersten Preis verlost Vrbík eine Kopie der historischen Karte Matouscheks.