Auf der Jagd nach dem ledernen Ei

Auf der Jagd nach dem ledernen Ei

Die Prague Black Panthers sind amtierender tschechischer Football-Meister. Einige Spieler wie Pavel Poříz stehen bereits seit der Vereinsgründung vor 25 Jahren auf dem Platz

23. 8. 2016 - Text: Helge HommersText: Helge Hommers; Foto: Jiří Granilla

Nur noch zwei Sekunden verbleiben im tschechischen Super Bowl 2016. Gegenüber stehen sich zwei Teams aus Prag. Die Black Panthers liegen mit 10:9 in Führung, doch die Lions haben noch eine letzte Möglickeit zu punkten. Tief in der eigenen Hälfte erhält Quarterback Matt Silva das Spielgerät und wirft eine „Hail Mary“ – einen weiten unkontrollierten Vorwärtspass – in Richtung der gegnerischen Endzone. Doch der „Alles-oder-nichts“-Versuch landet in den Armen von Black-Panthers-Quarterback Jan Dundáček. Anstatt den Ball an der 10-Yard-Linie zu sichern und damit das Spiel zu beenden, rennt der Routinier in die Endzone und lässt sich erst dort fallen. Es herrscht Verwirrung. Entscheiden die Schiedsrichter auf „Safety“ und ermöglichen den Lions einen weiteren Spielzug? Oder geben sie „Touchback“, was das Ende der Partie beim Stand von 10:9 bedeuten würde? Plötzlich rennen die Lions wild gestikulierend zu den Referees, während sich die Black Panthers in die Arme fallen und die vierte Meisterschaft in Folge bejubeln.

Die umstrittene Entscheidung sorgte nicht nur unter den Teams für Aufregung. Auch in der internationalen Sportberichterstattung und sogar beim Online-Auftritt der NFL wurde die Regelauslegung heiß diskutiert. „Darüber kann man schon streiten, aber so ist Football nun mal“, sagt Pavel Poříz, Präsident der Black Panthers. „Wir wollten das Spiel bereits vorher entscheiden, um gar nicht erst in so eine Situation zu kommen. Doch unser Plan ging nicht auf und so wurde es ein sehr intensives Finale“. Der 41-Jährige ist auch als Defensivspieler im Einsatz und steht bereits seit 1991 auf dem Platz.

Damals steckte American Football hierzulande noch in den Kinderschuhen. „In der Zeit kurz nach der Wende war alles, was aus den USA zu uns herüberkam, unglaublich interessant“, erzählt Poříz. „Eines Tages trugen zwei Football-Teams der U.S. Army, die in Deutschland stationiert waren, in Prag ein Freundschaftsspiel aus. Da haben ein paar Spieler der heutigen Black Panthers zugeschaut und kurz darauf den Verein gegründet.“ Zu der Zeit verfügte die tschechische Football-Szene noch nicht über die nötigen Strukturen, um einen Ligabetrieb auf die Beine zu stellen. Das geschah erst 1994, als nicht einmal eine Handvoll Mannschaften in der „Česká liga amerického fotbalu (ČLAF)“ antraten. Heutzutage sind es 24 Vereine, die in vier nach Spielstärke eingeteilten Ligen an den Start gehen.

Exotischer Sport
Und auch wenn die ersten Spiele noch mit notdürftiger Ausrüstung ausgetragen wurden und eher der Urform Rugby als dem modernen American Football ähnelten, kam der „exotische“ Sport beim Publikum gut an. Nach dem ersten Titelgewinn im Gründungsjahr der Liga spielten die Panthers – damals noch ohne den Namenszusatz „Black“ – im Super Bowl 1995 in Ostrava vor mehr als 4.500 Zuschauern und sicherten sich die zweite Meisterschaft in Serie. Auch international machten die Panthers auf sich aufmerksam und gewannen überraschend den „German Bowl Ost“. Nachdem man in der heimischen Liga den „Hattrick“ bejubelte, verlor die Mannschaft zwei Finalspiele hintereinander. In den darauffolgenden Saisons fanden die Panthers wieder zu alter Stärke zurück und feierten fünf Ligasiege in Folge. Danach waren es die Lions, die ihnen wiederholt den Titel streitig machten. Als auch noch die ebenfalls in Prag beheimateten Black Hawks zweimal in Serie die Meisterschaft für sich entschieden, kam es zu einer Fusion zwischen den Rivalen, die fortan als Prague Black Panthers antraten.

Höhepunkt im Jahr 2009
Trotz der 16 Titelgewinne ist der Rekordmeister weiterhin ein Amateurteam. Von ihrem Sport leben können nur die drei sogenannten „Imports“, die in der ČLAF pro Team erlaubt sind. Die externen Spieler stammen vorwiegend aus den USA und Kanada und werden häufig nur für eine Saison verpflichtet, um „die Spielstärke des Teams auf ein höheres Level zu bringen“, wie Poříz erklärt. „Doch in erster Linie wollen wir einheimische Spieler etablieren.“ Dass dies mit Bravour gelingt, zeigt neben den Erfolgen auf Vereinsebene auch ein Blick auf die Nationalmannschaft. Dort sind vor allem Spieler der Black Panthers vertreten. Momentan kämpft das Team um Quarterback Dundáček um die Teilnahme an der 2018 in Berlin ausgetragenen Europameisterschaft.  

Das erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte erlebten die Panthers 2009. Am Ende der Saison stand der Gewinn des EFAF-Cup – obwohl der Cheftrainer die Spiele aus gesundheitlichen Gründen teilweise nur per Videostream leiten konnte. Bereits im Jahr zuvor erreichten die Panthers das Halbfinale des internationalen Wettbewerbs, der in etwa mit der im Fußball ausgetragenen Europa League zu vergleichen ist. Damals scheiterte der Außenseiter nach 21:14-Führung noch knapp an dem haushohen Favoriten und späteren Titelträger Berlin Adler. Doch im Jahr darauf besiegten die Panthers im Halbfinale mit 21:3 die Amsterdam Crusaders, eines der ehemals besten Teams Europas. Im Endspiel trafen die Tschechen auf den französischen Vertreter und „Namensverwandten“ Thonon Black Panthers. Auf heimischem Rasen im Leichtathletikstadion von Slavia Prag siegte der Gastgeber, angeführt von Quarterback Jacob Shrum und Defensivmann Stanislav Jantoš, nach überragender Leistung und zwischenzeitlicher 28:0-Führung mit 35:12. Auch heute noch sind die Black Panthers das einzige Team aus dem ehemaligen Ostblock, das einen internationalen Titel gewann.

Dank des historischen Erfolgs erhielt der Verein das Angebot, auch in der österreichischen Liga (AFL) anzutreten. Die Panthers nahmen an. „Die Spiele dort sind auf einem wesentlich höheren Niveau als in der ČLAF“, sagt Präsident Poříz. Nichtsdestotrotz erreichte der Liganeuling in der Premierensaison unter acht teilnehmenden Teams einen respektablen fünften Platz. 2014 und 2015 schafften die Panthers sogar den Einzug in die Playoffs, wo sie aber beide Male im Halbfinale knapp unterlagen. In der vergangenen Spielzeit fanden wegen eines neuen Modus deutlich mehr Saisonspiele statt. Für die Panthers bedeutete das noch mehr Aufwand und Fahrerei, da auch in der ČLAF die Anzahl der Teams über die Jahre kontinuierlich stieg. „Nach den drei Monaten, in denen die Spiele vor den Playoffs ausgetragen werden, hatten wir bereits 20 Spiele in den Knochen. Das war einfach zu viel“, betont Poříz, dessen Team am Saisonende aus der AFL abstieg. In der kommenden Spielzeit werden die Black Panthers daher nicht in der zweithöchsten Liga Österreichs starten, sondern sich ganz auf die Titelverteidigung in der ČLAF konzentrieren.

Trainer gesucht
Wie lange Poříz den Verein noch leiten wird, weiß er selbst nicht. Denn bei den Black Panthers handelt es sich um eine Mitgliedervereinigung, die den Präsidenten für einen Zeitraum von vier Jahren wählt. Über das Management wird hingegen alle zwei Jahre abgestimmt. „Bei uns wird nichts über die Köpfe anderer hinweg entschieden“, sagt Poříz, dessen Verein neben der Herrenauswahl über ein Damenteam, eine Cheerleadergruppe und mehrere Jugendmannschaften verfügt. Zudem befindet sich eine „Flag Football“-Sparte, in der kontaktloser Football gespielt wird, im Aufbau.

Während für die Nachwuchs­teams bereits im September die neue Saison beginnt, steht die Herrenmannschaft erst im März wieder auf dem Platz. Wie der Kader am ersten Spieltag aussehen wird, steht daher noch nicht fest. „Wir haben noch nicht einmal einen Trainer. Aber dafür ist ja noch genügend Zeit.“ Poříz, der wie einige seiner Ü40-Teamkollegen jedes Jahr aufs Neue schwört, „endlich die Karriere zu beenden“, wird dann wohl trotzdem in seine bereits 24. Saison gehen.

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