Auch Dvořák war einmal ein Anfänger

Auch Dvořák war einmal ein Anfänger

Heiko Mathias Förster dirigiert in Prag die Uraufführung der Dvořák-Oper „Alfred“

10. 9. 2014 - Text: Corinna Anton, Foto: Dvořákova Praha

Eine Weltpremiere der besonderen Art erwartet die Zuhörer beim diesjährigen Klassikfestival „Dvořákova Praha“ („Dvořáks Prag“). Am 17. September wird im Prager Rudolfinum zum ersten Mal Antonín Dvořáks erste Oper „Alfred“ mit deutschem Originaltext erklingen. Es spielen und singen das Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks und der Tschechische Philharmonische Chor Brünn. Am Pult wird der deutsche Dirigent Heiko Mathias Förster stehen, der seit mehreren Jahren immer wieder mit tschechischen Orchestern zusammenarbeitet. Mit PZ-Redakteurin Corinna Anton sprach er über Anfängerfehler großer Komponisten, kulturelle Unterschiede bei der Probenarbeit und sein neues Engagement an der Janáček-Philharmonie in Ostrava.

Die Oper „Alfred“ dürfte selbst Dvořák-Liebhabern unbekannt sein, sie ist noch nie im Original aufgeführt worden. Was unterscheidet sie von anderen Werken des tschechischen Nationalkomponisten?

Heiko Mathias Förster: Das lässt sich einfach beantworten: Dass Dvořák ganz klar ein Anfänger war, als er sie schrieb. Als Komponist war er Autodidakt, er hatte zu dieser Zeit keine Ausbildung, keine Lehrmeister. Er hat zwar Bratsche studiert und gespielt, viel Musik erfahren, auch im Orchester jeden Abend Standard-Werke gespielt. Aber als Komponist war er 1870, als Alfred fertiggestellt wurde, noch ein Suchender, ein Schüler in der Entwicklung – wobei man sagen muss: ein sehr talentierter Schüler.

Wie äußert sich das in der Musik?

Förster: Er hat alles, was er kannte, was ihm gefiel, einfließen lassen. Man staunt beim Hören immer wieder und denkt: Moment mal, das kenne ich doch, das ist doch … Es bleibt aber dabei, dass man denkt, man kenne es, weil es so ähnlich klingt wie Mendelssohn, wie Schumann, wie Wagner. Wagner muss er sehr verehrt haben, er hat diesen Stil angewandt, war in der Harmonik seiner Komposition sehr mutig, sehr effektvoll.

Hat er auch Anfängerfehler gemacht?

Förster: Ja, man merkt, dass alles sehr ungeübt ist, manchmal ganz ungeschickt, vor allem in der Behandlung der Gesangsstimme. Vieles ist gegen die Stimme komponiert. Er wird zu dieser Zeit kaum Hilfe gehabt haben, keinen Sänger, der mal etwas ausprobiert hat. Es gibt einige Partien, die wir streichen mussten, die einfach nicht singbar sind, nicht ganze Personen, aber kleine Momente, mal zwei Takte, mal 20.

Wird man als Zuhörer auch finden, dass es manchmal komisch klingt?

Förster: Nicht komisch, aber man wird denken: Nanu, so kenne ich Dvořák ja gar nicht. Was ich mit mutiger Harmonik meine, wird der Zuhörer vielleicht staunend erleben, immer mit der Frage im Hinterkopf: Stimmt das wirklich? Ich kann sagen: Ja, es stimmt, ich habe das Original der Partitur in der Hand gehabt.

1938 wurde die Oper schon einmal aufgeführt …

Förster: Ja, allerdings in einer bearbeiteten Fassung auf Tschechisch. Man hat sich damals wahrscheinlich nicht getraut, eine Oper auf Deutsch herauszubringen, die auch noch im Wagner-Stil geschrieben ist. Ich glaube, dass wir mit der Aufführung der Originalfassung in deutscher Sprache die Überschrift Welterstaufführung verdient haben.

Die Oper geriet praktisch in Vergessenheit. Liegt das daran, dass sie ein Anfänger-Werk war?

Förster: Ich glaube, es schadete dem Stück, dass vermutlich kein Orchestermaterial hergestellt wurde. Damit landete es erst einmal in der Schublade. Dvořáks folgenden beiden Opern erging es ähnlich. Erst die vierte wurde geprobt, allerdings haben die Sänger gesagt: Das geht nicht, das kann man nicht singen. Dann kam die Oper Wanda, sie wurde aufgeführt und gedruckt. Dvořák ist in diesen Jahren zwischen der ersten und der fünften Oper natürlich einen weiten Schritt gegangen in der Entwicklung seiner Ästhetik, seines Stils. Es ist irgendwie logisch, dass er dann nicht mehr zurückgriff und viel Energie investierte, damit sein Anfängerstück, das er wohl nicht so toll fand, gedruckt und aufgeführt wurde.

Wo könnte man „Alfred“ nun in Dvořáks Gesamtwerk einordnen? Oder anders: Was ist dennoch so speziell daran?

Förster: Man muss sagen: Die erste Oper ist zwar kein Meisterwerk, trotzdem ist sie ein hoch talentiertes Werk von einem hoch talentierten Menschen, was vielen in Bezug auf Dvořák und in Bezug auf den Beruf Komponist Augen und Ohren öffnen wird. Diejenigen, die ihren romantischen Dvořák, den folkloristischen böhmischen Komponisten lieben, werden total überrascht sein, wo er mal angefangen hat, was er alles ausprobiert hat.

Kann das junge Komponisten auch ermuntern, die selbst noch auf der Suche sind?

Förster: Ja. Komponieren zu lernen ist genauso schwer wie Fahrradfahren oder Schlittschuhlaufen zu lernen. Es geht einfach nur über das Machen. Opernkomponist werden geht nur über das Opernschreiben. Bei Verdi war es übrigens ganz ähnlich: Er hat 27 Opern geschrieben, die ersten werden heute kaum gespielt. Erst bei den späten Werken stimmt jede Note. Auch ein Dirigent, der sich vor das Orchester stellt, reift erst durch die tägliche Arbeit mit den Instrumentalisten und den Sängern.

Wie ist es, wenn Sie als deutscher Dirigent den tschechischen Musikern zeigen wollen, wie sie „ihren“ Dvořák spielen sollen?

Förster: Ich glaube schon, dass eine tschechische Tradition beim Hörer und beim Ausführenden gestört wird, wenn ein Ausländer kommt und seine Meinung der Interpretation des Stücks umsetzt. Wobei das nicht heißen muss, dass seine Interpretation falsch oder schlecht ist.

Ist es für Sie besonders spannend, mit tschechischen Musikern tschechische Komponisten zu spielen?

Förster: Ja. Ich war sehr stolz darauf, dass mir die Prager Symphoniker vor zwei Jahren das Angebot gemacht haben, am Nationalfeiertag am 28. Oktober im Smetana-Saal (Konzertsaal des Prager Gemeindehauses/Obecní dům, Anm. d. Red.) das gesamte ¸Vaterland’ aufzuführen. Ich weiß, dass das für alle Beteiligten spannend war und der eine oder andere gerne mit mir über Tempi diskutiert hätte. Aber es kamen auch positive Rückmeldungen – das war schön. Es geht mir nicht darum, alles radikal anders zu machen. Aber ich hinterfrage die Tradition und wenn ich mir aus den Hinweisen der Partitur total sicher bin, probiere ich etwas Neues aus.

Sie sind seit der neuen Saison Chefdirigent der Janáček-Philharmonie in Ostrava. Was reizt Sie an der neuen Aufgabe?

Förster: Wenn ein Orchester am Tag nach einer Konzertbegegnung einstimmig entscheidet, dass ich der neue Chefdirigent sein soll, dann würde ich nicht im Traum darauf kommen, das abzulehnen. So eine tragfähige Übereinstimmung ist eine sehr gute Basis für ein produktives Miteinander. Das ist mir nach 25 Jahren Berufserfahrung bewusst. Es ist ein sehr begabtes Orchester mit großer Tradition und sehr homogen im Klang. Dass eine Gruppe von 17 ersten Geigen klingt wie aus einer Hand liegt möglicherweise daran, dass dieses Orchester aus Tschechen besteht. Viele kommen sicherlich aus der Region, viele von der gleichen Hochschule, vom gleichen Lehrer. Dadurch entwickeln sie eine andere Kraft als ein Orchester, das sehr durchmischt ist. Und es ist ein junges, kreatives Team. In Ostrava passt einfach alles.

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder mit tschechischen Orchestern zusammengearbeitet. Gibt es eigentlich kulturelle Unterschiede zu deutschen Ensembles?

Förster: Ein auffälliger Unterschied ist die freundliche Gelassenheit der Musiker in Tschechien. Da erlebt man in Deutschland manchmal eine unangenehme Verbissenheit, zuweilen auch eine Unnahbarkeit bei der Zusammenarbeit zwischen Gastdirigent und Musikern. Die aufmerksame und offene Art hier hat mir immer sehr gefallen.

Zur Person
Heiko Mathias Förster ist 1966 in Mecklenburg geboren. Von 2007 bis Ende der vergangenen Saison war er Musikdirektor der Neuen Philharmonie Westfalen. Zuvor dirigierte er unter anderem die Münchner Symphoniker. Seit einigen Jahren ist er außerdem immer wieder in Tschechien zu Gast, wo er unter anderem mit den Prager Symphonikern zusammenarbeitete. Seit dieser Spielzeit ist er Chefdirigent der Janáček-Philharmonie in Ostrava, will aber weiterhin auch in Prag dirigieren. Seinen Wohnsitz hat er deswegen nach Berlin verlegt, von dort aus seien Prag und Ostrava gut erreichbar. Die Konzertaufführung der Oper „Alfred“ dirigiert Förster am Mittwoch, 17. September um 20 Uhr im Prager Rudolfinum. Sein erstes Konzert mit der Janáček-Philharmonie in Ostrava gibt er am Tag darauf mit Werken von Leoš Janáček, Richard Strauss und Dimitri Schostakowitsch sowie mit dem Stargeiger Pavel Šporcl.



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