Als Castro den Exotensport rettete

Als Castro den Exotensport rettete

Bereits in den siebziger Jahren spielten Prager Studenten Base- und Softball. An Bedingungen wie heute bei den „Eagles“ war damals nicht zu denken

21. 9. 2016 - Text: Helge HommersText: Helge Hommers; Fotos: Jan Beneš und Eagles Praha

Es war eine Auslandsreise wie viele zuvor, die einigen Baseball­spielern aus der damaligen Tschechoslowakei beinahe teuer zu stehen kam: Ende der achtziger Jahre reiste die Gruppe für eine Reihe von Freundschaftsspielen auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs nach Mannheim. Die Behörden hatten die Fahrt nur unter bestimmten Auflagen genehmigt. Dazu gehörte unter anderem das Einreichen eines Berichts, in dem minutiös jedes Erlebnis und jede Begegnung nachgezeichnet werden sollte. Doch als ihr Mannschaftskapitän drei Monate später zur Anhörung bei der Polizei gebeten wurde, ahnte das junge Team, dass ihre „kriminellen Machenschaften“ aufgeflogen waren. „Sind Sie sicher, dass Sie in ihrem Bericht nichts vergessen haben?“, fragten die Polizisten den Vorgeladenen. „Ja, bin ich“, antwortete er. „Und wie kann es dann sein, dass darin kein Wort von Ihrem Spiel gegen die Amerikaner zu finden ist?“

Zum Glück für die Sportler kam es kurze Zeit später zur Samtenen Revolution, sodass der Fall in den Akten verstaubte. „Wir waren aber für mehrere Wochen ganz schön in Sorge, dass das schlimme Folgen für uns haben könnte“, gesteht Jan Bagin, damaliger Spieler des Teams und heutiger Präsident des Base- und Softballvereins Eagles Praha.

Wer die Gruppe angezeigt hat – ob es der Busfahrer war, jemand aus dem Team oder gar ein Spion – wissen die Beteiligten bis heute nicht bekannt. „Zumal wir ja gar nicht wussten, dass wir gegen ein amerikanisches Team spielen würden“, erzählt Bagin. Denn als die Mannschaft zugesagt hatte, spontan zu einem weiteren Freundschaftsspiel anzutreten, erhielt die Gruppe nur die Anweisung, einem Pkw zum Spielort zu folgen. Doch als der Wagen ein Schild mit der Aufschrift „U.S. Military Base“ und einen schwer bewaffneten Kontroll­punkt passierte, schwante der Mannschaft Böses. Was folgte, war jedoch eine „hochklassige und spannende“ Partie, wie sich Bagin erinnert, die allen Beteiligten „eine Menge Spaß“ bereitete.

Volkssport in Kuba
Zum ersten Mal griff der heute 60-jährige Bagin Mitte der siebziger Jahre zum Schläger. Damals entdeckte eine kleine Gruppe von Studenten die exotischen Sportarten Base- und Softball, die sich daraufhin auch in anderen Landesteilen verbreiteten. Als Grundlage dienten Regel­bücher aus den USA, die sich die jungen Leute über Umwege beschafften und eigenständig übersetzten.

Dass die Behörden die Ausübung des amerikanischen Sports tolerierten, lag an den guten Beziehungen zum karibischen Inselstaat Kuba. „Immer wenn uns jemand verbieten wollte, Base- oder Softball zu spielen, haben wir auf Fidel Castro verwiesen. Denn in Kuba war und ist Baseball immer noch Volkssport“, erzählt Bagin, der mit einigen Gleichgesinnten im Jahr 1981 den Verein TJ Sokol Praha 4 – Krč gründete.

Nicht nur die Mode hat sich inzwischen verändert.

Sie spielten damals auf Fuß­ball­plätzen, da es für richtige Baseball­felder weder genügend Platz noch genügend Geld gab. Neben Prag entstanden Teams in Brünn und Ostrava, die so oft es ging gegeneinander antraten. Und alle zwei Jahre durfte eine Delegation mit dem Bus die Grenze in Richtung Westen überqueren, um gegen Mannschaften aus Ländern zu spielen, in denen die Randsportart etablierter war.

Ihre Fahrten führte die Gruppe – meist eine Art inoffizielle Landes­auswahl – unter anderem nach Italien, in die Niederlande und nach Großbritannien, wo unter wesentlich besseren Bedingungen trainiert wurde. „Da haben wir gestaunt und davon geträumt, eines Tages auf einem ähnlichen Niveau üben zu können“, sagt Bagin, dessen Mannschaft über weitaus schlechteres Equipment verfügte als ihre Gegner. Ausrüstung zu kaufen und nach Prag mitzunehmen war ihnen aber nicht gestattet. Offiziell durfte die Reisegruppe überhaupt keine der westlichen Währungen mit sich führen. Doch Bagin und Co. fanden eine Lösung: Sie wechselten das Geld heimlich und schmuggelten die Schläger, Bälle und Handschuhe tief unten in ihren Sporttaschen über die Grenze.

Acker als Spielfeld
Das passende Fundament, um seinen Traum von einer ge­eigneten Heimstätte zu verwirklichen, fand Bagin im Jahr 1983 auf einem leeren Grundstück im Prager Stadtteil Krč. Umgeben von Wildwuchs und mit Schlammpfützen bedeckt, bildete die noch unebene Rasenfläche den idealen Untergrund für einen Baseballplatz. „Daraus ein Spielfeld entstehen zu lassen, wurde zu einem Lebens­traum“, sagt Bagin. Was fehlte, waren die finanziellen Mittel. Diese bekam der Verein aber noch vor der Wende bewilligt. Nach der Samtenen Revolution wurde das Gebiet allerdings privatisiert, weshalb die Baupläne wieder auf Eis gelegt wurden. Erst im Jahr 1993 hatte der Klub genügend Geld beisammen, um das Grundstück zu kaufen.

Die „Eagles“ trainieren in Prag mittlerweile auf fünf Spielfeldern, um die sie auch Teams aus dem Ausland beneiden.

Nur zwei Jahre dauerte es, da flogen über dem zuvor eher einem Acker als einem Sportplatz ähnelnden Boden die ersten Bälle. Es folgten weitere Umbauarbeiten, sodass auf dem Gelände heute fünf Spielfelder, ein Klubhaus, eine Sporthalle sowie Flutlichtanlagen stehen. Damit ist die Base- und Softball-Anlage eine der größten und modernsten Europas und auch für Fans aus Übersee ein echter Geheimtipp. Im Jahr 2002 benannte sich der Verein in SK Krč Altron um. Vor knapp sieben Jahren erfolgte aber ein erneuter Namenswechsel, um sich als eigenständige Sparte von anderen Sportarten des Vereins abzugrenzen. Seitdem laufen die Base- und Softballer als Eagles Praha auf.

Aktuell zählt der Verein mehr als 400 Mitglieder, was ihn zum größten Baseball- und Softball-Klub Tschechiens macht. Zahlreiche Jugendmannschaften und fünf Seniorenteams gehen für die Eagles auf Punktejagd – und das überaus erfolgreich: Sowohl die Baseball-Männer als auch die Softball-Herren und die Softball-Damen spielen jährlich um die Meisterschaft mit und blicken auf unzählige Titelgewinne. Der Schlachtruf „Fly, Eagles, Fly“ scheint den Teams in Grün-Weiß tatsächlich Flügel zu verleihen. Und die Beliebtheit steigt weiter, wie Bagin erzählt: „Mittlerweile sind so viele Kinder und Jugendliche im Verein, dass wir gar nicht genug Trainer bereitstellen können“.

Neidische Gegner
Ebenso erfreulich ist das inter­nationale Ansehen, das der Klub inzwischen genießt. Seit dem Jahr der Vereinsgründung laden die Eagles jeden Sommer zur „Pražský baseballový týden“ („Prager Baseball-Woche“). Bei jeder weiteren Ausrichtung kommen neue Teams aus mittlerweile mehr als 13 Ländern nach Prag und machen das Turnier zu einem der größten des Kontinents.

Zudem fand im April bereits zum 16. Mal die „Suma Pony League“ statt, bei der 48 Jugendmannschaften aus ganz Europa um die Qualifikation für die „World Series“ wetteifern. Letztere wird in den USA ausgetragen, wo die weltweit besten Nachwuchsteams gegeneinander antreten. „Die positive Entwicklung geht immer weiter. Sowohl was die Qualität der Spiele als auch die allgemeinen Strukturen angeht“, betont Bagin, seit inzwischen acht Jahren Vereinspräsident. Und auch die Mannschaften, zu denen der 60-Jährige als Aktiver noch neidisch aufblickte, lassen sich immer öfter in Prag blicken. „Mittler­weile gestehen sie uns, dass sie gerne unter den gleichen Bedingungen trainieren würden wie wir. Das macht uns schon ein wenig stolz“, betont Bagin.

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