Das alte Spiel

Das alte Spiel

Präsidentenwahlen in Tschechien: Zunächst galt Jiří Drahoš als Favorit für das höchste Amt im Staat. Doch vor der Stichwahl sehen viele Experten Miloš Zeman vorn. Das weckt Erinnerungen an ein anderes Duell

27. 1. 2018 - Text: Marcus Hundt

Havel, Klaus, Zeman – und nun Drahoš? Ob der ehemalige Vorsitzende der Akademie der Wissenschaften (AV ČR) tatsächlich zum vierten tschechischen Staatsoberhaupt gewählt wird, entscheidet sich an diesem Wochenende. Nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen sprach vieles für den Chemiker aus Mährisch-Schlesien. Doch das Blatt hat sich gewendet. Die meisten Politologen sehen mittlerweile Miloš Zeman vorn. Und auch die tschechischen Wettbüros favorisieren inzwischen den Amtsinhaber. Die letzten Umfragen vor der Stichwahl deuteten zumindest auf einen engen Wahlausgang hin. Was ist in den zwei Wochen zwischen den Wahlrunden geschehen? Wie konnte der 73-jährige Zeman im Endspurt aufholen?

Kurz nachdem feststand, dass Jiří Drahoš in der Stichwahl gegen Zeman antreten wird, verbrüderten sich drei seiner ärgsten Kontrahenten mit dem Wissenschaftler. Pavel Fischer, Michal Horáček und Marek Hilšer, die in der ersten Runde zusammen gut 30 Prozent der Stimmen erhielten, kündigten gemeinsam an, ihre Wahlkampf-Teams würden fortan für Drahoš weiterarbeiten. In mehreren Städten des Landes warben sie persönlich für Drahoš – in Brünn, Ostrava und Prag sogar mit ihm gemeinsam. Und auch die in der ersten Runde unterlegenen Kandidaten Mirek Topolánek und Vratislav Kulhánek appellierten an ihre Wähler, Ende Januar für Zemans Herausforderer zu stimmen. Allein Jiří Hynek und Petr Hannig, die insgesamt auf weniger als zwei Prozent der Stimmen kamen, sprachen sich vor der Stichwahl für Zeman aus.

Die Rechnung war einfach: Sollten Fischer, Horáček und Hilšer ihre Anhänger tatsächlich für Drahoš mobilisieren, so hätte Zeman in der Stichwahl kaum eine Chance. Obwohl dieser in der ersten Runde fast 39 Prozent holte, bräuchte er für eine erneute Amtszeit weitere 500.000 Stimmen. Das bezweifelten dann selbst die kritischsten Wahlbeobachter. Folglich setzte Fortuna, das größte Wettbüro Tschechiens, die Quote für einen Sieg von Drahoš direkt nach der ersten Wahlrunde auf 1,65. Zeman erhielt mit 2,2 eine weitaus schlechtere. Einen Tag vor der Stichwahl allerdings setzten die Buchmacher die Zeman-Quote auf 1,57 und die für Drahoš auf 2,45.

Sicher: Die Zahlen eines Wettanbieters sollten nicht überbewertet werden. Doch sie könnten im Falle dieses Zweikampfs auf einen Stimmungswandel in der Gesellschaft hinweisen, meint auch der Experte für Politik-Wetten Pavol Boško. Gegenüber dem Wochenmagazin „Respekt“ verglich er die Entwicklung mit den vorangegangenen Präsidentschaftswahlen: „Eine ähnliche Situation gab es vor fünf Jahren. In den ersten Tagen war Karel Schwarzenberg der haushohe Favorit, auf den die meisten gesetzt haben. Doch allmählich hat sich das dann umgekehrt.“

Zeitungsannonce gegen Karel Schwarzenberg (Januar 2013)

Neben den Wettquoten erinnert auch eine Negativ-Kampagne gegen Drahoš an den Wahlkampf von 2013. Damals war vor der Stichwahl zwischen Zeman und Schwarzenberg eine ganzseitige Anzeige in der größten Boulevard-Zeitung des Landes erschienen, in der Schwarzenberg unter anderem bezichtigt worden war, er würde die sogenannten Beneš-Dekrete als ungültig erachten und die Nachkommen der nach 1945 vertriebenen Sudetendeutschen entschädigen wollen. Darüber prangte in großen Lettern der Aufruf „Nevolte Karla Schwarzenberga“ – „Wählt nicht Karel Schwarzenberg!“ Wahlsieger Zeman versicherte zwar, er habe damit nichts zu tun, doch Experten waren sich einig: Die „sudetendeutsche Frage“ sowie Schwarzenbergs Herkunft hatten den damaligen Wahlkampf bestimmt und Zeman zum Sieg verholfen.

Zeitungsannonce gegen Jiří Drahoš (Januar 2018)

Fünf Jahre später erlebt Tschechien ein ganz ähnliches Szenario: Kurz nach der ersten Wahlrunde veröffentlichten die „Freunde von Miloš Zeman“ – der Präsident selbst gab sich erneut ahnungslos – eine Anzeige in den Zeitungen „Deník“ und „Právo“. Die Botschaft „Dieses Land gehört uns!“ war die gleiche wie 2013. Zeman wird erneut als Garant für Recht und Ordnung dargestellt, der Kontrahent als Unheilsbringer. Das Motto „Stoppt die Migranten und Drahoš – Wählt Zeman!“ zielte dabei auf die Ansicht des Herausforderers, „ein Land von über 10 Millionen Einwohnern kann ohne Probleme 2.600 Flüchtlinge aufnehmen“. Da das eine Mehrheit der Tschechen sicherlich anders sieht, setzte Zeman auch in diesem Wahlkampf auf die nationalistische Karte – unter anderem in den beiden Fernsehduellen gegen Drahoš.

One-Man-Show für ein Millionen-Publikum

Zeman gab sich nach seinem Etappensieg am 13. Januar kämpferisch und verkündete, er fühle sich „noch jung und voller Energie“. Seinem äußeren Erscheinen nach ist das zwar schwer zu glauben. Doch seine rhetorischen Fähigkeiten, die ihn bereits als Chef der Sozialdemokraten oder als Ministerpräsidenten auszeichneten, helfen ihm noch heute. Und weil er sich dessen durchaus bewusst ist, wünschte er sich zwischen den beiden Urnengängen gleich vier TV-Duelle gegen Drahoš. Sein Rivale allerdings wollte „die tschechischen Fernsehzuschauer nicht langweilen“ und mehr Zeit für eigene Wahlkampfauftritte haben. Drahoš setzte sich verständlicherweise durch: Es fanden – seinem Wunsch entsprechend – nur zwei Debatten zwischen den Kandidaten statt. Allerdings auch zwei ausführliche Fernsehinterviews mit dem Amtsinhaber. Schließlich wollte sich Zeman nichts von seinem Gegner vorschreiben lassen und das „Fernsehtheater“ nicht gänzlich verlieren. Vermutlich hat er es sogar gewonnen: Seine „One-Man-Show“ verfolgten bis zu 1,5 Millionen Zuschauer und erreichte eine Einschaltquote von über 30 Prozent.
 
In den beiden Duellen (bis zu 2,6 Millionen Zuschauer, Marktanteil bis zu 50 Prozent) trafen ein eher distanziert wirkender Professor und ein schlagfertiger Vollblutpolitiker aufeinander. Und so überrascht es auch kaum, dass diese Fernsehauftritte dem amtierenden Präsidenten nicht geschadet haben. Laut mehreren Experten für politisches Marketing konnte Zeman das erste Duell für sich entscheiden, das zweite endete mit einem Unentschieden.

Waffengesetze, die Rückgabe von kirchlichem Eigentum, die Finanzierung von Wahlkampagnen, Russlands Einfluss auf die tschechische Politik, die politische Krise nach den tschechischen Parlamentswahlen: Die beiden Kandidaten vertraten bei all diesen Themen recht unterschiedliche Ansichten. Für den Wahlausgang allerdings dürfte eher entscheidend sein, ob Zemans „nationalistische Karte“ auch dieses Mal sticht. Das Spiel mit der Angst, aber auch die Fürsprache von Premier Babiš und dessen Partei ANO für den amtierenden Präsidenten haben offenbar dazu geführt, dass der Kampf um die Prager Burg völlig offen ist.