18. Februar 2019,

Goethes letzte Liebe

08. 01. 2014

Vor über 190 Jahren verliebte sich Johann Wolfgang von Goethe in Marienbad in die mehr als 50 Jahre jüngere Ulrike von Levetzow

„Man spricht hier viel von zwei Fräulein von Levetzow, ohne die man Goethe selten oder nie in Marienbad zu sehen bekäme. (...) Man sagte vorige Woche sogar, er hätte die älteste geheiratet.“ (Karoline von Humboldt im August 1823) – „Du wirst schwer erraten, wer nach Dir als nächster heiraten will. Es ist Goethe, der in Böhmen ein Fräulein liebt. Das Mädchen ist ganz schwärmerisch für den Geheimrat eingenommen. (...) Ich hoffe, daß Goethe in einem Alter von 74 Jahren nicht so unweise handeln wird.“ (Charlotte Schiller im Oktober 1823)


Dies sind nur zwei Beispiele aus einer Lawine von Klatschblüten, die Johann Wolfgang von Goethe durch seine späte Leidenschaft für die blutjunge Ulrike von Levetzow in Marienbad selbst losgetreten hatte. Doch das Tuscheln am Weimarer Hof, der Tratsch im Kreis der Bekannten war Goethe stets herzlich gleichgültig. Im Gegenteil, er schien den fast täglichen Umgang mit der attraktiven, hochaufgeschossenen Baronesse, das gemeinsame Promenieren vor aller Augen und die abendlichen Tanzvergnügungen ungeniert zu genießen.

In den Jahren zwischen 1785 und 1823 unternahm Goethe 17 mehrwöchige Reisen nach Böhmen, deren Dauer zusammengerechnet gut drei Jahre ergibt. Zunächst führte ihn sein Weg nach Karlsbad und in dessen nähere Umgebung, später dann nach  Teplitz, Franzensbad und Eger. Erst 1821 bis 1823 verbrachte Goethe die Sommer hauptsächlich in Marienbad, damals noch ein junger, aufstrebender Badeort.

Die zahlreichen Aufenthalte in den böhmischen Bädern dienten Goethe nicht allein zur Förderung seiner Gesundheit. Er nutzte diese Zeit auch, um ungestört seinen eigenen Arbeiten und Interessen nachzugehen und zudem mit interessanten Menschen aus unterschiedlichen Nationen zusammenzutreffen. Ein Blick in die Tagebücher, in denen sich eine verwirrende Fülle von Namen aus dem mitteleuropäischen Adel findet, vermittelt eine Ahnung davon, dass es dem Dichter an Zerstreuung nicht mangelte. Und schließlich lockten ihn die heißen Quellen von Karlsbad, sich wieder seinem alten Steckenpferd hinzugeben: der Geologie. Meist in Begleitung kenntnisreicher Weggenossen aus Böhmen durchstreifte er die hügelige Gegend auf der Suche nach Gesteinsproben. Die Ergebnisse dieser Streifzüge können wir noch heute in Gestalt einer umfangreichen Mineraliensammlung im Goethehaus in Weimar bestaunen.

Ein Jahr vor seinem ersten längeren Aufenthalt machte Goethe Ende April 1820 auf seiner Reise nach Karlsbad einen zweitägigen Abstecher nach Marienbad. Er wollte von der landschaftlichen Umgebung, dem Fortschritt der Stadtentwicklung und sicher auch von den Unterkunftsmöglichkeiten einen Eindruck gewinnen. Es war ja bekannt, dass für die erste Badesaison 1815 noch Holzbauten als Logierhäuser dienten. Goethe schien von der „neuen bedeutenden Anstalt“ begeistert zu sein: „Mir war es, als befänd ich mich in den nordamerikanischen Wäldern, wo man in drei Jahren eine Stadt baut. Der Plan ist glücklich und erfreulich, die Ausführung streng, die Handwercker thätig, die Aufseher einsichtig und wach. (…) Nicht leicht habe ich etwas erfreulicheres gesehen.“

Er nahm auch Proben des Marienbader Wassers und ließ es nach seiner Rückkehr von der Universität Jena chemisch untersuchen. Über das günstige Ergebnis unterrichtete er Dr. Heidler, den er während der beiden Tage dort kennengelernt hatte und der später sein Kurarzt werden sollte.

„Glänzender Stern“
Nachdem Goethe in Weimar weitere gute Nachrichten vom Aufschwung des neuen Badeortes erhalten hatte, fasste er den Entschluss, 1821 ausschließlich in Marienbad zu kuren. Am 29. Juli traf er dort ein, noch ohne die leiseste Ahnung, dass er damit in einen Roman eintauchte, den Martin Walser fast 200 Jahre später mit „Ein liebender Mann“ betiteln sollte. Im damals prächtigsten Haus, dem Klebelsbergschen Palais, bezog er Quartier. Amalie von Levetzow wohnte mit ihren Eltern und ihren drei Töchtern, Ulrike (17), Amalie (15) und Bertha (13) ebenfalls in dem Palais, um dort den Sommer zu verbringen. Goethe hatte schon vor Jahren, 1806 in Karlsbad, die Bekanntschaft mit Amalie von Levetzow geschlossen, ihr wohl auch ein wenig den Hof gemacht und sich ihrer später „als eines glänzenden Sterns meiner frühen Horizonte gar gern“ erinnert. Ulrikes Mutter war jetzt mit 32 Jahren immer noch jung und anziehend, inzwischen Witwe und eine Liaison mit dem Eigentümer des Hauses, Graf Klebelsberg, eingegangen, der sein Palais großzügig der ganzen Familie zur Verfügung stellte. So weit die Ausgangssituation bei Goethes Ankunft.

Das Wetter war in den ersten drei Wochen denkbar schlecht, an die sonst so beliebten Promenaden und Ausflüge war nicht zu denken. So blieb dem Dichter viel Zeit zum Schreiben („Manches ausgearbeitet, vieles vorgearbeitet bringe ich mit …“) sowie für häusliche Geselligkeit, wobei Goethe als unermüdlicher Erfinder von Pfänderspielen glänzte und unterdes an Ulrike „als Töchterchen“ immer mehr Gefallen fand. Dass sie in ihrem Straßburger Pensionat noch nie etwas von Goethe gehört hatte, störte ihn nicht. Er widmete ihr ein Exemplar der noch druckfrischen „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, mit denen Ulrike aber wenig anfangen konnte. Schon nach kurzer Lektüre fragte sie nach der Vorgeschichte dieser „Wanderjahre“. Das gab Goethe Gelegenheit, ihr die „Lehrjahre“ in stundenlangen Sitzungen zu erzählen.

„Wie oft hab ich später bedauert, mir diese Erzählung nicht aufgeschrieben zu haben“, so Ulrike nach Jahrzehnten in ihren Erinnerungen. Der Grundstein für eine Freundschaft, vielleicht auch mehr, war gelegt, so dass Goethe nach seiner Abreise am 27. August seinem Sohn meldete, er sei „von Ulrike mit einigem Bedauern geschieden“.

Wehmut und Hoffnung
Im Jahr darauf, 1822, quartierte sich Goethe bereits am 19. Juni im Klebelsbergschen Hause ein, wo er erneut „die Familie“ versammelt vorfand. Der Marien­bader Polizeiinspektor Ignaz Kopfenberger wurde im Auftrag Metternichs verpflichtet, alles Verdächtige nach Wien zu melden. Da entging ihm auch Goethe nicht, der als Weimarer Staatsminister immerhin auch eine politische Figur darstellte. Die Spitzel aber konnten über ihn nichts politisch Relevantes erspähen. So bleibt es beim Klatsch: „Die Abende bringt derselbe größtenteils in der Gesellschaft der Familie von Levetzow zu, und erscheint vorzüglich an der Seite des ältesten Fräuleins, Ulrike von Levetzow …“ Metternich dürfte sich seufzend an seine eigenen böhmischen Amouren erinnert haben.

Dass Goethe von seinem zweiten Aufenthalt in Marienbad mit Trennungsschmerz und Hoffnungen schied, lässt sich dem Gedicht „Äolsharfen“ entnehmen: „Mir bleibt der einzige Genuß,/ Dein holdes Bild mir ewig zu erneuern“. Im Januar 1823 schrieb er an Ulrike: „Und so bleiben Sie überzeugt, daß meine schönste Hoffnung fürs ganze Jahr sey in den heiteren Familien-Kreis wieder hinein zu treten (…) Und also meine Liebste nehm ich Ihre töchterlichen Gesinnungen auch für die nächste Zeit in Anspruch.“

Doch zunächst galt es, im Februar 1823 eine schwere Herzerkrankung zu überwinden: „Der Tod steht an allen Ecken um mich herum.“ Mehrmals klagte Goethe: „Ich bin verloren.“ In Jena hatte man ihn schon totgesagt. Gegen den Willen der Ärzte bestand er energisch darauf, ihm Marienbader Wasser zu reichen: „Wenn ich denn doch sterben soll, so will ich auf meine eigne Weise sterben.“ Goethe überwand die Krankheit, fasste neuen Lebensmut, aber blühte erst vollends auf, als er im Juli erneut am Kreuzbrunnen in Marienbad stand.

Diesmal mietete er für sich und seine Bediensteten vier Zimmer in der „Goldenen Traube“, denn sein Gebieter, Großherzog Carl August, hatte die freien Zimmer im gegenüber gelegenen Klebelsbergschen Hause in Beschlag genommen. Erst neun Tage später trafen die Levetzows in Marienbad ein. Ab jetzt finden sich die fast täglichen Eintragungen im Tagebuch „bei der Gesellschaft“, „mit der Familie“ oder „auf der Terrasse“ als ständige Chiffren für Ulrike. Kein Zweifel, nun war seine Leidenschaft zu der mittlerweile 19-Jährigen, „der lieblichsten der lieblichen Gestalten“, voll entbrannt. Unübersehbar für die von Jahr zu Jahr zahlreicher gewordene Badegesellschaft, für die Augenzeugen ebenso wie für viele Nachgeborene, „eine böse, schöne, groteske, erschütternde Geschichte (…) mit schauerlich-komischen, hoch-blamablen, zu ehrfürchtigem Gelächter stimmenden Situationen“, wie Thomas Mann 1915 schrieb. Verständlich, dass die gerüchteweise Aussicht auf eine 19-jährige Schwiegermutter bei Goethes Sohn und Schwiegertochter in Weimar helles Entsetzen auslöste.

Missglückte Brautwerbung
Carl August machte nun für Goethe – ob auf dessen Veranlassung oder aus eigenem Antrieb, bleibt unklar – bei Ulrikes Mutter den Brautwerber. Sogar eine Pension von jährlich 10.000 Talern würde er Ulrike nach Goethes Tod aussetzen. Jedenfalls überlieferte es Ulrike so, wenige Jahre, bevor sie unverheiratet und hochbetagt 1899 starb. Auch, dass ihre Mutter sich mit ihr beriet und sie selbst zu dem Schluss gekommen sei, sie habe „Goethe sehr lieb, so wie einen Vater“, aber sie habe sich nicht in Goethes Familie drängen wollen. Und dann: „Goethe selbst sprach nie darüber, weder mit meiner Mutter noch mit mir.“ Die Levetzows übersiedelten bald nach Karlsbad, für Goethe wurde „in wenigen Tagen die belobte Terrasse zur vollkommenen Wüste“. Anfang August hatte Goethe noch seiner Schwiegertochter Ottilie mitgeteilt, „daß meine Gebrechen mich wenigstens nicht hindern vergnügt, ja beinahe glücklich zu sein. Grüße Ulriken (Ottilies Schwester, Anm. d. Red.), deren Name als vorzüglichstes Ingredienz dieser Zustände sich täglich erweist“. Jetzt klagte er ihr nach der missglückten Brautwerbung dunkel: „das Bittersüße des Kelchs, den ich bis auf die Neige getrunken und ausgeschlürft habe.“

Aber er gab die Hoffnung nicht auf. Über Eger reiste Goethe der Familie nach Karlsbad nach, beging am 28. August mit ihr bei einem gemeinsamen Ausflug nach Elbogen seinen 75. Geburtstag und genoss noch einige Tage des Zusammenseins. Aber es kam keine Wendung, am 5. September brach Goethe nach Weimar auf; es wird kein Wiedersehen geben. Von unterwegs, aus Eger, schickte er Ulrike ein Gedicht: „Am heißen Quell verbringst du deine Tage, das regt mich auf zu innrem Zwist; / Denn wie ich dich so ganz im Herzen trage / Begreif‘ ich nicht, wie Du woanders bist.“

Was er außerdem im Herzen trug, waren die ersten Verse der „Marienbader Elegie“, zunächst in der schwankenden Kutsche in einen Kalender notiert, schließlich nach Überarbeitung und Reinschrift mit 23 Strophen zu je sechs Versen eines seiner eindrucksvollsten lyrischen Werke, eine erschütternde Wehklage über das verlorene „Paradies“ der Liebe, die letzte Strophe in Rat- und Trostlosigkeit mündend wie sonst kein Gedicht von Goethe: „Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren, / Der ich noch erst den Göttern Liebling war; / Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren, / so reich an Gütern, reicher an Gefahr; / Sie drängten mich zum gabeseligen Munde, / Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.“

Liebesleid und Inspiration
Ulrike wird mit großem zeitlichen Abstand für sich kühl feststellen: „Keine Liebe war es nicht.“ – Für Goethe war es ein Sturz in den Abgrund.

Ihm half die dichterische Schöpfung, und zwar in zweifacher Hinsicht. Zunächst die Dichtung der Elegie selbst, und später, als er im November 1823 erneut schwer erkrankte, baute ihn sein Freund Carl Friedrich Zelter allein damit auf, dass er ihm die Elegie wieder und wieder vorlas. Dieser über seinen Besuch an Goethes Krankenbett: „Was finde ich? Einen, der aussieht, als hätte er die Liebe, die ganze Liebe mit aller Qual der Jugend im Leibe. Nun, wenn es die ist, er soll davonkommen! Nein! Er soll sie behalten, er soll glühen wie Austernkalk; aber Schmerzen soll er haben wie mein Herkules auf dem Öta! Kein Mittel soll helfen; die Pein allein soll Stärkung und Mittel sein. Und so geschah’s, es war geschehn!“ Dichtung als Lebensbewältigung, Freud hätte wohl von Sublimierung gesprochen.

Mit „der Familie“ blieb Goethe fortan in loser brieflicher Verbindung. Ob er noch leise Hoffnungen hegte? An seinem letzten Geburtstag, am 28. August 1831, schrieb er ihr, er habe das Glas mit den drei Namen der Töchter, das er 1823 in Elbogen als Geschenk erhalten habe, vor sich stehen, „das auf so manche Jahre zurückdeutet, und mir die schönsten Stunden vergegenwärtigt.“ Und versichert, „daß meine Gesinnungen unwandelbar bleiben.“

Text: Josef Füllenbach, Foto: APZ

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