Ein Filmmuseum für Tschechien

Ein Filmmuseum für Tschechien

Wie aus einem Studentenprojekt eine nationale Institution entsteht

10. 11. 2016 - Text: Katharina HaaseText: Katharina Haase; Fotos: NaFILM

An einem gewöhnlichen Nachmittag treffen sich drei Studenten der Filmwissenschaft im Café. Das Gespräch fällt auf die Geschichte der Kinemato­graphie in Tschechien, und zu ihrem eigenen Erstaunen stellen sie fest, dass es in der gesamten Republik noch kein Film­museum gibt. Das müsse man ändern, findet die Gruppe und beschließt, das erste nationale Filmmuseum zu gründen.

Fünf Jahre sind seitdem vergangen und die Idee wird bald Wirklichkeit. Noch in diesem Jahr zieht das Museum mit einer eigenen Ausstellung in den Palác Chicago an der Prager Nationalstraße (Národní třída). Die Räume haben sie vorerst für sechs Monate gemietet. Sollte sich das Konzept bewähren, kann der Vertrag jedoch verlängert werden.

„Begonnen haben wir mit Seminaren und Workshops an der Universität, in denen wir vor allem herausfinden wollten, ob die Gründung eines Film­museums überhaupt sinnvoll ist“, erzählt die Studentin Terezie Křížkovská, eine der Kuratoren des entstehenden Museums. „Viele Menschen denken, das Kino sei noch immer das beste aller Filmmuseen. Auch die Frage, ob wir das Projekt überhaupt umsetzen können, haben wir zunächst mit Experten diskutiert.“

Ein nächster Schritt war die Film-Ausstellung im Prager ­Museum Montanelli, die die Gruppe im vergangenen Jahr organisierte. Sie gaben ihrem Projekt den Namen „NaFilM“ für „Národní filmové muzeum“ (Nationales Film­museum). Die erste Ausstellung sollte ein „Trailer“ sein, erklärt Křížkovská. „Wir wollten zeigen, was wir uns unter einem Filmmuseum vorstellen.“

Niemand aus der Gruppe hatte Erfahrung als Kurator. Mit einem Stadtplan der Prager Galerien zogen sie los und hinter­ließen ihre Kontaktdaten dort, wo ihnen die Räume gefielen. Das Museum Montanelli sei „perfekt auf unser Konzept zugeschnitten“ gewesen. Dort präsentierten die Studenten Exponate zu drei Themen­bereichen der nationalen Filmgeschichte. Vertreten war unter anderem die Avantgarde, die auch in der neuen Schau behandelt wird.

„Es gab eine tschechoslowakische Filmavantgarde in den zwanziger Jahren, die heute fast vergessen ist“, sagt Křížkovská. „Einige Künstler filmten zum Beispiel schlicht ihre Dreh­bücher ab und ließen sie über die Leinwand laufen. Der Zuschauer musste dann seinen eigenen Film im Kopf entwickeln.“

Besucher sollen nicht nur Publikum sein, sondern auch selbst aktiv werden.

Thema der neuen Ausstellung wird auch die Entwicklung des Animationsfilms sein. Während die meisten Studios zwischen den fünfziger und siebziger Jahren darauf bedacht waren, menschliche Bewegungsabläufe möglichst authentisch darzustellen, nahm man sich in der Tschechoslowakei mehr künstlerische Freiheiten. Im Vordergrund stand die Geschichte, die man erzählen wollte, nicht eine genaue Abbildung der Wirklichkeit. In vielen dieser frühen Animationsfilme verstecken sich zudem verschlüsselte Botschaften. Die Macher von „NaFilM“ möchten den Besuchern das richtige Handwerkszeug vermitteln, damit sie diese entschlüsseln können.

Inspiration aus aller Welt
Die Gäste sollen aber nicht nur sehen und lesen, sondern die Geschichte des Films auch ertasten können. „Wir bauen die meisten unserer Exponate, etwa eine Laterna magica, selber nach, sodass man sie berühren und dadurch wirklich verstehen kann, wie sie funktionieren. Auch kann man eigene kurze Filme drehen.“

Ideen für ihr Museum holten sich die Studenten auch im Ausland. „Inspiriert haben uns nicht nur Museen, die sich auf Film spezialisiert haben, sondern auch andere Institutionen, die mit audiovisuellem Material arbeiten, wie das Jüdische Museum in Berlin oder die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.“

Ein Schwerpunkt der ersten Ausstellung, der sich auch in der neuen wiederfindet, lag auf Instrumenten, die bei den ersten Filmen eingesetzt wurden, um Geräusche zu erzeugen. Dazu gehören neben Windmaschinen und Musik auch kleine Geräte aus Holz. „In einem Artikel lasen wir von einer Firma Devoto, die Holzmöbel für Kinder herstellt. Da ein Teil unserer Exponate aus Holzinstrumenten bestehen sollte, mit denen man Hintergrundgeräusche erzeugen kann, wandten wir uns an die Firma. Anstatt uns Ratschläge zu geben, waren sie so begeistert von unserem Projekt, dass sie uns die Instrumente gleich gratis bauten.“

Zwar besteht das Team im Kern aus zwei Personen, an den Ausstellungen beteiligen sich jedoch viele freie Mitarbeiter, etwa Studenten der Architektur und Szenografie. Außerdem gibt es internationale Kooperationen. Anknüpfungspunkte dafür finden sich genug. Das beliebte Weihnachtsmärchen „Drei Hasel­nüsse für Aschenbrödel“ ist dafür nur ein Beispiel.

Finanziert wird die Initiative für ein nationales Filmmuseum mit staatlichen Zuschüssen, von privaten Unterstützern, Geldern der Universität und den Einnamen aus Crowdfunding-Kampagnen. Aufgeben sei nie eine Option gewesen, verrät Křížkovská. „Neben unserer Überzeugung von der Notwendigkeit eines nationalen Filmmuseums hat uns die finanzielle Unterstützung in der frühen Phase sehr geholfen. Wir hatten damit die Verantwortung, das Geld tatsächlich in eine Ausstellung zu investieren, denn was hätten wir den Menschen sonst sagen sollen?“

NaFilM. Palác Chicago (Národní třída 32, Prag 1). Die Ausstellung soll Ende November eröffnen.