Zwischen Traum- und Geldfabrik

Zwischen Traum- und Geldfabrik

80 Jahre Barrandov-Filmstudios: Ein Besuch der Ateliers im Prager Südwesten

13. 2. 2013 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: Stefan Welzel

 

Eine Berührung der Mauern widerlegt den schönen Schein: Diese Gebäude sind nicht aus Stein, sondern aus Pappe. Vor den Toren der Anlage liegt nicht die Ewige Stadt, sondern ein schlammiger Acker, dahinter die flimmernde Großstadt Prag. Das mittelalterlich anmutende Ensemble ist nichts als Attrappe.

Seit zwei Jahren dient es als Kulisse für die Fernsehserie „Die Borgias“, die auf dem Areal der Barrandov-Filmstudios gedreht wird. Auf einer Anhöhe im Südwesten der Hauptstadt legten hier im Stadtteil Barrandov 1931 die Brüder Miloš und Václav Hável – Onkel und Vater des späteren Präsidenten – den Grundstein für die Studios. Wie die kalifornische Traumfabrik Hollywood betteten sie diese in ein Villenviertel ein. Mit einer Fläche von einem Hektar, zehn Studios und über 2.500 Filmproduktionen gehören die Ateliers heute zu den größten und ältesten in Europa. Vor 80 Jahren kam mit „Mord in der Ostrovní-Straße“ („Vražda v Ostrovní ulici“) der erste Film von hier in die Kinos. Seitdem war Barrandov Filmstätte für unzählige tschechische Klassiker, etwa die Literaturverfilmung „Liebe nach Fahrplan“ („Ostře sledované vlaky“ von Jiří Menzel) oder Jan Svěráks „Kolja“, für Serien wie zum Beispiel „Pan Tau“, internationale Produktionen wie das Drama „Amadeus“ und Blockbuster wie „Die Chroniken von Narnia“ und „Casino Royale“.

Im Verborgenen
Wer die Studios besucht, spürt wenig vom Glamour des Filmgeschäfts, der sich über die Jahrzehnte hinweg in diesen Hallen abgespielt hat. Das liegt daran, dass laufende Produktionen von der Öffentlichkeit penibel abgeschirmt werden. „Das Vertrauen unserer Kunden verpflichtet uns zur Diskretion“, erklärt der Leiter der Marketing-Abteilung Jan Hlubek. Spätestens seitdem die Filmstudios in den neunziger Jahren in die private Hand des Großkonzerns Moravia Steel übergegangen sind, wurde Barrandov ein kommerzielles Unternehmen. Heimlichkeit scheint da dazuzugehören.

In den Gängen erzählen Plakate von der Filmgeschichte, die hier geschrieben wurde. Das Geschehen aber lief hinter den großen Türen ab, die stets sorgfältig verriegelt werden. Insgesamt zehn Filmateliers befinden sich in Barrandov, vier weitere im Stadtteil Hostivař, auf der anderen Seite der Stadt. Die ältesten beiden Studios in Barrandov stammen aus den dreißiger Jahren. Dort drehen gerade tschechische Großunternehmen ihre Werbespots. Hinter schweren Vorhängen, die in der Mitte des Raumes über etwa zehn Meter Länge von der Decke hängen, wird geschraubt und geschweißt: ein nachgestellter U-Bahn-Waggon soll der Reklame als Kulisse dienen. Die Wände der Studios werden von zweigeschossigen Laufgängen gesäumt. Wie der Fußboden sind sie aus Holz gefertigt, auf dessen Grund sich Kulissen besonders einfach und schnell befestigen lassen.

Die sogenannten „neuen Bühnen“ – drei Großraum-Studios aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges – sind in Gebäude 3 untergebracht. Joseph Goebbels ließ den funktionalistischen Bau errichten. Er sollte, sicher vor alliierter Bombardierung, zum größten Filmkomplex des Dritten Reiches werden. 1941 nahmen die Nazis die Bauarbeiten auf, beendet wurden sie bis Kriegsende nicht. Mit der Größe eines halben Fußballfeldes sind die Ateliers heute noch die Hauptattraktion auf dem Gelände. Die langen Gänge mit ihren schlichten Bauhaus-Leuchten erinnern an ein Schulhaus. Hinter den zahlreichen Türen könnten sich Klassenzimmer verbergen, würde die Aufschrift nicht anderes verheißen. „Stillkings“ so der Name der internationalen Produktionsfirma, die hier am Dreh der Kriminalserie „Crossing Lines“ arbeitet. Auch diese Türen bleiben verschlossen. Von einer Kamera oder Hauptdarsteller Donald Sutherland keine Spur, ebenso wenig von den insgesamt 170 Angestellten, die für die Filmstudios arbeiten.

Von der Märchenbraut bis Pan Tau
Belebt ist es in dem riesigen Kostümfundus. Auf drei Etagen nähen, ordnen und dekorieren Mitarbeiter. Über 260.000 Kleidungsstücke aus sämtlichen Epochen lagern im Kostümdepot. Dazu kommen Möbel, Perücken, Schmuck und andere Accessoires. Wegen der zahlreichen Märchenfilme, die in den siebziger Jahren entstanden, hat sich der „Barock“ als thematischer Schwerpunkt herausgebildet. Viele Kostüme gehören zum Nationalen Kulturerbe und werden nicht mehr verliehen, zum Beispiel die Gewänder des Märchenklassikers „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. In der Nachbarhalle, irgendwo zwischen den herrschaftlichen Roben der Tudors und den Rollkragenpullovern von Pat und Mat, harren die Überbleibsel eines alten Bekannten ihrer Dinge: Nadelstreifenanzug, Regenschirm und Melone des stummen Zauberers „Pan Tau“.

Nur wenige Schritte entfernt, steht der jüngste Bau des Barrandov-Areals: der Filmkomplex Max. Vor sieben Jahren gingen die insgesamt drei Studios mit modernster Technik in Betrieb. Wenn die beiden schalldichten Trennwände zwischen ihnen demontiert werden, entsteht das größte Innenraum-Atelier Europas. Internationale Filmemacher nutzen die Studios, zuletzt waren sie Kulisse für den amerikanisch-koreanischen Science-Fiction-Thriller „Snowpiercer“.

Kunst oder Kommerz?
Doch nicht nur Filmklappen fallen in Barrandov. Das Unternehmen bietet von Bühnenbild über Filmschnitt bis hin zur Synchronisation so ziemlich jede Leistung rund um den Film an. Lag der Fokus früher auf heimischen Produktionen, hat sich die Filmfabrik seit der Wende den veränderten Bedingungen der Branche angepasst.

Heute drehen hier vor allem ausländische Filmemacher. Um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben, gibt es seit 2010 eine staatliche Filmförderung. Entscheidet sich eine ausländische Firma zum Filmdreh in Tschechien, erhält sie 20 Prozent ihrer Investitionen zurück. Der staatliche Topf hält hierfür etwa 20 Millionen Euro bereit – eine Summe, die sich im Filmmetier schnell erschöpft.

Hlubek ist aber optimistisch, verfügt man doch nicht nur über modernste Technik, sondern auch eine der schönsten Stadtkulissen der Welt. „Was kann es Besseres für einen Filmemacher geben? Hat er sich für Barrandov entschlossen, bekommt der das Panorama Prags quasi gratis dazu.“

Hlubek ist begeistert von seiner Traumfabrik. Barrandov sei beliebt und in den kommenden zehn Monaten gut gebucht. Ob es sich dabei um Dreharbeiten für populäre Kassenschlager, Werbespots oder anspruchsvolles Fernsehen handelt – man erfährt es nicht. Immerhin, so viel lässt sich entlocken: Das millionenschwere Fernsehprojekt um das spanisch-italienische Adelsgeschlecht „Borgia“, das in der altrömischen Pappkulisse spielt, geht in die nächste Runde. Im Sommer soll die dritte Staffel gedreht werden. Fortsetzung folgt.



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