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Sanfte Therapiemethoden sollen den Kampf gegen Alkoholismus effektiver gestalten. Gesundheitsminister plant schärferes Gesetz

13. 2. 2013 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: APZ

Die Zahlen sind erschreckend: Im Schnitt trinkt jeder Tscheche 16,61 Liter puren Alkohol im Jahr, eineinhalb Liter davon sind nicht mit einer Steuerbanderole versehen. Das geht aus Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO hervor. In der EU sind die Tschechen damit trauriger Spitzenreiter. Der Durchschnitt in allen 27 Mitgliedsstaaten liegt bei 12,45 Liter legalen und 1,6 Liter illegalen Spiritus.

Und auch wenn das Statistikamt in Prag die WHO-Angaben als zu hoch einschätzt, sind sich der Gesundheitsminister und Suchtärzte einig: Gegen den Alkoholismus im Land muss etwas getan werden.
„Je mehr Abhängige und Risiko-Konsumenten sich einer Behandlung unterziehen, desto weniger sterben an den Folgen von Alkoholkonsum“, so der nüchterne Kommentar des Vorsitzenden der Gesellschaft gegen Suchtkrankheiten Petr Popov. Helfen soll der „Nationale Aktionsplan“, den Popov in der vergangenen Woche vorgestellt hat. Die entscheidende Neuerung: Die Ziele der Therapien sollen flexibler gestaltet werden. So würde man sich bei manchen Patienten auf die Reduzierung des Konsums konzentrieren, anstatt auf Abstinenz zu beharren. Künftig sollen Alkoholkranke auch ambulant behandelt werden können.

Lars Møller, Leiter des Programms „Alkohol und illegale Drogen“ im Europa-Büro der WHO, begrüßt die Bemühungen der tschechischen Kollegen. „Es gibt effektive medizinische und psychologische Behandlungsmethoden, die gezielt darauf verzichten, aus den Patienten Abstinente zu machen“, so der Däne Møller gegenüber der „Prager Zeitung“. Im Gegenteil, die Ergebnisse der Abstinenz-Methoden seien recht negativ.

Bei Ausnüchterung Anruf
Noch wichtiger als effektive Therapien sei es jedoch, das Problem bei der Wurzel anzupacken. „Wir wissen heute, dass es sehr schwierig ist, den Gesamtkonsum zu senken, wenn sich die Politik nicht auf Preisniveaus, Werbung und Verfügbarkeit von Alkohol konzentriert“, erklärt Møller in seinem Büro in Kopenhagen. Deshalb empfiehlt der „Aktionsplan zur Verringerung des schädlichen Konsums von Alkohol 2012–2020“ der WHO Maßnahmen wie höhere Preise, striktere Werberegulationen, konsequente Handhabung von Altersbeschränkungen oder das Reduzieren von Verkaufsstellen.

Gesundheitsminister Leoš Heger (TOP 09) scheint diese Empfehlungen ernst zu nehmen. In seiner Schublade liegt der Entwurf für ein neues Raucher- und Alkoholgesetz. Bald soll im Parlament darüber abgestimmt werden, ab 2014 soll die Novelle Gültigkeit erlangen. Dann soll nicht nur der blaue Dunst aus den tschechischen Restaurants und Bars verschwinden, auch soll Alkohol nicht mehr an Automaten und Imbissständen verkauft werden dürfen. Weitere Punkte: Strafen für den Verkauf an Minderjährige in Millionenhöhe sowie Meldungen an Kinderarzt, Eltern und Sozialamt, sobald ein Minderjähriger in einer Ausnüchterungszelle landet. Außerdem möchte man Restaurants dazu verpflichten, mindestens ein Getränk anzubieten, dass günstiger als Bier ist. Während sogar die Opposition Beifall pflichtet, möchte die Vereinigung der Hotel- und Restaurantbetreiber (AHR) vor allem gegen letztere Maßnahme rechtliche Schritte einleiten. Laut dem Vorsitzenden Václav Stárka handelt es sich um eine unrechtmäßige Form der Preisregulierung.

Der Fokus der Suchtärzte liegt jedoch vorerst auf Schadensbekämpfung. Das neue Therapieprogramm, das mittels sanfterer Methoden mehr Alkoholkranke zur Behandlung locken soll, wird zunächst an einer Gruppe von Trinkern zwischen 25 und 40 getestet. Eine Kombination von Psychotherapie und Medikamenten soll diesen Männern die Kontrolle über ihr Trinkverhalten zurückgeben, noch bevor sie in die schlimmste Suchtphase abrutschen.

Gleichzeitig wird über die Höhe eines Kassenbeitrags zur neuen Therapieform diskutiert: eine Investition, die sich gesamtgesellschaftlich rechnet, meint Michal Miovský, Vorstand des Zentrums für Adiktologie an der Prager Karls-Universität. 12,5 Prozent der Männer und 2,7 Prozent der Frauen seien in Tschechien alkoholkrank. „Die Kosten dafür werden auf bis zu 16,4 Milliarden Kronen jährlich geschätzt“, sagt Miovský.

Laut Petr Popov von der Gesellschaft gegen Suchtkrankheiten habe die Methanol-Affäre im Vorjahr gezeigt, wie sehr die Gefahren von Alkohol unterschätzt werden. Gepanschter Schnaps hatte im Herbst zu einem teilweisen Verkaufsverbot von Hochprozentigem geführt, bis heute sind mindestens 39 Menschen an dem giftigen Alkoholersatz Methanol gestorben.



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