Zeit der Diebe

Zeit der Diebe

Vor 25 Jahren kämpften die Tschechen für den demokratischen Umbruch – und bald darauf mit steigender Kriminalität

29. 10. 2014 - Text: Marcus HundtText: mh/čtk; Foto: Matteo Parrini

 

Heute muss man Angst haben, wenn man abends allein auf die Straße geht. Früher gab es viel weniger Überfälle und Einbrüche, auch Diebstähle gab es kaum. Und: Gerade Jugendliche neigen immer häufiger zu Gewalt – Schuld an ihrem aggressiven Verhalten sind das Fernsehen und Computerspiele. Stimmen diese landläufigen Meinungen wirklich? War das Leben vor der politischen Wende im Jahr 1989 tatsächlich sicherer?

Laut dem Leiter des Kriminologischen Instituts in Prag (Institut pro kriminologii a sociální prevenci, IKSP) Miroslav Scheinost bedeutete das Ende des sozialistischen Regimes vor 25 Jahren ohne Frage eine Zäsur. „Plötzlich hatten wir mit Fällen von Kriminalität zu tun, die wir hier zuvor überhaupt nicht kannten – etwa Wirtschaftskriminalität und Straftaten, die sich gegen persönliches Eigentum richteten“, sagt Scheinost. Im Sozialismus herrschten also Sicherheit und Ordnung? Nein, meint die Psychologin Alena Marešová, die ebenfalls am IKSP arbeitet. Im damaligen Jargon sei jedoch eher von „Diebstahl sozialistischen Eigentums“ die Rede gewesen. „Wenn man die Delikte, die hinter diesem Begriff stehen, mit den heutigen Statistiken vergleicht, würde man feststellen, dass sich die Zahlen gar nicht so sehr voneinander unterscheiden“, sagt Marešová.

Nach der marxistisch-leninistischen Anschauung entsprang Kriminalität allein den gesellschaftlichen Verhältnissen des Kapitalismus. Doch auch im Sozialismus, sei es in der Tschechoslowakei, in Polen oder in der DDR, gab es natürlich Kriminelle, deren Zahl – anders als offiziell verkündet – nicht merklich zurückging. Verbreitet waren neben dem „Diebstahl sozialistischen Eigentums“ vor allem das sogenannte „Rowdytum“ und Körperverletzungen, gerade bei Jugendlichen. Allerdings: Gewalt auf offener Straße, Einbrüche oder Taschendiebstähle kamen aufgrund der „sozialen Kontrolle“ und der staatliche Repression weitaus seltener vor als beim Klassenfeind. Doch der politische Umsturz sorgte schließlich auch hier für mehr Unsicherheit.

Die Zahl der registrierten Straftaten schnellte in den neunziger Jahren in die Höhe: Lag sie im Wendejahr 1989 noch bei etwa 120.000, war sie ein Jahr später fast doppelt so hoch. Ende der Neunziger erreichte sie einen Rekordwert von knapp 427.000. „Verantwortlich dafür war vor allem die beträchtliche Zunahme von Eigentumsdelikten“, weiß IKSP-Leiter Scheinost. Die tschechoslowakische Bevölkerung wurde nach 1989 nicht nur mit neuen Formen der Kriminalität konfrontiert, über die Medien erfuhr sie zum ersten Mal auch offen und ausführlich von schweren Verbrechen.

Dass gerade die Zahl der Eigentumsdelikte regelrecht explodierte, begründen Experten vor allem mit dem immensen Warenangebot und seinen Konsumanreizen. Damit sei der Weg für die moderne Massenkriminalität auch in den Ländern des einstigen Ostblocks geebnet worden.

Die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs durchlässiger gewordenen Grenzen hätten laut Scheinost kaum eine Rolle für die gestiegene Kriminalität gespielt. „Äußere Einflüsse wie illegale Einwanderung oder organisierte Prostitution lassen sich anhand von Polizeiberichten erst um das Jahr 1995 feststellen“, erklärt der Experte. Gleichzeitig räumt er mit dem auch in Tschechien verbreiteten Vorurteil auf, wonach die hohe Zahl an Straftaten vor allem auf Ausländer zurückzuführen sei. Egal ob man sich aktuelle Statistiken oder solche von vor 20 Jahren anschaue: Scheinost zufolge seien zu jeder Zeit nur etwa 6,5 Prozent der Straftaten von Ausländern begangen worden. In Deutschland oder Österreich schwankt dieser Wert seit 2007 zwischen 21 und 30 Prozent.

Genauso wie die damalige Tschechoslowakei nach 1989 sei auch das heutige Tschechien ein Transitland zwischen Ost und West – für Flüchtlinge, Schmuggler und Straftäter. „Ausländer ruhen sich bei uns eher aus und lecken sich die Wunden“, sagt IKSP-Mitarbeiterin Marešová. Dass der Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union (2004) und zum Schengen-Raum (2007) nicht, wie von deutschen und österreichischen Politikern befürchtet, zu einem Exodus von Verbrechern und einer steigenden Kriminalitätsrate führen würde, wusste die Psychologin bereits vorher. „Wir sind ein kleines Land, so viele Verbrecher haben wir nicht“, persifliert Marešová das Klischee vom „bösen Osten“. Gleichwohl gibt sie zu, dass Kfz-Diebstähle in Tschechien nach wie vor – vor allem im Vergleich mit Deutschland und Österreich – ein großes Problem darstellen. Auf der anderen Seite geschehen hierzulande deutlich weniger Gewaltverbrechen und Raubüberfällen als in den deutschsprachigen Nachbarländern.

Laut Statistiken wurden die meisten Straftaten in Tschechien in den Jahren 1998 und 1999 registriert. Seit dieser Zeit ist die Kriminalitätsrate rückläufig. 2013 ging die Polizei über 325.000 Delikten nach, etwa 200.000 davon blieben unaufgeklärt.

Aus kriminologischer Sicht läutete das Jahr 1999 nicht nur für Tschechien eine Wende ein. „Die Kriminalität ging damals überall in Europa zurück, auch in Nordamerika und Asien“, erklärt Miroslav Scheinost. Das digitale Zeitalter war endgültig angebrochen. „Einige Formen der Kriminalität verlagerten sich ab dieser Zeit ins Internet und in die sozialen Netzwerke, wo alles verdeckter abläuft. Cyberkriminalität ist viel schwieriger aufzudecken. Auch die Strafverfolgung ist komplizierter“, erläutert Scheinost. Dass sich unter den heutigen Kriminellen mehr Kinder und Jugendliche befinden, habe seiner Ansicht nach nicht nur etwas mit dem veränderten Medienverhalten zu tun. Auch der demographische Wandel spiele eine wesentliche Rolle.

In jüngster Zeit hat Scheinost ein weiteres Phänomen ausgemacht, das es in dieser Form weder vor noch nach der politischen Wende gegeben hätte: Wiederholungstäter. Früher seien nur wenige überführte Verbrecher ein zweites Mal auf „dumme Gedanken“ gekommen. Im vergangenen Jahr hingegen musste die Polizei feststellen, dass ihr jeder zweite Straftäter, insgesamt 52,63 Prozent, schon einmal über den Weg gelaufen war. 

Fragwürdige Statistiken: Ist der Osten wirklich sicherer?

Wo in Europa lebt man am gefährlichsten? Die meisten Straftaten – Einbrüche, Diebstähle, Raubüberfälle, Körperverletzungen und sexuelle Übergriffe – wurden laut den Daten des Europäischen Statistikamts (Eurostat) für das Jahr 2009 in Deutschland registriert. Mit 6,054 Millionen Verbrechen lag das Land deutlich vor Großbritannien (4,786 Millionen) und Frankreich (3,521 Millionen). Da sich die Zahlen der bevölkerungsreichsten EU-Staaten nur schwer mit denen kleinerer Staaten vergleichen lassen, geben die folgenden Ranglisten das Verhältnis zwischen der Anzahl polizeilich gemeldeter Straftaten und der Einwohnerzahl des jeweiligen Landes wieder. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden, ist demnach in Zypern am geringsten und in Schweden am größten. Zudem befinden sich gleich sieben ehemalige Ostblockstaaten unter den zehn sichersten Ländern Europas, kein einziger unter den zehn unsichersten. Der Skeptiker fragt sich, ob Straftaten in diesen Ländern womöglich seltener bei der Polizei gemeldet und die einheitlich geregelten Erfassungskriterien für EU-Mitgliedstaaten (und die Schweiz) auch tatsächlich eingehalten werden. Zudem werden Morde und Diebstähle, also schwere und leichte Vergehen, in dieser Statistik gewissermaßen gleich gewertet. Mancher „Ostalgiker“ wird die Ranglisten hingegen verteidigen, schließlich entspringt Kriminalität dem Kapitalismus – eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform, die es vor 1989 nur westlich des Eisernen Vorhangs gab.   (mh)

Die sichersten Länder

01. Zypern
02. Rumänien
03. Bulgarien
04. Slowakei
05. Litauen
06. Lettland
07. Polen
08. Malta
09. Tschechien
10. Griechenland

Die unsichersten Länder

01. Schweden
02. Belgien
03. Dänemark
04. Schweiz
05. Finnland
06. Großbritannien
07. Niederlande
08. Deutschland
09. Österreich
10. Luxemburg

Berechnungen: PZ, auf Grundlage der Daten von Eurostat (2009), Anm.: Irland ist aufgrund fehlender Angaben nicht berücksichtigt worden



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