Ein Test für die Freiheitsliebe der Tschechen

Ein Test für die Freiheitsliebe der Tschechen

Der russische Künstler Oleg Worotnikow wurde in Prag festgenommen und wieder freigelassen. Das Auslieferungsverfahren läuft noch – und der Aktivist macht sich in Tschechien nicht nur Freunde

5. 10. 2016 - Text: Corinna AntonText und Foto: Corinna Anton

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Ein Freitagabend an der U-Bahn-Station Vltavská im Prager Stadtteil Holešovice. Treffpunkt „beim Aufzug“, hatte Oleg Worotnikow geschrieben. Aber der Künstler, der ehemaliger Ko-Kurator der „Berlin Biennale“ ist und von den russischen Behörden mit einem internationalen Haftbefehl gesucht wird, ist nirgends zu sehen. Beim Aufzug sitzen nur alte Männer mit Plastiktüten und Bierflaschen. Ein paar Schritte entfernt steht eine zierliche Frau mit Turnschuhen an den Füßen und einem müden Kind auf dem Arm. Natalja Sokol, Olegs Frau und wie er Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs „Woina“, sieht nicht aus wie eine Aktivistin, die Polizisten mit Urin aus einer Plastikflasche besprüht. Sie sieht nicht aus wie eine Radi­kale, die von russischen Beamten festgenommen und geschlagen wurde und dann durch die Heckklappe verschwand. Natalja Sokol, die mit ihrem Mann und den drei kleinen Kindern nirgendwo in Europa ein Zuhause findet, sieht so müde aus wie das Kind auf ihrem Arm. Sie reicht zur Begrüßung die Hand, eher ein Hauch von einem Händedruck. Sie lächelt, dann geht sie schweigend voraus in Richtung Bubenská-Straße, betritt ein Geschäftsgebäude, nickt dem Pförtner zu, der sie das Drehkreuz passieren lässt. Architekten und Designer haben hier Büros gemietet, in Studios haben sich Künstler eingerichtet. Einer von ihnen hilft Oleg und Natalja, die nun auf klapprigen Stühlen in seinem Atelier sitzen. Die Kinder schauen auf YouTube die russische Zeichentrickserie „Mascha und der Bär“.

Sie haben zuletzt mit Ihrer Familie in der Schweiz gelebt. Warum halten Sie sich nun in Tschechien auf?
Wir sind eher zufällig hierher gekommen, weil wir nirgendwo anders in Europa eine Unterkunft gefunden haben. In Prag leben viel Leute, die uns kennen, schätzen und unsere Kunst respektieren. Das macht es für uns einfacher, hier zu überleben. Und wir sind hergekommen, weil uns in der Schweiz wirklich schlimme Dinge zugestoßen sind. Wir wurden von einem bewaffneten Mob angegriffen, von Leuten, die sich selbst Menschenrechtskämpfer nennen. Wir haben Russland illegal verlassen, ohne irgendwelche Dokumente. Die Schweiz dürfte wohl der schlimmste Ort auf der Welt für Flüchtlinge sein – in ­Europa zumindest, das ist sicher. Sie denken dort nicht mal, dass Deutsche auch Menschen sind, von Russen ganz zu schweigen.

Was ist in der Schweiz passiert?
Sie schickten uns in ein Flüchtlingslager. Aber wir haben drei Kinder und eine gewisse Lebenserfahrung, wir wurden mehrmals verhaftet, unsere Kinder wurden verhaftet und entführt. Diese Lager sind Gefängnisse, nichts anderes. Manche verbringen ein, zwei Jahre dort. Es ist uns gelungen, eine versteckte Kamera mit rein zu nehmen.

Oleg und Natalja zeigen Bilder vom Flüchtlingslager Aesch in der Schweiz, von Natalja mit blauen Flecken, von ihrem Sohn im Lager. Sie berichten von den schrecklichen Zuständen, von einem Zimmer ohne Fenster. Es sei unmöglich gewesen, dort zu leben, sagt Oleg. Und er erzählt von den Auseinandersetzungen mit den Leuten, die er mit ironischem Unterton „Menschenrechts­kämpfer“ nennt, die Schweizer Medien aber als enttäuschte ehemalige Freunde und Unterstützer der russischen Aktivisten bezeichnen. Sie hätten der Familie sehr wichtige Dinge gestohlen, behauptet Oleg, davon gebe es Beweisvideos, die nun aber die Polizei verwahre. Weil ihnen in der Schweiz niemand mehr helfen wollte, auch die Polizei nicht, reiste die Familie im Juni nach Tschechien.

Nun sind Sie auch hier Flüchtlinge ohne Papiere. Müssten Sie nicht auch in Tschechien zunächst in eine Flüchtlingsunterkunft?
Ja, das wissen wir. Aber wir bestehen darauf, dass es keinen Grund gibt, uns in ein Lager zu sperren. Ein solches Lager hat zunächst den Zweck, Flüchtlinge abzuschotten, weil sie viele Krankheiten haben könnten. Wenn sie zum Beispiel aus Syrien kommen, müssen sie erst in Quarantäne, sie müssen geimpft und untersucht werden. Aber wir leben seit Jahren in Europa. Wir müssen nicht isoliert werden, wir sind genau wie ihr, wir haben die gleiche Luft geatmet, wir haben das gleiche Blut. Und außerdem haben wir genug Freunde, genug Kraft und genug Möglichkeiten, in einer eigenen Wohnung zu leben. Wir fordern keine Hilfe vom Staat. Wir haben gute Verbindungen zu Kulturschaffenden. Es gibt Gespräche mit der National­galerie, und auch mit dem Zentrum für zeitgenössische Kunst DOX sind wir in Kontakt. Und wir haben Freunde in der tschechischen Kunstszene. Wir haben uns schon ziemlich stark in die tschechische Gesellschaft integriert.

Oleg zieht an einem Joint, den ­Natalja gedreht hat.

Das heißt, Sie fühlen sich nicht als Flüchtlinge in Tschechien?
Wir sind Künstler, wir wollen als Künstler arbeiten, aber wir sind keine Flüchtlinge ohne Rechte. Wir bitten nicht um etwas, wir gehen nicht auf die Knie, wir bestehen nur darauf, dass wir die gleichen Rechte haben, hier zu sein, ja sogar mehr Rechte als andere, denn wir sind sehr gute Künstler.

Sind gute Künstler denn bessere Menschen als Flüchtlinge, die keine Künstler sind?
Kennen Sie unsere Kunst?

Die bekannteste Aktion ist wohl der sechzig Meter große Penis, den „Wojna“-Aktivisten 2010 auf eine Zugbrücke gegenüber dem Gebäude des Geheimdienstes in St. Petersburg malten …
Experten sagen – und ich stimme damit überein, die Brücke sei wie „Guernica“ von Pablo Picasso. Alle werden sterben, aber diese Brücke wird ewig leben. Sie ist ein Meisterwerk wie das „Schwarze Quadrat“ von Malewitsch, das ist meine Meinung. Und ich denke, ich bin ein bisschen besser als alle tschechischen Künstler zusammen. Wenn man so eine Meinung vertritt, wird man natürlich nicht gemocht von den Leuten. Aber es stimmt. Ich kann nicht lügen, als Künstler habe ich kein Recht zu lügen.

Wollen Sie nun Asyl in Tschechien beantragen?
Wir haben schon in der Schweiz einen Asylantrag gestellt. Wir wollten es nicht, aber wir mussten. Bevor sie uns ins Lager brachten, steckten sie mich in Abschiebehaft und nannten mir zwei Möglichkeiten. Entweder Asyl zu beantragen oder sie würden uns alle trennen und innerhalb von 56 Stunden einzeln nach Russland schicken. Was absolut nicht stimmte, sie übten nur Druck auf uns aus. Das war eine schwierige Situation, mit drei Kindern auf der Straße zu stehen. Laut Gesetz können wir nun ein anderes Land bitten, unseren Fall zu übernehmen.

Wie sehen Sie Ihre Chancen in Tschechien?
Der Justizminister hat bereits erklärt, dass er keinen Grund sehe, uns auszuliefern, aber sie können uns laut den Dublin-­Beschlüssen in die Schweiz schicken. Wenn sie nett sind, können sie unseren Fall übernehmen. Aber dafür muss ich auch sehr nett sein, ich muss gute Sachen sagen, aber ich habe bereits manches Schlechte gesagt. Das ist ein sehr interessanter Test.

Was für ein Test?
Ein zeitgenössischer Künstler macht dauernd soziale Experimente, selbst mit seinem eigenen Schicksal. Ich muss sehr provokativ sein, um heraus­zufinden, ob die Tschechen wirklich so sehr an die Freiheit glauben, wie sie immer sagen. Es gibt hier mehr Freiheit als zum Beispiel in Deutschland. Kommt Ihnen das auch so vor?

Manchmal vielleicht.
Die Tschechen glauben wirklich an den Liberalismus, als wäre es ihre Religion. Sie geben nicht nur vor, dass sie den Liberalismus lieben wie zum Beispiel die Russen. Nun haben die Tschechen dieses Image. Und egal, welche Ideen ich habe: Sie müssen die Rechte von Menschen schützen, die in ihren Ländern wegen ihrer Welt­anschauung, ihrer Ideen, Religion, ihres Geschlechts und so weiter verfolgt werden. Wir gehören zu diesen Menschen. Wir sind ein klassischer Fall von politischen Flüchtlingen. Das kann jeder sehen. Und man muss unser Recht auf freie Meinungsäußerung respektieren, ob man die Meinung gut findet oder dagegen ist. Das ist ein interessanter Test und auch ein sehr gefährlicher für uns, weil wir müde geworden sind und es langsam satt haben, in der Illegalität zu leben. Wir haben unsere Kraft verloren, mit drei Kindern, illegal, ohne Dokumente, ohne alles, manchmal ohne Dach über dem Kopf. Wir brauchen wirklich eine Pause zum Durchatmen.

Eine Pause – aber Sie wollen nicht aufhören, zu provozieren?
Wenn Sie sehen, dass jemand geschlagen wird, ist es Ihre Aufgabe, hinzusehen – Ihre Pflicht als Bürger. Die Pflicht und das Ziel eines Künstlers ist es immer, eine radikale Idee zu haben. Wenn Sie Freiheit lieben, müssen Sie sie ganz und für immer lieben. Ein Künstler hat keinen Urlaub.

Müssen sich die Tschechen auf eine große Aktion gefasst ­machen?
Wir hatten uns fest vorgenommen, kein Teil der europäischen Kunstszene zu werden, weil wir sie nicht mögen. Wir fanden nichts interessant genug für uns und beschlossen zu schweigen, obwohl das für Künstler wie Selbstmord ist. Nachdem wir nun schon einige Jahre hier leben, kam uns kürzlich in Český Krumlov eine brillante Idee, die wir hier in Europa gut umsetzen könnten. Für Russland wäre sie nicht so interessant. Aber sonst sind alle unsere Aktionen und Pläne russisch.

Was heißt das?
Wenn man kein Russe ist, kann man sie nicht genießen, das ist wie mit Poesie. Ich kann Rilke nur in Übersetzungen lesen, aber das ist nicht genug. Auch Ausländer interessieren sich für unsere Aktionen, manche finden sie gut, aber ich frage mich, warum das so ist. Sie verstehen doch nur etwa zehn Prozent, weil ihnen der kulturelle Hintergrund fehlt.

Wird es in Russland noch Aktionen geben?
Wir haben auch ein paar wirklich russische Pläne, für den Fall, dass wir in unser Heimatland zurückkehren. Aber darüber kann ich leider nichts sagen.

Ein Wachmann kommt herein. Er trägt einen dunklen Anzug, sieht sich im Raum um. „Hier riecht es nach Gras“, sagt er auf Tschechisch. „Was machen wir da?“ Oleg und Natalja sehen sich an, sprechen auf Russisch mit­einander. Sie verstünden ihn nicht, sagen sie auf Englisch. „Hier darf man nicht rauchen“, erklärt der Wachmann. „Oh, sorry, das wussten wir nicht“, antworten sie. „Wir sind eh fertig, ist schon in Ordnung.“ Als er die Tür schließt, muss Oleg lachen.

Das ist ein wundervolles Beispiel. Wir sind hier in einem Atelier. In Russland wäre es unvorstellbar, dass irgend so ein Typ kommt und einen Künstler zurechtweist. Das wäre, als würde man zu seiner Mutter sagen, sie soll die Klappe halten. In Russland – und das ist hier in Europa verloren gegangen – gehören Künstler noch immer zu den Gurus in der Gesellschaft. Sie geben sehr kluge Ratschläge, senden Botschaften.

Welchen klugen Ratschlag würden Sie der tschechischen ­Gesell­schaft geben?
Die Tschechen haben es geschafft, das Gefühl der neunziger Jahre bis heute zu bewahren, das Gefühl dieser besonderen Freiheit. Wir alle sind mittlerweile ein bisschen konservativ geworden, sogar die Radikalen. Den Tschechen ist es am besten gelungen, das Gefühl über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten. Aber: Die Neunziger sind vorbei. Glauben Sie mir, die Tschechen müssen sich entwickeln. Es wird kein sehr guter Weg werden. Er wird sich winden und im Dunkeln verlaufen, es könnte gefährlich werden, aber man muss sich weiterentwickeln, denn wir leben in den zehner Jahren des 21. Jahrhunderts. Die Tschechische Republik ist wie eine lebende Installation des guten alten Liberalismus.

… in der auch Sie noch eine Weile leben möchten?
Ich genieße es hier sehr, ich liebe Prag. Ich habe in vielen schönen Städten gelebt – in Venedig, Rom, Neapel, Paris, Nizza, Wien. Im Vergleich zu ihnen ist Prag wirklich einzigartig, es ist keine tote Stadt wie zum Beispiel Zürich, wo sogar Drogendealer aus­sehen wie Bankangestellte. Hier in Prag fühle ich mich sehr wohl und ich denke, die tschechischen Behörden sind klug genug, unsere Sprache zu verstehen.


Zur Person

Am 18. September wurde Oleg Worotnikow in Prag festgenommen. Wenige Tage später entschied das Prager Stadtgericht, dass er nicht in Haft bleiben muss. Dafür versprach der Künstler, sich dem Auslieferungsverfahren nicht zu entziehen und bis zu dessen Abschluss in Tschechien zu bleiben. Russische Behörden werfen ihm laut Interpol-Haftbefehl vor, Beamte beleidigt und Gewalt gegen sie angewendet zu haben. Ihm drohen in Russland bis zu zehn Jahre Haft in einem Arbeitslager. Sollte das zuständige Gericht der Auslieferung zustimmen, hat Tschechiens Justizminister Robert Pelikán (ANO) das letzte Wort. Er ließ bisher verlauten, er halte es für unwahrscheinlich, dass der russische Aktivist ausgeliefert werde. Zu den Unterstützern der Familie hierzulande zählte unter anderem die Künstlergruppe „Ztohoven“, die bekannt wurde, als sie im vergangenen Jahr die Standarte des Präsidenten auf der Prager Burg gegen eine große rote Unterhose austauschte. „Ztohoven“ half nach eigenen Angaben bei der Suche nach einer Unterkunft für die Familie. Mittlerweile haben sich die tschechischen Aktivisten allerdings distanziert. Auf ihrer Facebook-Seite schreiben sie, Oleg und Natalja hätten wiederholt die grundlegenden Werte verraten, die einen großen Teil der „Woina“-Aktionen der Vergangenheit kennzeichnete, und das Vertrauen und die Freundschaft ihrer tschechischen Helfer missbraucht. „Wir bereuen unsere Hilfe nicht, aber wir werden nicht weiter mit ihnen zusammenarbeiten“, so die Aktivisten von „Ztohoven“.